Die PDS ist bei den
Bundestagswahlen an der 5-Prozent-Hürde gescheitert. Sie zieht in den
Bundestag nur noch mit zwei Abgeordneten ein, die in Berlin direkt gewählt
wurden. Insgesamt bekam die Partei des Demokratischen Sozialismus
1.915.797 Zweitstimmen (4,0%).
Wahlniederlagen können selbst revolutionäre,
außerparlamentarische Organisationen in eine Krise führen. Besonders gilt dies
für eine auf die parlamentarische Arbeit ausgerichtete Partei. Für die PDS ist
das Ergebnis der Bundestagswahl der GAU - der größte anzunehmende Unfall.
Die Erklärungen für die Ursachen des Scheiterns beschränken
sich bei ihren SpitzenfunktionärInnen auf Oberflächlichkeiten. Und der
ehemalige Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion Claus meinte: "Wir dürfen uns
jetzt nicht endlos an der Schuldfrage aufhalten". Ursachenforschung ist nicht
Sache der Parteiführung um Gabi Zimmer – aus Angst vor Kritik von links.
Eine parlamentarische Partei
Intern wird die eigentliche Ursache für das Wahldebakel
kaum angesprochen werden: Die PDS ist von Kopf bis Fuss auf Wahlen, Mitarbeit
in Parlament und Staatsapparat eingestellt. Meist in der ehemaligen DDR
politisch geformt, können sich die FunktionärInnen des Parteiapparats keine
politische Arbeit vorstellen, die sich nicht um die Mitarbeit im Staatsapparat
dreht – und sei er auch nicht "sozialistisch" sondern kapitalistisch.
Angefangen als parlamentarische Opposition, zielte die PDS über
Regierungsbeteiligungen in den Ländern auf MinisterInnenposten in der
Bundesregierung. Mit dem Eintritt in die Landesregierungen in
Mecklenburg-Vorpommern und Berlin schien die Parteiführung kurz vor dem Ziel.
Doch bei der Bundestagswahl fuhr sie dort die höchsten Verluste ein. Mit der
Wahlniederlage bricht ein entscheidendes Brückenstück auf dem vorgesehenen
langen Marsch in die Institutionen weg. Die Niederlage hat die Parteiführung
um Zimmer & Co. zu verantworten.
Die PDS-Parlamentsarbeit wurde von der Wahlniederlage am
meisten getroffen. Im Apparat einer parlamentarischen Partei haben die
Fraktionen der Kommunal- und Landesparlamente großes Gewicht. Gekrönt wurden
sie von der Bundestagsfraktion der PDS. Ihre Reduzierung auf das Duo
Pau-Lötzsch ist ein Signal an die PDS-ParlamentarierInnen in Stadt und Land:
Wie kann ich meine Sachkenntnis, mein Ansehen und meine Privilegien als
Abgeordnete/r in Sicherheit bringen? Übertritte zur SPD sind zu erwarten.
Ausserparlamentarische Opposition?
Wenn Frau Marquardt meint, die PDS werde zukünftig
"außerparlamentarische Opposition" sein, irrt sie sich gewaltig. Von den
Mitgliedern im Westen traten viele in die PDS ein, um vor dem Mühsal der
Basisarbeit in parlamentarische Gefilde zu enfliehen. Die meisten
Ost-PDSlerInnen haben weder eine außerparlamentarische Vergangenheit noch eine
Zukunft. Wer am 14. September in Köln war, konnte sich von der
außerparlamentarischen Schwäche der PDS ein Bild machen.
Die PDS ist eine Wahlpartei. Den Aufbau von Betriebsgruppen
halten die PDS-Verantwortlichen weder für möglich noch für sinnvoll. Und wenn
von der fehlenden Präsenz der PDS bei der Überschwemmungskatastrophe die Rede
ist, denkt bestimmt kein PDS-Gewaltiger an eine eigene Hilfsorganisation, eine
Art Rote Hilfe, die Spenden sammelt und Unterstützung vor Ort organisiert.
Und die PDS-Linke?
Durch die Wahlniederlage könnten sich Linke in der PDS
erneut Gehör verschaffen. Aber die Herrschaft der Zimmer-Gysi-Fraktion über
den Parteiapparat werden sie kaum gefährden können. Durch eine Wahlniederlage
ist noch in keiner parlamentarisch-reformistischen Partei eine revolutionäre
Opposition entstanden. Außerdem sind die PDS-Linken selbst von der
Wahlniederlage betroffen. Ulla Jelpke und Winfried Wolf sind größeren linken
Kreisen erst als MdB der PDS bekannt geworden. Auch sie haben ihre Mandate
verloren. Und wenn ein Hans Modrow oder eine Sahra Wagenknecht zurück zu einer
PDS als Oppositionspartei wollen, dann ist das eben ein Schritt zurück und
nicht vorwärts. Denn auf dem Weg des "Erfolges" wird eine reformistische
Oppositionspartei unweigerlich zu einer reformistischen Regierungspartei, wie
das Programm der PDS von 1993 mit innerer Konsequenz zum Programmentwurf der
Brie-Klein-Brie führte.
Zwei Millionen Stimmen für SozialistInnen
Die PDS hat bei der Wahl 2 078 055 Erststimmen bzw. 1 915
797 Zweitstimmen erhalten. Das sind rund 2 Mio. Stimmen für eine
sozialistische Partei, wie reformistisch sie auch sein mag. Drei Viertel der
Zweitstimmen kommen aus Ostdeutschland; knapp ein Viertel aus Westdeutschland.
Wenn z.B. im Westen 411.828 Menschen für die PDS gestimmt haben, sie aber dort
nur 4.000 Mitglieder hat, dann zeigt das die ganze Unfähigkeit der Partei
des Demokratischen Sozialismus ihre WählerInnen über eine Stimmabgabe
hinauszuführen. Statt das Potential von kritischen Menschen zu mobilisieren
und zu organisieren, wird es von der PDS zersetzt, demoralisiert und
verschleudert. Das ist zugleich Schuld und Tragik des Reformismus. Aber die 2
Mio. Stimmen deuten auch das Potential für den Aufbau einer
revolutionär-sozialistischen Alternative an. In der BRD hat der Reformismus
mit der PDS seinen vorläufigen Höhepunkt überschritten. Hoffentlich wird sich
die revolutionäre Linke rechtzeitig ihrer Verantwortung für das politische
Vakuum bewußt, dass die Zimmer-Partei hinterlassen wird.