10 Thesen zur Diskussion
um den "Schwarzen Block"
1.
In den Tagen nach der Ermordung von Carlo Giuliani hatten
VertreterInnen verschiedener NGOs, so z.B. von ATTAC, nichts
besseres zu tun, als sich öffentlich gegen "Gewalt" in
Genua auszusprechen. Distanzierungen gingen bis hin zu
Aufforderungen an die Polizei, doch bitte schön effektiver gegen
"den Schwarzen Block" vorzugehen.
Gegenüber der
Medienhetze und den staatlichen Repressionsorganen verteidigen wir
die Menschen und politischen Gruppen, die von den bürgerlichen
Medien als "Schwarzer Block" homogenisiert werden.
2.
In der sozialistischen und radikalen Linken, den Bewegungen gegen
die kapitalistische Globalisierung und in der
ArbeiterInnenbewegung kritisieren wir den "Schwarzen
Block" wie jede andere politische Strömung, mit deren
Aktionen oder Programmatik wir nicht einverstanden sind. Dies tun
wir auf eine solidarische Art und Weise. Das heißt: Ziel ist der
politische Streit um die besten Konzepte, keine Diffamierung.
3.
Die militärische "Erfolgs"bilanz des "Schwarzen
Blocks" in Genua sieht nach Presseberichten wie folgt aus:
Geschätzter Sachschaden über 3 Milliarden Lire. Zerstört wurden
83 Pkw, 41 Geschäfte, 34 Banken, 16 Tankstellen, 3 öffentliche
Gebäude. Die Aktionen des "Schwarzen Blocks" in Genua
hätten auch in jeder anderen Stadt Europas stattfinden können
– denn sie fanden losgelöst von den konkreten politischen
Bedingungen, den tatsächlich stattfindenden Kämpfen und dem
Bewusstsein der Massen vor Ort statt.
Der "Schwarze
Block" hat keinen relevanten Teil der ArbeiterInnenklasse
hinter sich. Seine Aktionen können deshalb nicht einmal als
StellvertreterInnenpolitik bezeichnet werden.
Die AktivistInnen
des "Schwarzen Blocks" wollten ihre radikale Ablehnung
dieses Systems dokumentieren. Doch sie verzichten darauf,
politische Überzeugungsprozesse in Gang zu setzen und langfristig
am Aufbau einer breiten Opposition zum Kapitalismus mitzuarbeiten.
Wenn sie überhaupt bestimmte politische Konzepte bewusst
vertreten, dann das der exemplarischen Aktion. Ihre Aktionen
sollen andere ermutigen, ebenfalls einen Pflasterstein in die Hand
zu nehmen. Dies geht von zwei falschen Voraussetzungen aus:
Der Kampf auf der
Straße, losgelöst von sozialen Prozessen, kann nur in die
Sackgasse führen. Wer den kapitalistischen Verwertungsprozess
aushebeln will, muss das Kapitalverhältnis in Frage stellen. Dazu
müssen sich die vom Kapital ausgebeuteten LohnarbeiterInnen
organisieren und gegen das Kapital erheben. Dies setzt den
täglichen Kleinkrieg in den Betrieben und Verwaltungen genauso
voraus wie die Vorstellung von einer anderen, sozialistischen
Gesellschaft. Wenn nicht die ArbeiterInnenklasse, die in fast
allen imperialistischen Ländern über 80 Prozent der Bevölkerung
stellt, den Kapitalismus aus den Angeln heben kann, wer dann? Etwa
die marginalisierte Minderheit von AktivistInnen des
"Schwarzen Blocks"? Ohne oder gar gegen die
Lohnabhängigen, die den ganzen Produktions- und
Distributionsprozess tagtäglich umsetzen, ist eine radikale
gesellschaftliche Veränderung unmöglich.
Zweitens übersehen
die Kräfte, die sich in Genua ihren Privatkrieg mit den
Repressionskräften geliefert haben, dass heute die Mehrheit der
Bevölkerung leider nicht in Opposition zum Kapitalismus steht und
gegen ihn kämpft. Die Propaganda der Tat kann also gar nicht
exemplarisch wirken. Im Gegenteil: Bei den vorhandenen politischen
Kräfteverhältnissen – sowohl was das Alltagsbewusstsein der
Menschen als auch die Kontrolle der Medien angeht – können
solche, für viele nicht nachvollziehbare Aktionen wie in Genua
nicht anspornen sondern nur abschrecken.
Deshalb halten wir
auch den Begriff der "Militanz" für die Aktionen des
"Schwarzen Blocks" für unpassend.
"Militärisch" mag zutreffen, militant nicht.
"Militant" sind für uns Aktionen, die den
KapitaleignerInnen und ihrem Staat entscheidend treffen und ihre
Herrschaft wenigstens ansatzweise in Frage stellen. Das könnte
etwa ein hartnäckig geführter Streik sein, der zu einer
Streikwelle führt. Das ist ganz bestimmt nicht die o.g.
Schadensmeldung aus der bürgerlichen Presse. Der Mythos der
"Militanz" des "Schwarzen Blocks" stellt sich
bei genauerem Hinsehen als reine Einbildung seiner Beteiligten
heraus.
4.
Wenn beispielsweise bei einer Bankenpleite eine aufgebrachte Menge
aus Wut über ihre verlorenen Ersparnisse die Scheiben der Bank
einschmeißt, ist das eine berechtigte Aktion der Empörung. Eine
organisierte politische Aktion ist es nicht. Wir wollen die Banken
nicht entglasen, sondern enteignen. Dafür wollen wir die
ArbeiterInnenklasse, u.a. die Bankangestellten gewinnen und
organisieren. Für die AktivistInnen des "Schwarzen
Blocks" ist die Entglasung von Banken antikapitalistischer
Kampf. Wenn es als politische Aktion gelten soll, dass ein paar
"VorkämpferInnen" die Scheiben einer Bank einschlagen,
wozu dann Großdemonstrationen gegen kapitalistische
Globalisierung? Wozu Gewerkschaften und Streiks? Und wozu
versuchen, eine sozialistische ArbeiterInnenpartei aufzubauen?
