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Kampf der Barbaren
Die westliche Welt bereitet den
Krieg gegen Feinde vor, die sie selbst hervorgebracht hat. Durch die
innere Aufrüstung wird sie ihnen ähnlicher.
Wird für
spätere Generationen der 11. September symbolisch für den
Zeitpunkt stehen, da die kapitalistische Zivilisation ihre
Möglichkeiten endgültig erschöpft hatte und in die Barbarei
umschlug? Wenn auf den Straßen von Teheran trotz prügelnder
Islamisten der Terroropfer von New York gedacht wird und in New York
trotz der nationalistischen Kriegsmobilisierung
Friedensdemonstrationen stattfinden, bedeutet das, dass viele
Menschen sich nicht mit der Rolle abfinden wollen, die ihnen im „Kampf
der Zivilisationen" zugedacht ist. Doch der Anschlag auf das
World Trade Center könnte nicht nur die kriselnde Weltwirtschaft
endgültig in die Rezession stürzen. Seine mediale Inszenierung hat
auch eine nicht zu unterschätzende massenpsychologische Wirkung.
Eine brisante Mischung.
Fundamentalisten gegen Sodom und
Ghomorra
Derzeit deutet alles
darauf hin, dass die Anschläge tatsächlich auf das Konto des
Al-Qaida-Netzwerks gehen, einer international operierenden
Organisation der extremsten Gruppen im islamistischen Spektrum.
Niemand sonst hat das Motiv, die finanziellen und organisatorischen
Mittel und die nötige Zahl von Selbstmordattentätern für eine
Operation dieser Größenordnung. Die mutmaßlichen Täter kamen
meist aus wohlhabenden Familien und hatten eine akademische
Ausbildung. Auch wenn Osama bin Laden möglicherweise nicht die ihm
von den US-Behörden zugeschriebene Führungsfunktion bei Al-Qaida
hat, ist sein Beispiel exemplarisch. Der Sohn eines der reichsten
Bauunternehmer Saudi-Arabiens hat ein geschätztes Vermögen von 300
Millionen Dollar. Die afghanische Bevölkerung hat von diesem Geld
wenig gesehen.
Das Motiv der
Al-Qaida ist nicht Armut oder die Empörung über die Armut. Für
sie symbolisiert das WTC nicht die ungerechte Verteilung von
Reichtum in der Welt, von der sie über ein Netz von Tarnfirmen
selbst profitieren. Sie hassen die „Dekadenz", die
Möglichkeit, sich aus Hierarchien und Zwängen zu lösen – das in
der US-Verfassung festgehaltene uneingelöste Versprechen der
bürgerlichen Gesellschaft, dass jeder Mensch das Recht auf „Streben
nach Glück" habe. Der Massenmord wurde als Spektakel für die
Massenmedien inszeniert, um zwei religiöse Bilder wachzurufen, die
Christentum und Islam gemeinsam sind: Gott lässt Feuer vom Himmel
fallen, um die Stadt der Sünder zu strafen, und die „Türme von
Babel", Symbol des menschlichen Strebens, sich aus vermeintlich
gottgegebenen Zwängen zu lösen, versinken, als habe die Hölle sie
verschluckt.
In der islamischen
Welt will al-Qaida sich als Racheengel präsentieren. Doch das Bild,
das New York zum Symbol für Sodom und Ghomorra macht, wurde auch
vom einflussreichen christlich-fundamentalistischen Fernsehprediger
Jerry Falwell sofort aufgegriffen. Amerika habe Abtreibung und
Homosexualität legalisiert, es sein kein Wunder, dass Gott „seine
schützende Hand von uns genommen" habe: „Wenn Amerika nicht
bereut und zum wahren Glauben zurückkehrt, dann müssen wir leider
mit noch mehr Tragödien rechnen."
