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 AVANTI

Oktober 2001

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INNEN
Kampf der Barbaren

Die westliche Welt bereitet den Krieg gegen Feinde vor, die sie selbst hervorgebracht hat. Durch die innere Aufrüstung wird sie ihnen ähnlicher.
Wird für spätere Generationen der 11. September symbolisch für den Zeitpunkt stehen, da die kapitalistische Zivilisation ihre Möglichkeiten endgültig erschöpft hatte und in die Barbarei umschlug? Wenn auf den Straßen von Teheran trotz prügelnder Islamisten der Terroropfer von New York gedacht wird und in New York trotz der nationalistischen Kriegsmobilisierung Friedensdemonstrationen stattfinden, bedeutet das, dass viele Menschen sich nicht mit der Rolle abfinden wollen, die ihnen im „Kampf der Zivilisationen" zugedacht ist. Doch der Anschlag auf das World Trade Center könnte nicht nur die kriselnde Weltwirtschaft endgültig in die Rezession stürzen. Seine mediale Inszenierung hat auch eine nicht zu unterschätzende massenpsychologische Wirkung. Eine brisante Mischung.

Fundamentalisten gegen Sodom und Ghomorra

Derzeit deutet alles darauf hin, dass die Anschläge tatsächlich auf das Konto des Al-Qaida-Netzwerks gehen, einer international operierenden Organisation der extremsten Gruppen im islamistischen Spektrum. Niemand sonst hat das Motiv, die finanziellen und organisatorischen Mittel und die nötige Zahl von Selbstmordattentätern für eine Operation dieser Größenordnung. Die mutmaßlichen Täter kamen meist aus wohlhabenden Familien und hatten eine akademische Ausbildung. Auch wenn Osama bin Laden möglicherweise nicht die ihm von den US-Behörden zugeschriebene Führungsfunktion bei Al-Qaida hat, ist sein Beispiel exemplarisch. Der Sohn eines der reichsten Bauunternehmer Saudi-Arabiens hat ein geschätztes Vermögen von 300 Millionen Dollar. Die afghanische Bevölkerung hat von diesem Geld wenig gesehen.

Das Motiv der Al-Qaida ist nicht Armut oder die Empörung über die Armut. Für sie symbolisiert das WTC nicht die ungerechte Verteilung von Reichtum in der Welt, von der sie über ein Netz von Tarnfirmen selbst profitieren. Sie hassen die „Dekadenz", die Möglichkeit, sich aus Hierarchien und Zwängen zu lösen – das in der US-Verfassung festgehaltene uneingelöste Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft, dass jeder Mensch das Recht auf „Streben nach Glück" habe. Der Massenmord wurde als Spektakel für die Massenmedien inszeniert, um zwei religiöse Bilder wachzurufen, die Christentum und Islam gemeinsam sind: Gott lässt Feuer vom Himmel fallen, um die Stadt der Sünder zu strafen, und die „Türme von Babel", Symbol des menschlichen Strebens, sich aus vermeintlich gottgegebenen Zwängen zu lösen, versinken, als habe die Hölle sie verschluckt.

In der islamischen Welt will al-Qaida sich als Racheengel präsentieren. Doch das Bild, das New York zum Symbol für Sodom und Ghomorra macht, wurde auch vom einflussreichen christlich-fundamentalistischen Fernsehprediger Jerry Falwell sofort aufgegriffen. Amerika habe Abtreibung und Homosexualität legalisiert, es sein kein Wunder, dass Gott „seine schützende Hand von uns genommen" habe: „Wenn Amerika nicht bereut und zum wahren Glauben zurückkehrt, dann müssen wir leider mit noch mehr Tragödien rechnen."

