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 AVANTI

Oktober 2001

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INNEN
Die Rezession bahnt sich an:
Die Weltwirtschaft nach dem 11. September

Seit knapp einem Jahr erleben wir Schritt für Schritt den Rückgang der Weltkonjunktur in Richtung Rezession. Sie wird den gewerkschaftlichen und den Antiglobalisierungswiderstand vor qualitativ neue Herausforderungen stellen.
Die Wirtschaftswoche vom 13.9.01 schreibt: „Viel schlimmer noch als die kurzfristigen Reaktionen [an den Börsen] sind die langfristigen Folgen. Das Grundvertrauen in die US-Wirtschaft ist erschüttert – und das im denkbar schlechtesten Moment. Die Konjunktur steht in den Vereinigten Staaten seit Wochen auf der Kippe."

Die Ausgangsbedingungen

Das fast 10-jährige Wirtschaftswachstum in den USA neigte sich schon Ende letzten Jahres dem Ende entgegen. Ein Grund für die dort etwas verlängerte Konjunktur lag in den Auswirkungen der technologischen Neuerungen im IT-Sektor und der führenden Position der US-Firmen auf diesem Gebiet. Das bedeutende Wachstum dieses Sektors machte 25% des Gesamtwachstums der US-Wirtschaft aus. Der zweite wichtige Faktor war das gewaltige Aufblähen der Aktienkurse, die in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zunehmend der realwirtschaftlichen Grundlage davonliefen. Beides ist inzwischen von der nüchternen Wirklichkeit eingeholt worden: 
Seit Frühjahr 2000 platzte die Spekulationsblase in mehreren Schüben (Crash auf Raten). Die Aktienwerte verloren allein an der New Yorker Börse von Jahresbeginn bis zum Sommer 13% (= 2 Billionen $) und vor allem der Nasdaq hat sich mehr als halbiert (vom März 2000 bis Feb. 2001 um ca. 40% = 2,6 Bio $). Beim Nemax in Deutschland ist es noch schlimmer und vom Nikkei-Index (Japan) traut sich kaum noch jemand zu sprechen: Er lag Ende August auf einem 14-Jahrestief (Handelsblatt v. 31.8.01). Die nackten Zahlen beschreiben nur unzureichend die wirkliche Bewegung. Wer in Japan auf dem Höhepunkt der Blase, als der Nikkei-Index bei knapp 40.000 lag, Aktien kaufte, hat inzwischen im Durchschnitt mehr als 70% des Wertes verloren. Eine baldige Erholung ist nicht in Sicht. Dort „ist (die Lage) ernster als in der Finanzkrise 1997/98" (HB v. 31. 8.01.) 

Besonders die sogenannte New Economy ist in der Krise. Losgekoppelt von der kaufkräftigen Nachfrage als entscheidender Größe für den kapitalistischen Konjunkturverlauf liefen die Wachstumsraten lange davon. Auch hier ist (nicht nur in den USA) für den Entwicklungsverlauf der Wirtschaft bestimmend, wieviel Kaufkraft die sogenannten „letzten KonsumentInnen" haben.

Folgende Fakten zeigen, dass eine Trendwende nicht zu erwarten ist:

Im Verlauf der 90er Jahre bis zum 2. Halbjahr 2000 sank die Sparquote in den USA von 8% auf Null. Im Vertrauen auf den ewigen Aufschwung finanzierten PrivatanlegerInnen ihre Aktienkäufe im Wert von 300 Mrd. $ sogar mit Krediten (!). Heute sind diese Aktien nur noch einen Bruchteil ihres Kaufpreises wert, die Zinsen für die Kredite müssen aber bezahlt werden. Es geht also weniger um das berühmte „Vertrauen" der VerbraucherInnen als um die real zur Verfügung stehende Kaufkraft. Deswegen wollen die VerbraucherInnen sparen und Schulden abbauen (HB v. 10.9.01).

