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 AVANTI

Oktober 2001

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INNEN

Massenhafter Schock und Ausschreitungen nach dem Terroranschlag

Die Herrschenden rüsten zum Krieg – eine Antikriegs-Bewegung zeichnet sich ab
Im Gefolge des Terroranschlags auf das WTC in New York am 11. September arbeiten US-Regierung und Massenmedien mit Hochdruck daran, Stimmung für einen vaterländischen Krieg zu machen. Drohungen gegen islamische und arabische BewohnerInnen und Angriffe durch Bürgerwehren greifen um sich. Aber es organisiert sich auch eine Gegenwehr gegen Krieg und Rassismus.

Momentan weiß niemand genau, wer hinter dem Bombenterror steckt, der bereits Hunderte von Toten bei noch über 5.000 Vermissten gefordert hat. Von diesen sind die meisten ebenfalls tot, auch wenn die Rettungsbemühungen noch andauern.

Präsident Bush hat erklärt, die USA stünden jetzt im Krieg gegen die Terroristen und es sei eine langjährige militärische Kampagne geplant. Noch unklar ist, was damit im Detail gemeint ist. Die einzig konkrete Aktion bisher sind diplomatische Bemühungen an die Adresse des Talibanregimes in Afghanistan, die über Pakistan laufen und eine Auslieferung Osama bin Ladens an die Strafverfolgungsbehörden zum Ziel haben. Obwohl keinerlei sichere Beweise für seine Verwicklung in die Ereignisse vom 11. September existieren, schießen sich Presse und Regierungsvertreter zunehmend auf bin Laden ein – einen saudischen Millionär mit Wohnsitz in Afghanistan. Bin Laden wurde ursprünglich unter der Schirmherrschaft des CIA ausgebildet, um gegen die prosowjetischen Kräfte in Afghanistan vorzugehen. Später aber kehrte er sein erworbenes Wissen gegen die USA.

Freitag, den 14. September verabschiedete der US-Kongress bei nur einer Gegenstimme eine Resolution, in der Präsident Bush autorisiert wurde, „alle notwendigen und geeigneten Gewaltmaßnahmen gegen die Nationen, Organisationen und Personen zu ergreifen, von denen er überzeugt ist, dass sie die terroristischen Angriffe vom 11. September 2001 geplant, genehmigt, begangen oder unterstützt haben oder solchen Personen oder Organisationen Unterschlupf gewährt haben. Damit sollen in Zukunft jegliche gegen die USA gerichtete Aktionen des internationalen Terrorismus durch solche Nationen, Organisationen oder Personen verhindert werden."

An die eher bescheidene Erfolgsbilanz der US-Präsidenten, die sich in der Vergangenheit als Richter, Geschworene und Scharfrichter zugleich gegen den Terrorismus aufgespielt haben, will sich keiner so recht erinnern. Denken wir nur an den von Präsident Clinton befohlenen Raketenangriff auf eine Pharmafabrik im Sudan, die nach Angeben des US-Geheimdienstes in die Herstellung von chemischen Waffen für bin Laden verwickelt gewesen sein soll. Wie sich hinterher herausstellte, war diese „Information" komplett falsch.

Einzig die demokratische Kongressabgeordnete aus Kalifornien, Barbara Lee, besaß den Mut gegen die Resolution zu stimmen, in der Bushs Vorgehen gebilligt wurde. Sie erklärte: „Ich bin der Überzeugung, dass militärische Aktionen nicht geeignet sind, weitere internationale Terrorakte gegen die USA zu unterbinden."

Die Reaktionen des Durchschnittsbürgers waren von Menschlichkeit und Mitgefühl für die Opfer des Angriffs geprägt. Die Stadt New York erreichten so viele Lebensmittel und andere Spenden und so viele Freiwillige, die bei den Rettungsarbeiten halfen, dass Bürgermeister Giuliani öffentlich bekannt geben musste, dass kein weiterer Bedarf mehr sei.