Dahinter steckt nicht nur das Unvermögen, der breiten Masse der
GegnerInnen der kapitalistischen Globalisierung und der
Lohnabhängigen konkrete Ziele zu vermitteln, sondern auch das
völlige Unverständnis der Macht und Möglichkeiten des Kapitals.
5.
Das breite Genoa Social Forum (GSF)-Aktionsbündnis
mobilisierte über 200.000 Menschen nach Genua. Dem
"Schwarzen Block" lassen sich nur ein paar Tausend
zurechnen. An die Absprachen im GSF fühlten sich diese Kräfte
nicht gebunden. Trotzdem wurden die separaten Aktivitäten des
"Schwarzen Blocks" größtenteils am Rande der
Einheitsfront der über 200.000 DemonstrantInnen gegen die
kapitalistische Globalisierung durchgeführt. Dieses können wir
nur als gefährliches Sektierertum bezeichnen.
6.
Für eine Massendemonstration gegen die kapitalistische
Globalisierung wie in Genua reichen die Prinzipien der
Einheitsfront: "Getrennt marschieren, vereint
schlagen!". "Das praktische Programm der Einheitsfront
wird festgelegt durch Verständigung der Organisationen vor den
Augen der Massen. Jede Organisation bleibt unter eigenem Banner
und eigener Führung. Jede Organisation beachtet in der Aktion die
Disziplin der Einheitsfront" (Leo Trotzki* ).
Der "Schwarze Block" hat die Wahl: Entweder er
demonstriert gemeinsam mit dem breiten Bündnis der
GlobalisierungsgegnerInnen. Dann hat er auch die gemeinsame,
demokratisch verabredete Aktionsdisziplin zu beachten. Oder er
demonstriert zu einem anderen Zeitpunkt an einem anderen Ort. Die
Prinzipien der Aktionseinheit durchzusetzen, ist aber allein
Aufgabe der Aktionseinheit!
7.
Die Proteste gegen die kapitalistische Globalisierung stehen erst
am Anfang. Viele DemonstrantInnen sind unorganisiert. Je
organisierter die DemonstrantInnen in Genua waren, desto weniger
Chancen hatten die Provokationen der Polizei. So konnten
organisierte Blöcke, wie etwa der Block der Partito di
Rifondazione Comunista (PRC, Italien) oder der Ligue
Communiste Révolutionnaire (Frankreich) Angriffe der Polizei
abwehren und verhindern, dass Polizeiprovokateure in ihre Reihen
eindrangen. Je mehr sich die DemonstrantInnen organisieren, desto
geringer wird die Gefahr, dass durch sektiererische Aktionen, wie
die des "Schwarzen Blocks" eine Gefahr für die
Gesamtdemonstration ausgeht.
8. Dass
im "Schwarzen Block" in Genua auch Polizeiprovokateure
aktiv waren, wird nicht bestritten. Gerade die Aktionsform des
"Schwarzen Blocks", losgelöst von Massenkämpfen,
anonym und individualisiert, bietet den Regierenden die
Möglichkeit, Polizeiprovokateure unter die DemonstrantInnen zu
schicken. Mit ihrer Hilfe kann dann genau das Ergebnis erzielt
werden, das die Herrschenden zur Rechtfertigung der massiven
Polizeipräsenz, der Grenzkontrollen, der Einreiseverbote etc.
benötigen. Das allein führt die Strategie und die Taktik des
"Schwarzen Blocks" ad absurdum: Was für ein
"militanter antikapitalistischer Kampf" soll das
eigentlich sein, der vom bürgerlichen Staat sogar noch angeheizt,
ja "unterstützt" wird?
Zusätzlich ist die
lockere, unverbindliche Struktur, wo jede/r mitmachen kann, den
konspirativen Anforderungen der gewählten Form des Kampfes
diametral entgegengesetzt.
9.
Die Forderung Schilys nach einer EU-Eingreiftruppe, die unliebsame
Proteste bekämpft, wäre früher oder später sowieso gekommen.
Tatsächlich wollen die Herrschenden eine EU-Spezialeinheit zur
Bekämpfung von Streiks und Protesten aufbauen, die
(vor-)revolutionäre Situationen wie einen neuen Mai ‘68
niederschlagen kann. Die Begründung mit dem "Schwarzen
Block" ist nur vorgeschoben. Uns können aber die Bedingungen
ihrer Durchsetzung nicht gleichgültig sein. Die Aktionen des
"Schwarzen Blocks" in Genua machen es den Herrschenden
leichter, ihre EU-Polizei als Notwendigkeit zu verkaufen.
10. Trotz
aller Differenzen werden wir natürlich weiterhin alle von
Repression betroffenen AktivistInnen des "Schwarzen
Blocks", genauso wie alle anderen Linken gegen staatliche
Repression verteidigen.
• Keine Spaltung durch den
bürgerlichen Repressionsapparat!
• Internationale
Solidarität der Unterdrückten und Ausgebeuteten!
Politisches Komitee
des RSB
11./12.8.2001
* Leo
Trotzki, Was nun? Schicksalsfragen des deutschen Proletariats,
Prinkipo, 1932. In: Schriften über Deutschland I, Frankfurt,
1971, S. 306. |