Anders ausgedrückt: Die durch die Rationalisierung aufgebauten Kapazitäten finden mangels kaufkräftiger Nachfrage keine ausreichende Auslastung. Wenn in den USA, als entscheidenden Motor der Weltwirtschaft, die Produktivität pro Arbeitsstunde von 1973-96 um 26,4% gestiegen ist, die Reallöhne aber nur um 1,8%, dann wurde hier bereits der Grundstein für das wesentliche Ungleichgewicht in der Wirtschaft gelegt. Genau diese Disproportionen sind in der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft strukturell angelegt und können auch durch eine Blase an den Börsen nicht umgangen werden. Die kapitalistische Wirtschaft ist eben keine Planwirtschaft. Das Hinauszögern der kapitalistischen Bereinigungskrise durch Aktienhöhenflüge macht die Krise nur noch tiefer.

Synchronisierung

In einer ganzen Reihe von Ländern wie Türkei und Argentinien, hat die Rezession schon gewaltige Ausmaße angenommen. In „Brasilien droht Stagnation" und „Südostasien fürchtet die Rezession. Singapur, Südostasiens stärkste Volkswirtschaft, ist in die Rezession gerutscht." schrieb das HB. Sonderfaktoren für eine Abkoppelung bedeutender Volkswirtschaften vom krisengeschüttelten Rest der Welt, existieren heute nicht. Die Vernetzung durch die globalisierte Wirtschaft verstärkt die Auswirkungen auf andere Länder.

Hinzu kommen die globalen Auswirkungen des 11. September. Obwohl die Spekulationsblase schon geplatzt ist, schreibt das Ifo-Institut: „Die Gefahr eines weltweiten Börsencrashs ist durchaus gegeben". Und die Financial Times Deutschland meint: „Der Grundtenor an den Börsen ist nach unten gerichtet, bedingt durch zu viele negative Unternehmensnachrichten". „Die Folgen der Terrorakte in den USA für die Gewinnentwicklung der Unternehmen sind noch unkalkulierbar" (FTD, 15.9.01). Nach der Einschätzung der meisten AnalystInnen und praktisch aller Wirtschaftsforschungsinstitute würde ein volles Anwerfen der Militärmaschinerie eine Eskalation in Gang setzen, die einen gewaltigen Druck auf die Märkte ausüben würde. Mit Sicherheit kann heute vor Ausbruch des Krieges mit folgenden Auswirkungen gerechnet werden:

Zu allererst werden zivile Luftfahrtindustrie und Fluggesellschaften gewaltig einbrechen. Vorsichtige Schätzungen gehen heute von 10-20% Umsatzrückgang aus. Die amerikanischen Fluggesellschaften (650.000 Beschäftigte) hatten schon das erste Halbjahr 2001 mit Verlusten abgeschlossen. Inzwischen wurden allein bei den beiden größten Linien insgesamt über 40.000 Entlassungen angekündigt. Auch ohne Einbeziehung der arabischen Welt wird im Kriegsfall der Ölpreis unweigerlich steigen. Das wird die gesamte Konjunktur stark nach unten drücken.

Die Börsen werden weiter absacken. Dabei schrumpfen nicht nur die Ersparnisse der KleinanlegerInnen, sondern wird real Kapital vernichtet. „Die Gesellschaft wird wieder stärker nach Abschottung rufen", so der Präsident des HWWA-Instituts Straubhaar. Damit werden die Transaktions- und Kontrollkosten steigen und somit einen Trumpf des „Globalisierungszeitalters" wieder zunichte machen bzw. weit zurückwerfen. Einwanderungen und eine weitere Öffnung der Märkte werden erschwert. An beidem hat der Neoliberalismus ein ausgeprägtes Interesse. Die USA werden als Reaktion auf einen schrumpfenden oder stagnierenden Welthandel eine Verbilligung des Dollars vorantreiben. Zusammen mit steigenden Ölpreisen wird dies anderswo die Inflation erhöhen.

Aufschwung im Windschatten steigender Rüstungsetats?