Innere Aufrüstung

Wie wirkungsmächtig dieses Bild werden kann, ist noch unklar. In der islamischen Welt reagierten die meisten Menschen mit Entsetzen auf den Tod Tausender ZivilistInnen, selbst die islamistischen Organisationen haben die Anschläge fast einhellig verurteilt. Doch die Bilder haben in den USA nicht nur religiöse und nationalistische Emotionen, sondern auch die Kriegsmaschine mobilisiert. Angriffe auf islamische Staaten, so die Kalkulation der Al-Qaida, könnten dann doch noch den erhofften Solidarisierungseffekt gegen „den Westen" bringen.

Die westlichen Staaten arbeiten unterdessen an der Herstellung der inneren Einheit. In Deutschland wird die Symbolik von Sünde und Reue zwar etwas dezenter formuliert, doch auch hier dominiert die Vorstellung, dass man sich in der Vergangenheit zuviel amüsiert und zu wenig an Opferbereitschaft gedacht hat. Nicht nur der derzeit auf allen Fernsehschirmen präsente reaktionäre „Islam-Experte" Peter Scholl-Latour freut sich sichtlich über das Ende der „Spaßgesellschaft".

Der Kampf gegen den kommenden Krieg und die innere und äußere Aufrüstung muss deshalb mit einer emanzipatorischen Perspektive geführt werden. Das bedeutet auch, die Bedrohung durch anti-emanzipatorische Bewegungen der „Dritten Welt" ernster zu nehmen. Weniger deshalb, weil auch uns eines Tages ein Flugzeug auf den Kopf fallen könnte, als wegen der Gefahr, dass im „Kampf der Zivilisationen" jede Perspektive auf Befreiung verschwindet. Dass diese Entwicklung nicht zwangsläufig ist, beweist der Kampf der algerischen Jugendlichen gegen soziale Misere, Militärregime und Islamismus.

Antikommunistische Allianz

Schon bevor die Türme des WTC zusammenstürzten, war die kapitalistische Euphorie der 90er Jahre verschwunden. Stattdessen hieß es: Es gibt keine Alternative. Jetzt präsentiert sich der kapitalistische Staat als einzige Alternative zum Terror. Doch bin Laden und die Al-Qaida sind keine Barbaren, die von außen gegen die Mauern der Zivilisation anstürmen. Sie sind nicht nur Teil der kapitalistischen Vergesellschaftung, sondern auch das Ergebnis einer Politik, die archaische Diktaturen und Warlords fördern muss, um ihre Interessen durchzusetzen.

Es ist kein Zufall, das der Aufstieg der Al-Qaida im Zeichen des Antikommunismus begann. Seit den 70er Jahren förderte der Westen konservative islamistische Gruppen als Gegengewicht zu nationalistischen Staaten und Bewegungen, die damals noch soziale Gerechtigkeit versprachen. Als 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschierten, begann die wohl größte Geheimdienstaktion der Geschichte: Die USA, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten mit mindestens 500 Millionen Dollar jährlich die Mujahedin der islamistischen Organisationen.

Damals entstand das Al-Qaida-Netzwerk, das Freiwillige aus islamischen Staaten und Waffen an die Mujahedin-Gruppen verteilte. Einer der wichtigsten Organisatoren war bin Laden. Einen Teil der Waffen und des Geldes sparte man für spätere Einsätze auf. Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen blieben viele der zurückkehrenden Freiwilligen Al-Qaida verbunden. Sie schlossen sich überwiegend den extremsten islamistischen Organisationen an. Die von der Hauptströmung des Islamismus propagierte Idee einer Entwicklungsdiktatur wurde in diesen Gruppen durch den fanatischen Willen zur Säuberung der Gesellschaft von „unislamischer Dekadenz" ersetzt.

Unterdessen hatte sich in der islamistischen Mythologie die Vorstellung durchgesetzt, allein der „Jihad" (heilige Krieg) in Afghanistan habe zum Zusammenbruch der Sowjetunion geführt. Und wenn es gelungen war, die eine Supermacht zu besiegen, warum nicht gleich auch die nun einzig verbliebene ins Visier nehmen? Wegen des Krieges gegen den Irak war es 1990/91 zum Bruch mit den USA und Saudi-Arabien gekommen. Der saudische König hatte es den US-Truppen gestattet, Stützpunkte in Saudi-Arabien zu errichten. Fortan stand auch die „Säuberung" der islamischen Staaten von der US-Präsenz auf dem Programm.