Innere Aufrüstung
Wie wirkungsmächtig
dieses Bild werden kann, ist noch unklar. In der islamischen Welt
reagierten die meisten Menschen mit Entsetzen auf den Tod Tausender
ZivilistInnen, selbst die islamistischen Organisationen haben die
Anschläge fast einhellig verurteilt. Doch die Bilder haben in den
USA nicht nur religiöse und nationalistische Emotionen, sondern
auch die Kriegsmaschine mobilisiert. Angriffe auf islamische
Staaten, so die Kalkulation der Al-Qaida, könnten dann doch noch
den erhofften Solidarisierungseffekt gegen „den Westen"
bringen.
Die westlichen
Staaten arbeiten unterdessen an der Herstellung der inneren Einheit.
In Deutschland wird die Symbolik von Sünde und Reue zwar etwas
dezenter formuliert, doch auch hier dominiert die Vorstellung, dass
man sich in der Vergangenheit zuviel amüsiert und zu wenig an
Opferbereitschaft gedacht hat. Nicht nur der derzeit auf allen
Fernsehschirmen präsente reaktionäre „Islam-Experte" Peter
Scholl-Latour freut sich sichtlich über das Ende der „Spaßgesellschaft".
Der Kampf gegen den
kommenden Krieg und die innere und äußere Aufrüstung muss deshalb
mit einer emanzipatorischen Perspektive geführt werden. Das
bedeutet auch, die Bedrohung durch anti-emanzipatorische Bewegungen
der „Dritten Welt" ernster zu nehmen. Weniger deshalb, weil
auch uns eines Tages ein Flugzeug auf den Kopf fallen könnte, als
wegen der Gefahr, dass im „Kampf der Zivilisationen" jede
Perspektive auf Befreiung verschwindet. Dass diese Entwicklung nicht
zwangsläufig ist, beweist der Kampf der algerischen Jugendlichen
gegen soziale Misere, Militärregime und Islamismus.
Antikommunistische Allianz
Schon bevor die
Türme des WTC zusammenstürzten, war die kapitalistische Euphorie
der 90er Jahre verschwunden. Stattdessen hieß es: Es gibt keine
Alternative. Jetzt präsentiert sich der kapitalistische Staat als
einzige Alternative zum Terror. Doch bin Laden und die Al-Qaida sind
keine Barbaren, die von außen gegen die Mauern der Zivilisation
anstürmen. Sie sind nicht nur Teil der kapitalistischen
Vergesellschaftung, sondern auch das Ergebnis einer Politik, die
archaische Diktaturen und Warlords fördern muss, um ihre Interessen
durchzusetzen.
Es ist kein Zufall,
das der Aufstieg der Al-Qaida im Zeichen des Antikommunismus begann.
Seit den 70er Jahren förderte der Westen konservative islamistische
Gruppen als Gegengewicht zu nationalistischen Staaten und
Bewegungen, die damals noch soziale Gerechtigkeit versprachen. Als
1979 sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschierten, begann die
wohl größte Geheimdienstaktion der Geschichte: Die USA,
Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten mit mindestens 500
Millionen Dollar jährlich die Mujahedin der islamistischen
Organisationen.
Damals entstand das
Al-Qaida-Netzwerk, das Freiwillige aus islamischen Staaten und
Waffen an die Mujahedin-Gruppen verteilte. Einer der wichtigsten
Organisatoren war bin Laden. Einen Teil der Waffen und des Geldes
sparte man für spätere Einsätze auf. Nach dem Abzug der
sowjetischen Truppen blieben viele der zurückkehrenden Freiwilligen
Al-Qaida verbunden. Sie schlossen sich überwiegend den extremsten
islamistischen Organisationen an. Die von der Hauptströmung des
Islamismus propagierte Idee einer Entwicklungsdiktatur wurde in
diesen Gruppen durch den fanatischen Willen zur Säuberung der
Gesellschaft von „unislamischer Dekadenz" ersetzt.
Unterdessen hatte
sich in der islamistischen Mythologie die Vorstellung durchgesetzt,
allein der „Jihad" (heilige Krieg) in Afghanistan habe zum
Zusammenbruch der Sowjetunion geführt. Und wenn es gelungen war,
die eine Supermacht zu besiegen, warum nicht gleich auch die nun
einzig verbliebene ins Visier nehmen? Wegen des Krieges gegen den
Irak war es 1990/91 zum Bruch mit den USA und Saudi-Arabien
gekommen. Der saudische König hatte es den US-Truppen gestattet,
Stützpunkte in Saudi-Arabien zu errichten. Fortan stand auch die
„Säuberung" der islamischen Staaten von der US-Präsenz auf
dem Programm.
