RSB / IV. Internationale      zurück zur Startseite

AKTUELL REGIONAL ÜBER UNS ARCHIV THEMA LINKS KONTAKTE
  AVANTI Mai 2003  download am Ende der Seite  
  Agenda 2010: Protest, Widerstand, Streik!

RSB

 

 

Innen
1. Mai – 2. Mai 1933
Wie sich die Gewerkschaften den Nazis anpassten

Nachdem Hitler am 30.1.33 von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, passte sich der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) den Nazis an. Höhepunkt waren die gemeinsamen Demonstrationen von Gewerkschaften und NSDAP am 1. Mai. Einen Tag später wurden die Gewerkschaften zerschlagen.

Die Hitlerregierung hatte am 10.4.1933 per Gesetz den 1. Mai zum bezahlten "Feiertag der nationalen Arbeit" erklärt. Nach diesem geschickten Schachzug Goebbels erließ am 15.4.1933 auch der Vorstand des ADGB seinen Aufruf zum 1. Mai (siehe Kasten). Nationalsozialistische Ideologie und Sprachgebrauch waren übernommen worden. Wenige Tage später legte der ADGB-Bundesausschuss nach. Er "korrigiert den Aufruf des Bundesvorstands zum ‚Tag der nationalen Arbeit‚. Die Mitglieder werden nunmehr aufgefordert, sich an den Feiern festlich zu beteiligen", so der zu den Nazis übergelaufene Leiter der ADGB-Bundesschule in Bernau, Seelbach. In der Gewerkschaftspresse wurden die "völkische Grundlage" der neuen Ordnung, die "Reichseinheit nach 300 Jahren" und der 1. Mai als "Tag des Sieges" gefeiert. Am "Tag der nationalen Arbeit" waren alle Gewerkschaftshäuser nach einem Beschluss des ADGB-Bundesausschusses schwarz-weiß-rot geflaggt.

Am 1. Mai marschierten ADGB-Gewerkschaftsfunktionäre – wie der Vorsitzende des Textilarbeiterverbandes, Karl Schrader – Belegschaften, Kapitaleigner und NSDAP unter der Hakenkreuzfahne gemeinsam auf den Straßen. Die nicht zustande gekommene Arbeiter-Einheitsfront von ADGB–SPD–KPD gegen den Faschismus wurde durch die "Einheitsfront" ADGB–Kapital–NSDAP ersetzt. Wie der 1. Mai ‘33 ablief, zeigt ein Bericht des Trotzkisten Fritz Reuter aus Duisburg-Hamborn: "Der Maizug der Nazis war ziemlich groß. Allerdings glich der Zug mehr einer Jahrmarktsveranstaltung als einer Demonstration. Leblos, ohne Bewegung und Begeisterung marschierte der Zug. Gedrückter Stimmung die Arbeiter, die bei Androhung der Entlassung mitmarschieren mussten. Die Kleinbürger im Zuge tranken hier und da Schnaps aus der Flasche!"

So kapitulationsbereit die Gewerkschaftsbürokratie gegenüber den Nazis war – der Grund kann nicht im mangelnden Bewusstsein der Arbeiterbewegung gesucht werden. Noch bei den Betriebsrätewahlen im März/April 33 wurden in 1387 Betriebe 9235 Arbeiterräte gewählt. Wie der ADGB in einer Statistik am 29.4.33 veröffentlichte, gehörten davon 73,4% den freien Gewerkschaften, 7,6% den christlichen, 0,6% den liberalen Gewerkschaften, der RGO 4,9% und der NSBO (Nazis) 11,7% an. Daraufhin stoppte die Hitler-Regierung die Betriebsratswahlen und verschob ihre Fortführung gesetzlich um ein halbes Jahr.

2. Mai ‘33: Zerschlagung der Gewerkschaften

Trotz der gemeinsamen „1. Mai-Feierlichkeiten" mit den Gewerkschaften hatte die Reichsleitung der NSDAP längst intern angewiesen: "Dienstag, den 2. Mai 1933, vormittags 10.00 Uhr, beginnt die Gleichschaltungsaktion gegen die Freien Gewerkschaften". Ein Aktionskomitee war gebildet worden, um die Besetzung der Gewerkschaftshäuser und die Beschlagnahme des Gewerkschaftsvermögens durchzuführen. Pünktlich lief die Aktion der SA gegen die Gewerkschaften an.

