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Geschäft mit der
Krankheit
Aventis, nach
Eigenwerbung "eines der am schnellsten wachsenden
Pharmaunternehmen", hat frohe Kunde für seine Aktionäre: Im
Kerngeschäft des deutsch-französischen Multis, der Pharmasparte,
stieg der Verkauf im ersten Quartal 2002 um 12,5%, woran der
US-Verkauf mit 22,5% überproportional beteiligt war.
Obwohl insgesamt im ersten
Quartal 2002 der Bruttoerlös der Gesamtgruppe gegenüber dem
Vorjahr minimal rückläufig war, konnte der Gewinn im Pharmabereich
um sage und schreibe 42 % gesteigert werden. Nur konsequent, dass
Aventis sich noch stärker auf den Pharmabereich konzentriert und
die Agrosparte Crop Science an Bayer abgegeben hat.
Bayer allerdings hat Probleme:
Vor allem der Skandal um das Mittel gegen erhöhte Blutfette Lipobay
(in den USA "Baycol") führte zu einem Gewinneinbruch um
47% gegenüber dem Vorjahr, wobei allerdings immer noch ein
Nettogewinn von 657 Millionen Euro übrigblieb, der zur Beruhigung
der vor der endgültigen Verarmung stehenden Aktionäre voll als
Dividende ausgeschüttet wird.
Pharmaskandale
Dies sind nur zwei
repräsentative Beispiele für das inzwischen seit mehr als hundert
Jahren höchst lukrative Geschäft mit der Krankheit. Die deutschen
Pharmaunternehmen, allen voran die Mitte des 19. Jahrhunderts als
Farbenküche gegründete Bayer AG, sind geradezu ein Paradebeispiel
für die private Vereinnahmung der durch die Solidarversicherung
aufgebrachten Gelder. Und nicht selten, wie jetzt das Beispiel
Lipobay beweist, geschieht dies auf Kosten von Leben und Gesundheit
der Kunden.
Erinnern wir uns: Einer der
größten Pharmaskandale der Welt, dessen Auswirkungen noch heute
jährlich Tausende Menschenleben kosten, war die Erfindung des
Opiumderivates Heroin in den Labors der Firma Bayer (die kurz zuvor
mit Aspirin den ersten Longseller der Pharmageschichte
herausgebracht und damit ihre Pharmasparte begründet hatte).
Ironischerweise wurde Heroin als Mittel zum Entzug bei der damals
weltweit verbreiteten Opiumsucht angepriesen, daneben auch als
Hustenmittel. Bayer entfesselte erstmals eine systematische
internationale Werbekampagne für das Mittel und verhinderte bis in
die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dass es auch nur eine
Rezeptpflicht für die hochgefährliche Droge gab.
Im letzten Jahr war es dann
der Lipobay-Skandal, der Bayer in die Schlagzeilen brachte und den
dividendengewohnten Aktionären die Stimmung verdarb. Neben der
Tatsache, dass mit einem horrenden Werbeaufwand ein Mittel in den
Markt gedrückt worden war, dessen Vorteile gegenüber den bis dahin
erhältlichen Lipidsenkern nach Meinung einer Minderheit von
Wissenschaftlern nicht unbedingt auf der Hand lagen, ist
hervorzuheben, dass reihenweise PatientInnen auf dieses Mittel
umgestellt wurden, die ihre bisherige Medikation gut vertragen
hatten und eigentlich keinen Grund hatten, das Mittel zu wechseln.
Die Reaktion von Bayer ist
klassisch: Konzernumbau ("neues Bayer" in der Sprache des
Vorstandsvorsitzenden), das heißt die Bildung von vier rechtlich
selbständigen Sparten, Verflechtung mit Aventis (Kauf der
Agrosparte, joint-venture im Bereich Impfstoffe), außerdem ein
Kosteneinsparungsprogramm in Höhe von 1,8 Milliarden Euro in den
nächsten Jahren. Ob letzteres der Arzneimittelsicherheit bei den
drohenden Neuentwicklungen von Bayer Health Care förderlich sein
wird, ist eine interessante Frage
Die Lipobayopfer, für die der
Herr Schneider in seinem "Brief des Vorstandsvorsitzenden an
die Aktionäre" natürlich kein Wort des Bedauerns findet,
tauchen bei ihm darin lediglich als "....empfindlicher
Rückschlag..." – des Bilanzergebnisses – "... der mit
dem Rückzug unseres Cholesterinsenkers verbunden war..." auf.
Eine Systemfrage
Im Grunde muss man Herrn
Schneider für seine deutlichen Worte dankbar sein. Eindeutiger
könnte selbst ein Marxist nicht formulieren, dass es bei der
Pharmaproduktion nur um eines geht, nämlich ums Geschäft, und dass
die Kollateralschäden, die bei der eiligen Markteinführung
gefährlicher Präparate periodisch zu beklagen sind, nur dann zu
Beanstandungen bei Vorstand und Aktionären führen, wenn sie sich
auf die Unternehmensbilanz auswirken.
Verschärfung der
Zulassungsbestimmungen und Kontrollinstanzen helfen da nicht weiter:
Die einzige gangbare Lösung besteht darin, den gesamten Bereich der
Pharmaproduktion aus der Profitsphäre herauszunehmen, in
öffentliches Eigentum zu überführen und direkt durch die führen
und kontrollieren zu lassen, die mit ihren Krankenkassenbeiträgen
und – im Falle Lipobay – mit ihrer Gesundheit bisher die
riesigen Gewinne der Pharmamultis finanziert haben.
Klaus Engert
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