ver.di - Funktionäre:
Spitzenverdienst
In der gerade erst neu
zusammengeschweißten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di herrscht
Unruhe unter den Mitgliedern. Der Gewerkschaftsrat, ein
ehrenamtliches Gremium, hat am 29. Oktober mit 56 zu 44 Stimmen
Gehaltserhöhungen für 84 sogenannte Wahlangestellte beschlossen.
Demnach bekommt der
Vorsitzende 27.000 DM pro Monat und dann eine Staffelung nach unten
bis zu den 52 stellvertretenden LandesbezirksleiterInnen mit 12.100
DM. Außerdem 35 Tage Urlaub im Jahr, kein Urlaubsgeld, aber 13.
Monatsgehälter. D.h., dass der Bundesvorsitzende eine 61prozentige
Gehaltserhöhung einstreicht. Das Gesamtvolumen der Erhöhungen
beträgt 3,4 Millionen DM jährlich. Der durchschnittliche
Monatsbeitrag eines ver.di-Mitgliedes ist 23 DM, was einem
Bruttogrundgehalt von 2300 DM entspricht. Die ver.di-Imagekampagne,
die zur Zeit in den Kinos und Zeitungen läuft, kostet 10 Millionen
DM. Die neue Zentrale am Potsdamer Platz in Berlin soll täglich
46.000 DM kosten. Der Grundstückspreis für das neue Gebäude, das
in drei Jahren bezogen werden soll, kostet 180 Millionen DM.
Beeindruckende Zahlen. Man
könnte denken, dass ver.di das Geld geradezu auf der Straße
findet und sich nicht hauptsächlich durch ihre Mitgliedsbeiträge
finanziert. Beiträge von Mitgliedern, die sich Jahr für Jahr mit
Tarifergebnissen von ein bis drei Prozent rumschlagen, für die die
zweite Lohnebene und Tarifflucht der sogenannten
"Arbeitgeber" Normalzustand geworden sind. Die Berliner
Zeitung vom 17. Oktober vermutet, dass ver.di 2006 pleite
ist.
Hanebüchene Begründung
Noch beeindruckender als die
Zahlen sind aber die Argumente, mit denen die
GewerkschaftsbürokratInnen diese Lohnerhöhungen begründen. Die
Belastung und Verantwortung auf der Führungsebene seien
"erheblich". Die Gehälter entsprächen der Größe der
Gewerkschaft, und in der IG Metall wird noch mehr verdient, von der
Privatwirtschaft ganz zu schweigen. Außerdem sei die Vergütung
auch eine Statusfrage. LandesbezirksleiterInnen sollten in
Verhandlungen mit der Landesregierung auch in dieser Beziehung auf
„gleicher Augenhöhe" agieren. Und es sollen Anreize für
qualifizierte Leute geschaffen werden, bei ver.di arbeiten zu
wollen.
In einer ausführlichen und
sehr empfehlenswerten Darstellung des Sachverhaltes nebst Kommentar
und Handlungsvorschlägen verschiedenster GewerkschafterInnen, was
im Labournet (Unterpunkt ver.di-Diskussion) zu bekommen ist,
widersprechen die Kollegen all diesen Argumenten. Sie führen an,
dass in einer Zeit, in der massive Kürzungen der Budgets der
Fachbereiche und Bezirke bevorstehen und Gelder für die
gewerkschaftliche Arbeit zusammengestrichen werden, solche
Gehaltserhöhungen unvorstellbar sind. Sie nehmen Stellung dazu,
dass die soziale und tarifliche Ausgewogenheit der Beschäftigten in
eine bedrohliche Schieflage gerate (dies war eins der Hauptargumente
der ver.di-Führung gegen den Lufthansa-PilotInnen-Streik),
wenn der Vorsitzende fast das vierfache eines Bezirkssekretärs
verdient. Sie stellen in Frage, ob finanzielle Ausgleiche für
berufliche Überbelastung nicht einem gewerkschaftlichen
Grundverständnis widersprächen und zitieren Michael Wendl, dass
der Schluss, die Vergütung entspreche dem Umfang bzw. der Qualität
der geleisteten Arbeit eine neue gewerkschaftliche Lohntheorie ist.
Wie dagegen angehen?
Ob Gewerkschaftsbürokraten
heutzutage in den Gewerkschaften der Bundesrepublik weniger korrupt,
sozialpartnerschaftlich und systemtragend wären, wenn sie wirklich
nur das durchschnittliche Gehalt ihrer Mitglieder verdienen würden,
ist fraglich. Da gehört wahrscheinlich noch ein bißchen mehr dazu.
Dennoch ist diese Selbstbedienungserhöhung ein Schlag ins Gesicht
eines jeden Mitgliedes, auch wenn Margret Mönig-Raane,
stellvertretende Vorsitzende von ver.di, in einem Interview
in der jungen Welt vom 6. Oktober es für lebensfremd hält
„zu glauben, man würde die eigenen Werte und Ziele für
zusätzliche 5000 DM verkaufen". Na ja, da haben wir schon so
einige GewerkschaftsfürstInnen vor ihr kommen (und genau aus diesem
Grund) gehen sehen.
Die KollegInnen in dem o. g.
Text machen verschiedene Vorschläge, wie sich die Mitglieder an der
Basis gegen den Beschluss zur Wehr setzen können. Möglichst viele ver.di-Mitglieder
über die Angelegenheit informieren; Gremienbeschlüsse
herbeiführen, mit denen der Gewerkschaftsrat aufgefordert wird, den
Beschluss rückgängig zu machen; Unterschriftensammlungen gegen den
Beschluß initiieren; Bundesvorstandsmitglieder und
Gewerkschaftsratsmitglieder zu Konferenzen einladen, und sie zu
einer Rücknahme bewegen; Beschwerden an den Kontroll- und
Beschwerdeauschuss richten; auf die Einberufung eines
außerordentlichen Bundeskongresses drängen. Zur Zeit wird die
Einrichtung eines treuhänderisch verwalteten Sperrkontos geprüft,
auf dem GegnerInnen des Beschlusses ihre Gewerkschaftsbeiträge
einzahlen könnten, um den Druck zu erhöhen.
Mensch kann sich nur dem
Schluss der KollegInnen anschließen: „Tut alles, um verärgerte
Mitglieder vom Austritt aus der Organisation abzuhalten. Wir
fürchten, dass wir gerade auch die besten, kritischsten und
engagiertesten Mitglieder verlieren würden. Die aber brauchen wir
nötiger denn je."
Ida Liethen
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