Fremdenfeindliche Reaktionen

Leider war die vorherrschende Reaktion der US-Bevölkerung auf die patriotischen Aufrufe genauso zustimmend, was indes nicht überrascht. Allenthalben sieht man US-Bürger jeglicher Hautfarbe und ethnischer Herkunft mit amerikanischen Flaggen durch die Straßen ziehen oder an Autos, Häusern und Büros zur Schau stellen. Selbstverständlich wird hiermit neben der Zustimmung zum Krieg im selben Maße auch Solidarität mit den Opfern zum Ausdruck gebracht. Meinungsumfragen ergeben eine konstante Zustimmung von 70-80% zu einer Militärkampagne gegen den „Terrorismus", wobei die Zahlen jedoch deutlich sinken, wenn die Frage auf eine langfristige Kampagne mit erheblichen Verlusten unter der Zivilbevölkerung anderer Nationen abzielt. Immerhin ist positiv zu vermerken, dass 20-30% der US-Bevölkerung die Kriegspropaganda unter den gegebenen Umstände nicht schlucken.

Alle größeren Sportveranstaltungen wurden für mindestens eine Woche nach dem Anschlag abgesagt einschließlich der Ligaspiele in Baseball und Football. Ebenso wurden politische Demonstrationen abgeblasen - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Als die AFL-CIO ihre Teilnahme an einer für Ende September geplanten Protestveranstaltung gegen das Treffen von IWF und Weltbank in Washington zurückzog, gab ihr Vorsitzender John Sweeny eine Erklärung ab, wonach jetzt die Zeit sei, „die Menschen zusammenzubringen, um einen Heilungsprozess in Gang zu setzen und unser Gemeinschaftsgefühl und Vertrauen zu erneuern". Er rief IWF und Weltbank dazu auf, ihr Treffen gleichfalls abzusagen, was dann auch geschehen ist. Unabhängig davon würden Demonstrationen jedenfalls nicht stattfinden.

Im Gegensatz dazu hatten die Organisatoren einer größeren Protestveranstaltung zu Mumia Abu-Jamal vor, ihre für Samstag, den 15. September geplante Veranstaltung programmgemäß durchzuziehen. Freitags jedoch mussten sie gezwungenermaßen absagen, nachdem klar wurde, dass die Sicherheit der Demonstranten in der momentanen Atmosphäre nicht sicher gestellt werden könnte. Die Organisatoren verwiesen u.a. auf „zahlreiche Angriffe auf Araber und Moslems und deren Geschäfte in der Stadt. Eine Frau wurde von einer Gruppe von Männern angegriffen, ohne dass ihre Anzeige danach Ernst genommen wurde. Das örtliche Radioprogramm strotzt von Bemerkungen wie: ‘Wir müssen mit ihnen das Gleiche machen wie mit den Japsen im 2. Weltkrieg’ oder: ‘Warum schicken sie nicht einfach alle Araber und Moslems ins Internierungslager? Das würde all diese Probleme lösen’. Bei etlichen Geschäften, deren Eigentümer oder auch nur Angestellte aus dem Nahen Osten stammen, wurden die Schaufenster eingeworfen."

Eine derartige antiarabische und antiislamische Stimmung ist weit verbreitet und repräsentiert einen der finstersten Aspekte in der gegenwärtigen Situation. Ein Großteil der etablierten Presse und viele Politiker sind inzwischen so darüber beunruhigt, dass schon Aufrufe herausgegeben wurden, damit aufzuhören. Drohungen und Übergriffe passieren im ganzen Land. Die New York Times vom 12. September berichtete beispielsweise: „Yasser Ahmed, Filialleiter eines Süßwaren- und Lebensmittelgeschäfts in arabischem Besitz am Broadway in Upper Manhattan erzählte, dass etwa 10 Leute hereingekommen seien und gerufen hätten: ‘Ihr Typen seid’s gewesen!’ und ähnliche Anschuldigungen." Derselbe Times-Artikel beschreibt einen Zwischenfall in Dearborn, Michigan, wo der Herausgeber einer arabisch-amerikanischen Zeitung von feindseligen Telefonaten gegen die Belegschaft bis hin zu Todesdrohungen erzählt hat.

