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“Wir
seifen ein, wir schlagen Schaum” diese
auf die SPD der Weimarer Republik gemünzte Textstelle gilt ohne Abstriche
auch für die aktuelle Rentenpolitik der rot-grünen Bundesregierung.
Diese Politik wird der Öffentlichkeit derzeit nämlich in einer zynischen
Mischung aus Lügen, Halbwahrheiten, Rosstäuschertricks,
Etikettenschwindel und Rechenakrobatik als quasi naturgesetzlich
unausweichlich und gleichzeitig zukunftsichernd für RentnerInnen und
BeitragszahlerInnen verkauft. Ausgangspunkt
des gesamten politischen Manövers ist die unsägliche Diskussion über
die angeblich zu hohen “Lohnnebenkosten”. Schon der Begriff
Lohn”neben”kosten ist vorsätzlich irreführend, denn in Wirklichkeit
geht es um den Teil der Lohnkosten, der von den Unternehmern direkt an die
Kranken-, Renten-, Arbeitslosen- und Pflegekassen bezahlt wird. Aber
vollkommen verstrickt in ihren “Standort Deutschland”-Fetischismus
haben die Gewerkschaftsvertreter selbst das kleine Einmaleins der Politökonomie
"vergessen" und im “Bündnis für Arbeit, Ausbildung und
Wettbewerbsfähigkeit” als eines der ersten Resultate die Senkung genau
dieser Unternehmerkosten verabredet. Jetzt gilt es Teilvollzug zu melden. Erinnern
wir uns: Noch im März 2000 legte Riesters Arbeitsministerium Berechnungen
vor, wonach zur Beibehaltung des Nettorentenniveaus von 68,5% (ab 2002
wegen der beiden Jahre, in denen nur die Inflationsrate bei den Rentenerhöhungen
berücksichtigt wird) im Jahr 2030 ein Beitragssatz von 23,9% erforderlich
wäre. Arbeitnehmer und Unternehmer hätten dann zu gleichen Teilen
jeweils 12% zu zahlen. Nach Ansicht von Unternehmern und Regierung
offensichtlich zu viel Belastung für das Kapital. Entlastung muss her. Aber wie begründen? Da
hilft zum einen die Drohung mit einem zukünftigen RentnerInnenberg. 1995
kamen nämlich auf 100 Erwerbstätige 31 RentnerInnen, im Jahr 2030 sollen
es voraussichtlich 91 sein. Auf den ersten Blick ein besorgniserregendes
Verhältnis, aber nur auf den ersten. Dieses Modell ist nämlich relativ
statisch. Es berücksichtigt nicht die Zuwanderung nach Deutschland, die
wachsende Erwerbsquote der Frauen und eine mögliche Absenkung der
Arbeitslosigkeit; die steigende Arbeitsproduktivität – eins der “süßen
Geheimnisse” des Kapitalismus - lässt es völlig außer Acht. Weiter
hilft zum anderen die politische Vorgabe, bis 2020 dürfe der
Rentenbeitragssatz nicht über 20% liegen, bis 2030 nicht über 22%. Warum
eigentlich nicht? Die Antwort ist so simpel wie aus rot-grüner Sicht
einleuchtend: die Belastung der Kapitalisten soll bei 11% dauerhaft
gedeckelt werden. Droht der Beitragssatz diese Grenzen zu übersteigen
werden die Leistungen weiter gekürzt. Und Kürzungen und Mehrbelastungen
für die ArbeitnehmerInnen gibt es bereits im aktuellen Programm zuhauf. Ab
2001, also bereits ab nächstem Jahr, sollen alle ArbeitnehmerInnen neben
den Renteversicherungsbeiträgen einen alleine von ihnen zu finanzierenden
Privatvorsorgebeitrag von 0,5% ihres Bruttoentgelts aufbringen. Dieser
Satz steigt dann jährlich um 0,5%-Punkte auf 4% im Jahr 2008. Die von
Riester schon mal angekündigte Zwangsversicherung wurde wegen massiven
Drucks in der Öffentlichkeit ad acta gelegt und kommt jetzt quasi durch
die Hintertür wieder. Ab 2002 folgen nämlich bei Rentenanpassungen die
Renten nicht mehr den Nettolöhnen ( = Bruttolöhne minus Steuer und
Sozialversicherungsbeitrag), da die neue Rentenanpassungsformel Änderungen
bei der Lohn- und Einkommensteuer oder bei den Sozialversicherungsbeiträgen
(Ausnahme: Rentenversicherungsbeiträge) nicht mehr an die Rentner
weitergibt. Dazu mindert der ab dem Jahr 2001 eingeführte (fiktive)
Privatvorsorgebeitrag die Rentenanpassung nochmals, da er rechnerisch wie
eine Erhöhung des Arbeitnehmeranteils zur Sozialversicherung behandelt
wird. Das führt zu einer drastischen Reduzierung des Niveaus der
Bestandsrenten und vor allem der künftigen Neurenten. Hieraus entsteht
der de facto-Zwang wenigsten einen Teil der Reduzierungen durch
Privatvorsorge auszugleichen. Schon jetzt steht allerdings fest, dass
viele Beschäftigte, insbesondere Frauen diese zusätzliche Belastung aus
eigener Tasche, nicht werden aufbringen können. Um