Zahlreiche Gewerkschaftsfunktionäre wurden unter "Schutzhaft" gestellt. Bei ihrer Aktion trafen die Nazis auf keinen Widerstand. Woher sollte er auch nach der Kapitulationspolitik der Gewerkschaftsbürokratie kommen? Am 4. Mai wurden die Gewerkschaften Hitler unterstellt und am 6. Mai in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) überführt. Während viele untere und mittlere GewerkschafterInnen 1933 ins KZ kamen oder manche wie in Duisburg erschlagen wurden, wechselten andere aus dem ADGB-Apparat in die faschistische DAF (Deutsche Arbeitsfront) über. Die verhaftete ADGB-Führungsspitze wurde nach wenigen Wochen wieder freigelassen, nur ein prominenter Funktionär kam ins KZ und dort um.

Gründe für die Kapitulation

Im Laufe der Diskussionen um mögliche Aktionen gegen Reaktion und Faschismus wurde in SPD- und ADGB-Vorstandskreisen immer wieder das Beispiel des Kapp-Putsches angeführt. Am 13. März 1920 hatten Generäle gegen die sozialdemokratische Ebert-Regierung geputscht und den Beamten Kapp zum Reichskanzler ernannt. Daraufhin erklärten die Gewerkschaften den Generalstreik. Innerhalb weniger Tage scheiterte der Putsch.

Doch gegen Reaktion und Faschismus mußte in den SPD-Führungszirkeln das Beispiel des Kapp-Putsches zur Abschreckung vor Kampfmaßnahmen herhalten. Nach der Absetzung der preußischen SPD-Landesregierung am 20. Juli 1932 durch den reaktionären Kanzler von Papen argumentierte der ehemalige preußische Innenminister Severing in einer SPD-Versammlung: "Wenn er am 20. Juli anders gehandelt und zum Widerstand aufgerufen hätte, ‚wir hätten keine Wahl mehr gehabt, der ganze Faschismus hätte die Macht ergriffen. Das Ende der deutschen Arbeiterbewegung wäre auf lange Zeit besiegelt gewesen‚ [...] wir hätten Papen den größten Gefallen getan. Die Revanche für den 20. Juli wird kommen! [...]".

Diese Linie verteidigte auch der abgesetzte preußische Ministerpräsident Otto Braun, weil für den "gewaltsamen" Widerstand "alle Voraussetzungen fehlten". Seit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler tauchte das Argument des Kapp-Putsches erneut in der Diskussion auf. Nachdem der Fraktionsvorsitzende der SPD, Breitscheid, in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion am 30. Januar einen befristeten Generalstreik abgelehnt hatte, fand Breitscheid bei dem SPD-Abgeordneten und stellvertretenden ADGB-Vorsitzenden Graßmann Unterstützung. Ein befristeter Generalstreik sei "politischer Unsinn": "...beim Kapp-Putsch 1920 habe man auch kein Probeexempel gemacht, und trotzdem hat es geklappt: Wir wollen uns den Generalstreik als die äußerste Eventualität aufheben". Und in der gemeinsamen Besprechung von SPD- und ADGB-Spitze am 5. Februar argumentierte Hilferding (SPD): "Es wäre doch nicht damit zu rechnen, dass ein Generalstreik einen so friedlichen Verlauf nehme wie der beim Kapp-Putsch. Es müßte doch schon in den ersten Stunden mit dem Bürgerkrieg gerechnet werden". Für SPD- und ADGB-Vorstand kam die "äußerste Eventualität" nie.

Nun war von der bürgerlichen Sozialdemokratie auch kein Widerstand gegen den Faschismus zu erwarten. "Die Tausende und Tausende Noske, Wels, Hilferding ziehen letzten Endes den Faschismus dem Kommunismus vor", sah Trotzki im Dezember 1931 voraus. Deshalb kam 1932 und 1933 alles auf die revolutionäre Partei an – die KPD. Doch diese bezeichnete die SPD als "sozialfaschistisch", verweigerte eine Einheitsfront mit der SPD von unten und oben und arbeitete mit ihrer Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) weitgehend außerhalb der Gewerkschaften.

Dank der ultralinken RGO-Politik konnte die KPD auf dem ADGB-Kongress 1930 keine(n) einzige(n) Delegierte(n) stellen. Demgegenüber leitete 1920 während des Kapp-Putsches die (halb)revolutionäre Unabhängige Sozialdemokratische Partei sogar die Metallgewerkschaft. Der Druck von links unten zwang damals die SPD-Gewerkschaftsbürokratie, den Generalstreik zu erklären. Wäre die KPD 1932-33 zum revolutionären Faktor in den reformistischen Gewerkschaften geworden, dann wäre vergleichbar mit 1920 ein Generalstreik gegen von Papen und/oder Hitler möglich gewesen. Tatsächlich rief kein einziger Gewerkschaftsführer gegen von Papen und/oder Hitler zum Generalstreik auf.

