AKTUELL REGIONAL ÜBER UNS ARCHIV THEMA LINKS KONTAKTE

 AVANTI

Oktober 2001

Avanti Oktober 2001: download der Internetseiten
Avanti Oktober 2001: download im Originallayout 861 Kb

 

INNEN
5000 mal 5000
Korporatismus 
gegossen in Tarifverträge

Auf dem Höhepunkt der Automobilkonjunktur in der BRD schloss die IG Metall mit dem VW Konzern einen Tarifvertrag, der als Wendepunkt in den Beziehungen zwischen dem Großkapital und den DGB-Gewerkschaften in die Geschichte eingehen könnte. Ein fataler historischer Zufall will es auch, dass dies zusammenfällt mit der unsäglichen nationalen Kriegsmobilisierung angesichts der Terroranschläge in den USA.
Die zentralen Inhalte der Tarifverträge, die in der neuen Wolfsburger Fabrik gelten sollen, sind weitgehend bekannt: Einheitsentgelt, hohe Flexibilität, Samstag Regelarbeitstag, offenes Arbeitsende, Verantwortung für Stückzahl und Qualität bei den Beschäftigten, unbezahlte „Qualifizierungszeit", und gegebenenfalls unbezahlte Nacharbeit.

Besonders die Veröffentlichungen der IG Metall an ihre Mitglieder und Funktionäre zu diesen Punkten strotzen vor Halbwahrheiten. Bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit werden die 3 Stunden „Qualifizierungszeit" nicht mitgerechnet, ebensowenig bei der Einschätzung der Entlohnung, deren Bezugsgröße sowieso nur die relativ niedrige Lohngruppe 6 im niedersächsischen Metalltarifvertrag ist.

Viele in Jahrzehnten erkämpfte Regelungstatbestände wie Arbeitsplatzbewertung, Eingruppierung, Erschwerniszuschläge und Mitbestimmung bei der Lage der täglichen Arbeitszeit werden zu Schnee von gestern. Dafür wird ein Arbeits- und Entlohnungssystem eingeführt, das Arbeiten und Denken der Beschäftigten allein an dem Profitstreben des Konzerns ausrichten soll.

Die „Arbeitsverwaltung" trainiert Arbeitslose und prüft ihre „Industriefähigkeit", dann erst erfolgt eine 6-monatige Anstellung in der Fabrik durch VW, um die „allgemeine Automobiltauglichkeit" (Zitate aus dem Tarifvertrag) herzustellen und abzuprüfen. Geht alles gut, erfolgt die unbefristete Übernahme in die „Teamarbeit". Die Größe und Zusammensetzung der Teams wird durch die jeweiligen Arbeitsprozesse bestimmt. Die Teams sollen auch die Fertigungsabläufe permanent optimieren. Sie sind selbst für das Erreichen der von Management und BR gemeinsam vorgeplanten Stückzahl in der abgeforderten Qualität verantwortlich. Gelingt das nicht, muss bis zu einer Stunde nachgearbeitet werden. In Nachhinein wird zwischen BR und Management und eventuell in einer Einigungsstelle geregelt, ob diese Zeit in ein Zeitkonto fließt oder gar nicht vergütet wird.

Der Jahreslohn kann sich noch erhöhen wenn a: ein Gewinn und b: eine festgelegte Umsatzrendite erzielt wird. Die Kollegen und Kolleginnen sollen dazu gezwungen werden, sich permanent gegenseitig anzutreiben. Die Wahl eines eigenen Betriebsrats ist ausgeschlossen, zuständig ist der gemeinsam zu wählende BR des Standortes Wolfsburg, was ein zukünftiges Aufbegehren der Belegschaft in dieser Fabrik erschweren wird.

Offen wird von einem „Laborversuch" gesprochen. Dieser wurde seit 99 im kleinsten Kreis von VW Managern, Wolfsburger Betriebsräten und auch der niedersächsischen Landesregierung vorbereitet.

Lange Zeit haben führende IG Metall- Funktionäre dieses Vorhaben nicht ernst genommen. Als kurzzeitig der Gegendruck aus anderen Autowerken die Verhandlungen nochmals zum Scheitern brachte, drohte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende (GBR) von VW, Volkert, sogar mit einer eigenen Betriebsgewerkschaft. Bezeichnend für das Klima in der IG Metall bei VW ist, dass sich von dort nicht einmal gewerkschaftsöffentlich Leute kritisch zu Wort zu melden wagten. Aus Angst vor Presse, Regierung und der IGM-Bürokratie bei VW schwenkte die IGM-Führung kampflos auf Kapitulation um – besonders Klaus Zwickel ging auf Tauchstation – und verbreitete nach dem Abschluss verlogene Erfolgsmeldungen, die kaum ein Mitglied oder Funktionär in der Automobilindustrie ernst nimmt.

Das kollektive Bedürfnis der Bürokratie in den Gewerkschaften, sich vor Unmut von der Basis zu schützen und keine Gedanken an strukturelle Demokratiedefizite aufkommen zu lassen, verhindert weitere Kritik aus dem Apparat heraus. Hier sind zuerst die linken betrieblichen Kollektive in der Automobilindustrie und ihr Zusammenschluss in der sogenannten „Autokoordination" gefordert, aber auch die gewerkschaftsübergreifende „Initiative zur Vernetzung der Gewerkschaftslinken". Wenn es nicht gelingt, das Propagandamonopol des IGM-Vorstandes zu diesem Tarifvertrag zu durchbrechen, ist zu befürchten, dass sich der 2. Vorsitzende Jürgen Peters mit seiner Forderung durchsetzt: „Es wird Zeit, dass diese Art von beschäftigungsorientierter Tarifpolitik auch bei anderen Arbeitgebern Schule macht."

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts könnte das deutsche Kapital zu der Ansicht gelangen: Noch nie waren Sozialdemokraten und Gewerkschaften so wichtig wie heute.

Ignaz

  Berlin:
Kampf gegen Krieg, Entlassungen und Sozialabbau!
Mitgehangen, mitgefangen!
PDS & Krieg
Die Rezession bahnt sich an:
Die Weltwirtschaft nach dem 11. September
Berliner Krise:
Was ist zu tun?
Betrieb & Gewerkschaft
5000 mal 5000
Korporatismus gegossen in Tarifverträge
Österreich:
Gewerkschaft im Visier
Generalstreik gegen Krieg?
Schwerpunkt
Die Folgen des Terroranschlags
„Amerikas neuer Krieg“
Schock und Ausschreitungen nach dem Terroranschlag
Die Labour Party Pakistan zu den Anschlägen
Stoppt die Angriffe auf Arab-Americans
Antifa
Kurzer Sommer der Staatsantifa
Göteborg:
Gerichte verschärfen Urteile
International
Kampf der Barbaren
Der Taliban-Effekt
ArbeiterInnen von VW-Mexiko brechen Lohndiktat
Zur Problematik der Tobin-Steuer
RSB-Berlin
Plattform für Wahlintervention
Aus dem RSB
Herbstseminar des RSB
Antisemitismus und Antizionismus
Und...
14. Dezember 2001
Auf nach Brüssel!
Gewinne & Entlassungen
Der real existierende Kapitalismus
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
[AKTUELL] [REGIONAL] [ÜBER UNS] [ARCHIV] [THEMA] [LINKS] [KONTAKTE]