Der Aufstieg der Taliban

Auch die meisten afghanischen Islamisten hatten 1991 die Beziehungen zu den USA abgebrochen – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da Afghanistan als Transitroute für Pipelines zu den mittelasiatischen Energievorräten an Bedeutung gewonnen hatte. 1994 schlossen sich die USA, Pakistan und Saudi-Arabien zusammen, um den Weg für die anvisierten Pipelines von einer neuen Bewegung freischießen zu lassen. Das war die Stunde der Taliban. Großzügig mit Geld und Waffen ausgestattet, gelang es der gerade erst entstandenen Bewegung, den größten Teil Afghanistans zu erobern oder durch Bestechung feindlicher Kommandanten zu erkaufen.

Doch die Taliban hatten noch einen anderen Gönner: bin Laden. Die drei Millionen Dollar für den Kauf von Kabul kamen von ihm. So erwarb er sich 1996 das Recht, sich nach Art eines Warlords in Afghanistan zu etablieren; er hält sich eine Privatmiliz und hat in führende Taliban-Kreise eingeheiratet. Zu diesem Zeitpunkt wurde er bereits für zwei Bombenanschläge auf US-Stützpunkte in Saudi-Arabien verantwortlich gemacht. Bald darauf zogen sich die USA verärgert aus der Koalition der Taliban-Unterstützer zurück. Auch Saudi-Arabien ging auf Distanz, Pakistan dagegen hielt den Taliban die Treue. Bis zum 11. September aber wollten sich die USA die Tür zu einer Einigung mit den Taliban offen halten.

Den Taliban, die gerade recht erfolgreich mit UNO und westlichen Staaten um diplomatische Anerkennung und Finanzhilfe pokerten, kommt die derzeitige Entwicklung wohl ungelegen. Eine Auslieferung bin Ladens würde jedoch zu einer Spaltung des Regimes führen. Der Krieg scheint damit unvermeidlich, und vermutlich ist genau dies das Ziel der Al-Qaida: Die US-Truppen in einen Guerillakrieg in Afghanistan zu verwickeln, der schnell zu einer Eskalation in Pakistan führen könnte.

Drohende Eskalation

Die Taliban gingen aus dem pakistanischen Islamismus hervor, die Verbindungen zwischen den Organisationen beider Länder sind eng. Nur unter starkem Druck der USA entschloss sich das pakistanische Militärregime, den Krieg gegen Afghanistan zu unterstützen – eine Entscheidung, die auch von den bürgerlichen Oppositionsparteien kritisiert wird. Die einflussreichen islamistischen Organisationen verfügen über große Mengen an Waffen und haben viele Sympathisanten im Offizierskorps. Die größte Sorge der US-Strategen dürfte derzeit sein, dass das pakistanische Atomwaffenarsenal aufständischen Militäreinheiten in die Hände fallen könnte. Schon beim ersten Militäreinsatz im von den USA ausgerufenen „Krieg gegen den Terrorismus" droht eine Eskalation mit unabsehbaren Folgen.

Anfang September gab die UNO bekannt, dass in Afghanistan in den kommenden Monaten vier Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Bereits Mitte September war die Verteilung von Hilfsgütern praktisch beendet. Es ist kennzeichnend für den Zustand der kapitalistischen Zivilisation, dass bislang kein Vertreter der US-Regierung, kein westlicher Kommentator und kein islamistischer Prediger diese Tatsachen einer Erwähnung für Wert befand. Gegen den Kampf der Barbaren müssen wir die Perspektive auf Befreiung verteidigen und die Menschenverachtung bekämpfen. Überall.

Harry Tuttle

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