Die Angst vor der KPD

In einer Sitzung der SPD-Reichstagsfraktion am 30.1.31 gab der SPD-Fraktionsvorsitzende Breitscheid im Falle eines eintägigen Generalstreiks zu bedenken: "Die größere Gefahr wäre die, wir und die Gewerkschaften geben die Parole aus: Zurück in die Betriebe, und die Kommunisten fallen uns in den Rücken,...". In der gemeinsamen Sitzung von SPD und ADGB-Spitze warnte Hilferding (SPD): "[...] unter keinen Umständen dürfte der Gedanke einer gemeinsamen Kampfleitung aufkommen. Wenn die Situation sich verschärfe und die Beunruhigung wachse, müssten wir die Führung in der Hand behalten". Hier spielt die Angst der reformistischen Spitzen vor dem Einfluss und der Radikalität der KPD eine größere Rolle als die gemeinsame Abwehr Hitlers.

Die ADGB-Führungsspitze setzte "Nazis" und "Kozis" (= interner Sprachgebrauch für Kommunisten) zunächst einmal gleich. Doch von 1931 bis 1933 wurden die Kommunisten als "schädlicher" bewertet als der Stahlhelm und die Nationalsozialisten. Weder SPD noch ADGB wollten die Einheitsfront gegen den Faschismus – aber auch nicht die stalinistische KPD. Die Rufe nach der Einheitsfront blieben kleinen revolutionären Organisationen wie der trotzkistischen Linken Opposition der KPD vorbehalten (siehe Kasten), die sie beispielhaft in Oranienburg, Erkenschwick, Dinslaken und Bruchsal erfolgreich durchführen konnte.

B.B.

 

Maiaufruf in Nazi-Sprache

"[...] Wir begrüßen es, dass die Reichsregierung diesen unseren Tag zum gesetzlichen Feiertag der nationalen Arbeit, zum deutschen Volksfeiertag erklärt hat. An diesem Tage soll nach der amtlichen Ankündigung der deutsche Arbeiter im Mittelpunkt der Feier stehen. Der deutsche Arbeiter soll am l. Mai standesbewusst demonstrieren, soll ein vollberechtigtes Mitglied der deutschen Volksgemeinschaft werden. Das deutsche Volk soll an diesem Tage seine unbedingte Solidarität mit der Arbeiterschaft bekunden. [...]". Aus dem Maiaufruf des ADGB-Vorstands vom 15.4.1933

Trotzki für Einheitsfront

"Keine gemeinsame Plattform mit der Sozialdemokratie oder den Führern der deutschen Gewerkschaften, keine gemeinsamen Publikationen, Banner, Plakate! Getrennt marschieren, vereint schlagen! Sich nur darüber verständigen, wie zu schlagen, wen zu schlagen und wann zu schlagen! Darüber kann man mit dem Teufel selbst sich verständigen, mit seiner Großmutter und sogar mit Noske und Grzesinsky. Unter einer Bedingung: sich nicht die eigenen Hände binden! Man muß ohne Verzug endlich ein praktisches System von Maßnahmen ausarbeiten – nicht mit dem Ziel bloßer ‚Entlarvung‚ der Sozialdemokratie (vor den Kommunisten), sondern mit dem Ziel des tatsächlichen Kampfes gegen den Faschismus". (Trotzki: Wie wird der Nationalsozialismus geschlagen?


zu diesem Artikel einen Leserbrief schreiben

Die Antikriegsbewegung: Schon mehr als eine Friedensbewegung
 

Betrieb & Gewerkschaft

Für die Sicherung des Streikrechts – gegen Spaltertarifverträge
1. Mai – 2. Mai 1933: Wie sich die Gewerkschaften den Nazis anpassten
Gewerkschaftlicher Kampf gegen die Agenda 2010?
 

Schwerpunkt

Schwerpunkt Agenda 2010: Sind die Lohnnebenkosten zu hoch?
Die SPD: Sonderparteitag und Mitgliederbegehren
Rürups Empfehlung: S(chamlose) P(rofitorientierte) D(emagogie)
 

Frauen in Bewegung

Mascha - Nina - Katjuscha: Frauen in der Roten Armee
 

International

Hunger nach Leben
Verschärfte imperialistische Konkurrenz und Gefahren für die Weltwirtschaft
Irland: Der Stephens-Bericht:
Vertuschung und Verharmlosung
26. Juli – 1. August Internationales sozialistisches Sommercamp in Portugal: Gemeinsam gegen Krieg und kapitalistische Globalisierung!
 

Aus der Linken

Stalinistischer Amoklauf
CPP – Schwesterpartei der MLPD
 

Und....

Leserbrief
Der real existierende Kapitalismus
 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Avanti April 2003b: download der Internetseiten ~ 120 kb
Avanti April 2003b: download im Originallayout ~ 970 kb

Ältere Avanti 
Ausgaben im Archiv