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 AVANTI Juni 2002

 

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INNEN

Geschäft mit der Krankheit

Aventis, nach Eigenwerbung "eines der am schnellsten wachsenden Pharmaunternehmen", hat frohe Kunde für seine Aktionäre: Im Kerngeschäft des deutsch-französischen Multis, der Pharmasparte, stieg der Verkauf im ersten Quartal 2002 um 12,5%, woran der US-Verkauf mit 22,5% überproportional beteiligt war.

Obwohl insgesamt im ersten Quartal 2002 der Bruttoerlös der Gesamtgruppe gegenüber dem Vorjahr minimal rückläufig war, konnte der Gewinn im Pharmabereich um sage und schreibe 42 % gesteigert werden. Nur konsequent, dass Aventis sich noch stärker auf den Pharmabereich konzentriert und die Agrosparte Crop Science an Bayer abgegeben hat.

Bayer allerdings hat Probleme: Vor allem der Skandal um das Mittel gegen erhöhte Blutfette Lipobay (in den USA "Baycol") führte zu einem Gewinneinbruch um 47% gegenüber dem Vorjahr, wobei allerdings immer noch ein Nettogewinn von 657 Millionen Euro übrigblieb, der zur Beruhigung der vor der endgültigen Verarmung stehenden Aktionäre voll als Dividende ausgeschüttet wird.

Pharmaskandale

Dies sind nur zwei repräsentative Beispiele für das inzwischen seit mehr als hundert Jahren höchst lukrative Geschäft mit der Krankheit. Die deutschen Pharmaunternehmen, allen voran die Mitte des 19. Jahrhunderts als Farbenküche gegründete Bayer AG, sind geradezu ein Paradebeispiel für die private Vereinnahmung der durch die Solidarversicherung aufgebrachten Gelder. Und nicht selten, wie jetzt das Beispiel Lipobay beweist, geschieht dies auf Kosten von Leben und Gesundheit der Kunden.

Erinnern wir uns: Einer der größten Pharmaskandale der Welt, dessen Auswirkungen noch heute jährlich Tausende Menschenleben kosten, war die Erfindung des Opiumderivates Heroin in den Labors der Firma Bayer (die kurz zuvor mit Aspirin den ersten Longseller der Pharmageschichte herausgebracht und damit ihre Pharmasparte begründet hatte). Ironischerweise wurde Heroin als Mittel zum Entzug bei der damals weltweit verbreiteten Opiumsucht angepriesen, daneben auch als Hustenmittel. Bayer entfesselte erstmals eine systematische internationale Werbekampagne für das Mittel und verhinderte bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dass es auch nur eine Rezeptpflicht für die hochgefährliche Droge gab.

Im letzten Jahr war es dann der Lipobay-Skandal, der Bayer in die Schlagzeilen brachte und den dividendengewohnten Aktionären die Stimmung verdarb. Neben der Tatsache, dass mit einem horrenden Werbeaufwand ein Mittel in den Markt gedrückt worden war, dessen Vorteile gegenüber den bis dahin erhältlichen Lipidsenkern nach Meinung einer Minderheit von Wissenschaftlern nicht unbedingt auf der Hand lagen, ist hervorzuheben, dass reihenweise PatientInnen auf dieses Mittel umgestellt wurden, die ihre bisherige Medikation gut vertragen hatten und eigentlich keinen Grund hatten, das Mittel zu wechseln.

Die Reaktion von Bayer ist klassisch: Konzernumbau ("neues Bayer" in der Sprache des Vorstandsvorsitzenden), das heißt die Bildung von vier rechtlich selbständigen Sparten, Verflechtung mit Aventis (Kauf der Agrosparte, joint-venture im Bereich Impfstoffe), außerdem ein Kosteneinsparungsprogramm in Höhe von 1,8 Milliarden Euro in den nächsten Jahren. Ob letzteres der Arzneimittelsicherheit bei den drohenden Neuentwicklungen von Bayer Health Care förderlich sein wird, ist eine interessante Frage

Die Lipobayopfer, für die der Herr Schneider in seinem "Brief des Vorstandsvorsitzenden an die Aktionäre" natürlich kein Wort des Bedauerns findet, tauchen bei ihm darin lediglich als "....empfindlicher Rückschlag..." – des Bilanzergebnisses – "... der mit dem Rückzug unseres Cholesterinsenkers verbunden war..." auf.

Eine Systemfrage

Im Grunde muss man Herrn Schneider für seine deutlichen Worte dankbar sein. Eindeutiger könnte selbst ein Marxist nicht formulieren, dass es bei der Pharmaproduktion nur um eines geht, nämlich ums Geschäft, und dass die Kollateralschäden, die bei der eiligen Markteinführung gefährlicher Präparate periodisch zu beklagen sind, nur dann zu Beanstandungen bei Vorstand und Aktionären führen, wenn sie sich auf die Unternehmensbilanz auswirken.

Verschärfung der Zulassungsbestimmungen und Kontrollinstanzen helfen da nicht weiter: Die einzige gangbare Lösung besteht darin, den gesamten Bereich der Pharmaproduktion aus der Profitsphäre herauszunehmen, in öffentliches Eigentum zu überführen und direkt durch die führen und kontrollieren zu lassen, die mit ihren Krankenkassenbeiträgen und – im Falle Lipobay – mit ihrer Gesundheit bisher die riesigen Gewinne der Pharmamultis finanziert haben.

Klaus Engert

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