Im ganzen Land waren Moscheen Gegenstand von Bombendrohungen unmittelbar nach den Ereignissen, und arabische Studenten wurden bedroht und schikaniert. In einem Vorort von Chicago versuchten etwa 350 Leute – teils amerikanische Flaggen schwingend – zu einer Moschee zu marschieren, wobei jedoch die Polizei eingriff, um Gewalttaten zu verhindern. In Chicago selbst wurde ein Mann verhaftet, nachdem er einen Toilettenwärter einer arabisch-amerikanischen Tankstelle mit einer Machete angegriffen hatte. Gegen eine islamische Schule wurde eine Brandbombe geschleudert, die dann jedoch außerhalb explodierte, ohne Schaden anzurichten. Ein Korrespondent in Kalifornien berichtet, dass eine afghanische Pizzeria in seiner Gegend am Mittwochabend mit Brandbomben beworfen wurde.

Auf der anderen und positiven Seite haben traditionell linke Kräfte von der Grünen Partei bis hin zu dezidiert revolutionären Organisationen zwar ihre Fassungslosigkeit, Empörung und Verurteilung der menschlichen Tragödie einmütig zum Ausdruck gebracht, sich aber ebenso deutlich gegen die Kriegspropaganda gewandt und begonnen, eine Bewegung zu organisieren, um die Kriegsstimmung und die rassistischen Angriffe auf islamische und arabische Bewohner zu bekämpfen.

StudentInneen im ganzen Land haben für Donnerstag, den 20. September einen Aktionstag ausgerufen. Die Versammlungen stießen auf breite Resonanz. So kamen zum Beispiel 150 Teilnehmer zu einem Vorbereitungstreffen an der Universität von Berkeley in Kalifornien.

Am 14. September beteiligte sich ein Gruppe von Mitgliedern von „Not In My Name" (NIMN, Nicht in meinem Namen), einem Zusammenschluss u.a. von Arabern und Juden, an einer Mahnwache, die von der Stadt Chicago unterstützt wurde. Auf dem Transparent der NIMN stand in englisch, arabisch und hebräisch: „Als Araber und Juden weigern wir uns, Feinde zu sein". Teilnehmer berichteten von begeisterter Zustimmung anderer Anwesender. In New York fand am 15. September eine Mahnwache auf dem Union Square statt und zwar unter der Losung: „Der Islam ist nicht der Feind. Krieg ist keine Antwort." Für den darauffolgenden Montagabend wurde vom Direct Action Network, einer der wichtigen Gruppierungen in der Anti-Globalisierungs-Bewegung in den USA, ein Treffen mit über 300 TeilnehmerInnen zur Vorbereitung weiterer Aktionen organisiert. ein anderer Verband, in dem eher traditionelle linke Organisationen und Nichtorganisierte vertreten sind, hielt vergangenen Freitagabend ein Treffen von mehr als 200 TeilnehmerInnen ab und plant ebenfalls Aktivitäten in der New Yorker Gegend.

In Detroit, der Stadt mit der höchsten arabischen Bevölkerungszahl außerhalb des Nahen Ostens, gingen am Montag 100 Leute auf die Straße und versammelten sich vor einem islamischen Studentenzentrum, wo die Scheiben eingeworfen worden waren. Ihr Transparent lautete: „Die Araber sind unsere Brüder und Schwestern – Gegen den Krieg!" Antikriegsaktionen oder Vorbereitungen dazu finden auch in anderen Städten der USA statt.

Steve Bloom (New York), 18. September 2001
Übersetzung: Miwe

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