bei der Deckelung des Beitrags wirklich sicher zu gehen, wird ab dem Jahr
2011 jede neu zugehende Rente um einen sog. Ausgleichsfaktor von
0,3%-Prozentpunkte je Jahr gekürzt, so dass die Kürzungen bis zum Jahr
2030 auf insgesamt 6% ansteigen werden. Angeblich sollen so die Kosten der
steigenden Lebenserwartung an die Neurentner weiter gegeben werden. Bei
der Blüm-Reform hieß das noch “demographischer” Faktor und war nach
Meinung der SPD “unanständig”. Insgesamt
wird es so zu drastischen Einbrüchen beim Nettorentenniveau, dem Verhältnis
zwischen der Nettostandardrente nach 45 Beitragsjahren (wer erreicht die
eigentlich heute noch?) mit Durchschnittsverdienst zum durchschnittlichen
Nettoarbeitsentgelt der aktiv Beschäftigten kommen. Es soll nach
Berechnungen des Riester-Ministeriums von heute 70% auf rd. 62 % im Jahr
2030 und auf 54% im Jahr 2050 sinken. Und das ist ein Beispiel der Roßtäuschertricks,
mit denen gearbeitet wird. Denn auf diese Prozentzahlen kommt das
Ministerium nur, weil es die 4% Privatvorsorgebeitrag wie einen
Arbeitnehmerbeitrag zur Sozialversicherung einfach vom durchschnittlichen
Nettoentgelt abzieht. Richtig gerechnet wird das Rentenniveau 2030 nur
noch 58% und 2050 50% betragen. Übrig bleibt dann eine gesetzliche Rente
in der Nähe des Sozialhilfeniveaus. Die
ganze Operation steht im übrigen in guter Tradition: -
Seit Juni 1999 werden vom Bund direkte Beiträge für
Kindererziehungszeiten geleistet. Der Beitragssatz konnte ab April 1999
auf 19,5% gesenkt werden. Finanziert wurde dies aus der 1. Stufe der Ökosteuer. -
Seit Januar 2000 zahlt der Bund einen Erhöhungsbetrag zum zusätzlichen
Bundeszuschuss. Der Beitragssatz wurde auf 19,3% reduziert. Die
Finanzierung erfolgt aus den weiteren Stufen der Ökosteuer. So
haben über die Erhöhung der allgemeinen Verbrauchssteuern die abhängig
Beschäftigten und RentnerInnen schon heute die Entlastung der Unternehmer
um 1,1 Prozentpunkte finanziert. Unter
dem Strich sollen Arbeiter und Angestellte also für eine gesetzliche
Rente in der Nähe des Sozialhilfeniveaus und eine insgesamt schlechtere
Altersversorgung als heute im Jahr 2030 statt 12% Beitrag 15% bezahlen,
die Kapitaleigner allerdings nur noch 11%. Eine weitere Umverteilung von
unten nach oben wäre vollzogen. Wie
dagegen kämpfen? Zunächst
gilt es, auf der betrieblichen Ebene die Sauereien dieser Regierung
anzuprangern. Was hier auf uns zukommt, ist so gewichtig, dass als erster
Schritt außerordentliche Betriebsversammlungen durchgeführt werden
sollten (§ 43,1 BetrVG). Hier sollten klar die Verantwortlichen für
diese Umverteilungspolitik benannt werden, also die Kapitalverbände. Die
richtige Anwort liegt folglich in einer Mobilisierung der Belegschaften für
einen betrieblichen Ausgleich dieser erneuten Umverteilungspolitik, sprich
eine Einführung oder Anhebung der Betriebsrenten. Wenn hier genügend
Druck in den Betrieben erzeugt wird (angefangen von massenhaften
"Besuchen der Betriebsratssprechstunden" bis zu offen erklärten
Streiks), werden sich die Herren Verbandsvertreter ganz schnell an die
Regierung wenden und sie zur Rücknahme der Konterreform veranlassen. Und
genau dies muss auch unser Ziel sein,
denn es gilt auch diejenigen zu schützen, die heute nicht beschäftigt
sind und von einer Erhöhung (oder Einführung) einer Betriebsrente nichts
hätten. Neben
den betrieblichen Aktivitäten muss für die Durchsetzung dieses Ziels
auch der Gewerkschaftsführung Dampf gemacht werden, um sie von ihrem
Schonkurs gegenüber der Regierung abzubringen und statt dessen die Möglichkeit
der gewerkschaftlichen Organisation einzusetzen, mit dem Ziel eine breite
gesellschaftliche Mobilisierung in Gang zu setzen bzw. zu fördern, so
dass die Menschen "auf der Straße" und durch ständige Unruhe
den Herrschenden (nicht nur in Berlin) Feuer unterm Arsch machen können. In
diesem Bemühen spielt die gewerkschaftliche Linke keine unwichtige Rolle,
bzw. könnte und müsste sie spielen. Wenn sie sich aber nicht mal in
dieser Frage entschlossen und geschlossen bewegt, ist es sehr zweifelhaft,
ob die Gewerkschaftsvorstände sich veranlasst sehen, ihren
sozialdemokratischen Stützungskurs zu verlassen. Konrad
Reich |