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 AVANTI

Dezember 2001

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INNEN
ver.di - Funktionäre:
Spitzenverdienst

In der gerade erst neu zusammengeschweißten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di herrscht Unruhe unter den Mitgliedern. Der Gewerkschaftsrat, ein ehrenamtliches Gremium, hat am 29. Oktober mit 56 zu 44 Stimmen Gehaltserhöhungen für 84 sogenannte Wahlangestellte beschlossen.

Demnach bekommt der Vorsitzende 27.000 DM pro Monat und dann eine Staffelung nach unten bis zu den 52 stellvertretenden LandesbezirksleiterInnen mit 12.100 DM. Außerdem 35 Tage Urlaub im Jahr, kein Urlaubsgeld, aber 13. Monatsgehälter. D.h., dass der Bundesvorsitzende eine 61prozentige Gehaltserhöhung einstreicht. Das Gesamtvolumen der Erhöhungen beträgt 3,4 Millionen DM jährlich. Der durchschnittliche Monatsbeitrag eines ver.di-Mitgliedes ist 23 DM, was einem Bruttogrundgehalt von 2300 DM entspricht. Die ver.di-Imagekampagne, die zur Zeit in den Kinos und Zeitungen läuft, kostet 10 Millionen DM. Die neue Zentrale am Potsdamer Platz in Berlin soll täglich 46.000 DM kosten. Der Grundstückspreis für das neue Gebäude, das in drei Jahren bezogen werden soll, kostet 180 Millionen DM.

Beeindruckende Zahlen. Man könnte denken, dass ver.di das Geld geradezu auf der Straße findet und sich nicht hauptsächlich durch ihre Mitgliedsbeiträge finanziert. Beiträge von Mitgliedern, die sich Jahr für Jahr mit Tarifergebnissen von ein bis drei Prozent rumschlagen, für die die zweite Lohnebene und Tarifflucht der sogenannten "Arbeitgeber" Normalzustand geworden sind. Die Berliner Zeitung vom 17. Oktober vermutet, dass ver.di 2006 pleite ist.

Hanebüchene Begründung

Noch beeindruckender als die Zahlen sind aber die Argumente, mit denen die GewerkschaftsbürokratInnen diese Lohnerhöhungen begründen. Die Belastung und Verantwortung auf der Führungsebene seien "erheblich". Die Gehälter entsprächen der Größe der Gewerkschaft, und in der IG Metall wird noch mehr verdient, von der Privatwirtschaft ganz zu schweigen. Außerdem sei die Vergütung auch eine Statusfrage. LandesbezirksleiterInnen sollten in Verhandlungen mit der Landesregierung auch in dieser Beziehung auf „gleicher Augenhöhe" agieren. Und es sollen Anreize für qualifizierte Leute geschaffen werden, bei ver.di arbeiten zu wollen.

In einer ausführlichen und sehr empfehlenswerten Darstellung des Sachverhaltes nebst Kommentar und Handlungsvorschlägen verschiedenster GewerkschafterInnen, was im Labournet (Unterpunkt ver.di-Diskussion) zu bekommen ist, widersprechen die Kollegen all diesen Argumenten. Sie führen an, dass in einer Zeit, in der massive Kürzungen der Budgets der Fachbereiche und Bezirke bevorstehen und Gelder für die gewerkschaftliche Arbeit zusammengestrichen werden, solche Gehaltserhöhungen unvorstellbar sind. Sie nehmen Stellung dazu, dass die soziale und tarifliche Ausgewogenheit der Beschäftigten in eine bedrohliche Schieflage gerate (dies war eins der Hauptargumente der ver.di-Führung gegen den Lufthansa-PilotInnen-Streik), wenn der Vorsitzende fast das vierfache eines Bezirkssekretärs verdient. Sie stellen in Frage, ob finanzielle Ausgleiche für berufliche Überbelastung nicht einem gewerkschaftlichen Grundverständnis widersprächen und zitieren Michael Wendl, dass der Schluss, die Vergütung entspreche dem Umfang bzw. der Qualität der geleisteten Arbeit eine neue gewerkschaftliche Lohntheorie ist.

Wie dagegen angehen?

Ob Gewerkschaftsbürokraten heutzutage in den Gewerkschaften der Bundesrepublik weniger korrupt, sozialpartnerschaftlich und systemtragend wären, wenn sie wirklich nur das durchschnittliche Gehalt ihrer Mitglieder verdienen würden, ist fraglich. Da gehört wahrscheinlich noch ein bißchen mehr dazu. Dennoch ist diese Selbstbedienungserhöhung ein Schlag ins Gesicht eines jeden Mitgliedes, auch wenn Margret Mönig-Raane, stellvertretende Vorsitzende von ver.di, in einem Interview in der jungen Welt vom 6. Oktober es für lebensfremd hält „zu glauben, man würde die eigenen Werte und Ziele für zusätzliche 5000 DM verkaufen". Na ja, da haben wir schon so einige GewerkschaftsfürstInnen vor ihr kommen (und genau aus diesem Grund) gehen sehen.

Die KollegInnen in dem o. g. Text machen verschiedene Vorschläge, wie sich die Mitglieder an der Basis gegen den Beschluss zur Wehr setzen können. Möglichst viele ver.di-Mitglieder über die Angelegenheit informieren; Gremienbeschlüsse herbeiführen, mit denen der Gewerkschaftsrat aufgefordert wird, den Beschluss rückgängig zu machen; Unterschriftensammlungen gegen den Beschluß initiieren; Bundesvorstandsmitglieder und Gewerkschaftsratsmitglieder zu Konferenzen einladen, und sie zu einer Rücknahme bewegen; Beschwerden an den Kontroll- und Beschwerdeauschuss richten; auf die Einberufung eines außerordentlichen Bundeskongresses drängen. Zur Zeit wird die Einrichtung eines treuhänderisch verwalteten Sperrkontos geprüft, auf dem GegnerInnen des Beschlusses ihre Gewerkschaftsbeiträge einzahlen könnten, um den Druck zu erhöhen.

Mensch kann sich nur dem Schluss der KollegInnen anschließen: „Tut alles, um verärgerte Mitglieder vom Austritt aus der Organisation abzuhalten. Wir fürchten, dass wir gerade auch die besten, kritischsten und engagiertesten Mitglieder verlieren würden. Die aber brauchen wir nötiger denn je."

Ida Liethen

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