Der Aufstieg der Taliban
Auch die meisten
afghanischen Islamisten hatten 1991 die Beziehungen zu den USA
abgebrochen – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da Afghanistan als
Transitroute für Pipelines zu den mittelasiatischen
Energievorräten an Bedeutung gewonnen hatte. 1994 schlossen sich
die USA, Pakistan und Saudi-Arabien zusammen, um den Weg für die
anvisierten Pipelines von einer neuen Bewegung freischießen zu
lassen. Das war die Stunde der Taliban. Großzügig mit Geld und
Waffen ausgestattet, gelang es der gerade erst entstandenen
Bewegung, den größten Teil Afghanistans zu erobern oder durch
Bestechung feindlicher Kommandanten zu erkaufen.
Doch die Taliban
hatten noch einen anderen Gönner: bin Laden. Die drei Millionen
Dollar für den Kauf von Kabul kamen von ihm. So erwarb er sich 1996
das Recht, sich nach Art eines Warlords in Afghanistan zu
etablieren; er hält sich eine Privatmiliz und hat in führende
Taliban-Kreise eingeheiratet. Zu diesem Zeitpunkt wurde er bereits
für zwei Bombenanschläge auf US-Stützpunkte in Saudi-Arabien
verantwortlich gemacht. Bald darauf zogen sich die USA verärgert
aus der Koalition der Taliban-Unterstützer zurück. Auch
Saudi-Arabien ging auf Distanz, Pakistan dagegen hielt den Taliban
die Treue. Bis zum 11. September aber wollten sich die USA die Tür
zu einer Einigung mit den Taliban offen halten.
Den Taliban, die
gerade recht erfolgreich mit UNO und westlichen Staaten um
diplomatische Anerkennung und Finanzhilfe pokerten, kommt die
derzeitige Entwicklung wohl ungelegen. Eine Auslieferung bin Ladens
würde jedoch zu einer Spaltung des Regimes führen. Der Krieg
scheint damit unvermeidlich, und vermutlich ist genau dies das Ziel
der Al-Qaida: Die US-Truppen in einen Guerillakrieg in Afghanistan
zu verwickeln, der schnell zu einer Eskalation in Pakistan führen
könnte.
Drohende Eskalation
Die Taliban gingen
aus dem pakistanischen Islamismus hervor, die Verbindungen zwischen
den Organisationen beider Länder sind eng. Nur unter starkem Druck
der USA entschloss sich das pakistanische Militärregime, den Krieg
gegen Afghanistan zu unterstützen – eine Entscheidung, die auch
von den bürgerlichen Oppositionsparteien kritisiert wird. Die
einflussreichen islamistischen Organisationen verfügen über große
Mengen an Waffen und haben viele Sympathisanten im Offizierskorps.
Die größte Sorge der US-Strategen dürfte derzeit sein, dass das
pakistanische Atomwaffenarsenal aufständischen Militäreinheiten in
die Hände fallen könnte. Schon beim ersten Militäreinsatz im von
den USA ausgerufenen „Krieg gegen den Terrorismus" droht eine
Eskalation mit unabsehbaren Folgen.
Anfang September gab
die UNO bekannt, dass in Afghanistan in den kommenden Monaten vier
Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind. Bereits Mitte
September war die Verteilung von Hilfsgütern praktisch beendet. Es
ist kennzeichnend für den Zustand der kapitalistischen
Zivilisation, dass bislang kein Vertreter der US-Regierung, kein
westlicher Kommentator und kein islamistischer Prediger diese
Tatsachen einer Erwähnung für Wert befand. Gegen den Kampf der
Barbaren müssen wir die Perspektive auf Befreiung verteidigen und
die Menschenverachtung bekämpfen. Überall.
Harry Tuttle |