Der von der US-Regierung geplante „lang anhaltende Krieg" nimmt zwar die schrecklichen Ereignisse des 11. September als Anlass. Aber politisch überraschend kommt dieser neue militärische Ansatz keineswegs. Schon während Bushs Wahlkampf und erst recht mit den Ankündigung des neuen Raketenabwehrprogramms wurde das gewachsene Gewicht des militärindustriellen Komplexes deutlich. Dies beruht auf der Verschiebung der Gewichte innerhalb der herrschenden Klasse in den USA. Zur Zeit ringen verschiedenen Teile der KaptaleignerInnen um das beste Konzept: Ankurbelung der Konjunktur z.B. über einen billigen Dollar oder Festigung der Weltvorherrschaft der USA zur Stärkung der eigenen Industrie. In diesem Zusammentreffen spielt der amerikanische Bankensektor zur Zeit eine unentschiedene Rolle. Doch mit den nach dem 11. September getroffenen Entscheidungen und ihrer umfänglichen Inszenierung – und hier kommt die relative, aber reale Autonomie der Politik ins Spiel – nutzen die BefürworterInnen einer militärischen „Lösung" die Gunst der Stunde. Diese Teile der amerikanischen herrschenden Klasse sind in der Bush-Administration absolut dominant und werden auf absehbare Zeit das Geschehen beherrschen.

Beim gegenwärtigen Stand der Entwicklung der kapitalistischen Ökonomie ist es aber mehr als zweifelhaft, ob der militärische Sektor zu einem Motor für die gesamte Konjunktur werden kann: In der Vergangenheit konnte der militärisch-industrielle Komplex nur im Rahmen einer lang anhaltenden Expansionsphase die Rolle des Konjunkturbegradigers spielen. Er konnte Ausschläge nach unten abdämpfen, allerdings bei gleichzeitiger Ankurbelung der Inflation. Zur Zeit ist es noch zu früh, die polit-ökonomischen Auswirkungen in vollem Umfang abschätzen zu können. Zu viele Faktoren sind noch unbestimmt:

Inwieweit gelingt es dem Imperialismus (nicht nur in Worten) eine breite Allianz unter Einschluss der Mehrheit der islamischen Staaten hin zu bekommen? Dies hängt vor allem von dem konkreten Vorgehen der USA ab (Flächenbombardements, Luftlandetruppen etc.). Innenpolitisch sind jedenfalls die USA unter Ausnutzung des 11. September endlich so weit, das Vietnamtrauma endgültig abzuschütteln und – unter dem Eindruck des Terrors – eigene Bodentruppen einzusetzen. Dies wird massiver erfolgen als im Golfkrieg, wo diese erst zum Einsatz kamen, als die irakische Armee durch breit angelegte Bombardements weitgehend ausgeschaltet war. Heute wird es wahrscheinlich die US-Bevölkerung erst einmal hinnehmen, dass die Streitkräfte in einen langen Krieg mit eigenen Bodentruppen und hohen Verlusten eintreten.

In welcher Weise werden sich die anderen imperialistischen Staaten aktiv daran beteiligen? Von den islamischen Ländern ist im besten Fall eine passive Duldung zu erwarten. In welchem Tempo gehen die USA gegen andere „Schurkenstaaten" vor? Welche wirtschaftlichen Maßnahmen werden die Staaten ergreifen, die sich aktiv gegen militärsche Angriffe wenden? Wie groß wird die Antikriegsbewegung in den imperialistischen Ländern werden?

Die letztgenannte Ebene wird dabei zu einem Schlüsselelement werden. Der Beschluss des europäischen Gewerkschaftsbundes vom 20.9., von den Regierungen Konjunkturprogramme und Zinssenkungen zu verlangen, ist vollkommen wertlos, weist sogar in die falsche Richtung. Es wird gerade jetzt darauf ankommen, an der „Lohnfront" in die Offensive zu gehen und zu breiten Antikriegsmobilisierungen aufzurufen. Nur damit werden die Lohnabhängigen den wirtschaftlichen und politischen Preis des Kapitals für seine Kriegspolitik in die Höhe treiben können.

D. Berger, 20.9.2001

  Berlin:
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Die Rezession bahnt sich an:
Die Weltwirtschaft nach dem 11. September
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Korporatismus gegossen in Tarifverträge
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14. Dezember 2001
Auf nach Brüssel!
Gewinne & Entlassungen
Der real existierende Kapitalismus
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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