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Eleanor Marx - Vatertochter?

Im vergangenen Jahr erschien von Eva Weissweiler eine neue Biographie der jüngsten Tochter von Karl Marx, Eleanor, genannt Tussy. Der Untertitel des Buches “Das Drama der Vatertochter”, zeigt, dass es weniger eine politische als eine psychologische Lebensbeschreibung ist.

Eleanor-Tussy wird definiert als Tochter des berühmten Vaters. Diese Definition ist durchaus einleuchtend, denn einmal zeigte sich im Leben von Eleanor Marx eine starke Vaterbindung. Aber auch Karl Marx hatte zu seiner jüngsten Tochter eine starke Bindung. "Tussy, that‘s me – Tussy, das bin ich", sagte er.

Nun gibt es schon einige Bücher über die Tochter von Karl Marx. Über Eleanor liegt eine sehr gründliche und nüchterne Biographie des Japaners Chushichi Tsuzuki vor, die aber auf dem Büchermarkt nicht mehr zugänglich ist. Das Buch von Eva Weissweiler hat seine Berechtigung wegen seiner konsequent weiblichen Sicht, vielleicht kann mensch es feministisch nennen. Was es allerdings ärgerlich macht, ist, dass dabei das Verständnis für den Marxismus und seine VorkämpferInnen, insbesondere Karl Marx, auf der Strecke bleibt. Zudem fällt es schwer, die Zeitbezogenheit von Ideen und Menschen hintanzustellen, wie es die Verfasserin bisweilen tut. Es gelingt ihr aber, das Leben und die vielfältigen Probleme einer klugen politischen Frau im 19. Jahrhundert begreifbar zu machen.

Am 15. Januar 1855 wird Eleanor als sechstes Kind der Jenny Marx geboren. Von ihren Kindern überleben nur die drei Töchter Jenny, Laura und Eleanor. Karl Marx hatte allerdings noch einen außerehelichen Sohn. Die Vaterschaft wird aber verborgen. Eleanor ist für Marx leider "of the sex par exellence". Er bedauert, dass es kein "männliches Wesen" ist. Ausführlich macht die Verfasserin an dieser und ähnlichen Episoden ihr Urteil über die menschlichen Qualitäten der "Führer der Arbeiterbewegung" fest und beweist damit nur, dass sie mit beiden Füßen in ihrer Gesellschaft stehen und Männer ihrer Zeit sind.

Politisches Leben

Eleanor bekommt viel vom politischen Leben mit bei den Diskussionen im Hause Marx. Sie muss sich keiner Schuldisziplin unterwerfen. Später bedauert sie allerdings, dass sie keine systematische Bildung genossen hat. Sie wächst in einer auch kulturell sehr anregenden Umgebung auf, spielt Theater. Wo und wie sie Sprachen lernt bleibt offen. Sie liest Goethes Hermann und Dorothea im Original, wenn auch mühsam. Sie wird bei den verschiedensten Kongressen der ArbeiterInnenbewegung simultan übersetzen – deutsch, französisch, englisch – sie übersetzt Ibsen aus dem Original. Sie ist eine eifrige Zuarbeiterin und Arbeiterin im Britischen Museum. Sie veröffentlicht eine Vielzahl von unterschiedlichsten Artikeln, arbeitet für die Gewerkschaften, so als Delegierte der Gasarbeiter auf einem Kongress, ist Mitglied verschiedener sozialistischer Parteien.

Vor Klippen bewahrt?

Marx beansprucht seine Tochter stark, als Zuarbeiterin und als persönliche Begleitung. Sie kann sich dem schwer entziehen. Sie arbeitet als Lehrerin. Tussy leidet darunter, dass sie zwar die Verlobte des französischen Kommunarden Lissagaray ist, der Vater aber eine Heirat verzögert, bis sie nicht mehr will oder kann. Die Autorin der Biographie vermutet, dass Marx in Lissagaray einen Konkurrenten sah, aber vielleicht wollte er seine Tochter auch bewahren? Marx sieht ein Dilemma. Im Zusammenhang mit der Ehe seiner Tochter Laura mit Paul Lafargue äußert er sich zu sich selbst, er habe sein Leben der Revolution geopfert, meint aber, er hätte nicht heiraten dürfen. "Soweit es in meiner Macht steht, will ich meine Tochter vor den Klippen bewahren, an denen das Leben ihrer Mutter zerschellt ist".

Allgemein als tragisch ist anzusehen, dass Tussy sich mit einem Mann verbindet, Edward Aveling, der einfach als monströs beschrieben wird. Seine äußere Häßlichkeit muss von einem gewissen Charme begleitet gewesen sein. Er war intellektuell nicht unfähig, aber wirklich schlicht ein mieser Charakter, der durch seine sexuellen Eskapaden und seine skrupellose Schuldenmacherei wohl am Ende Eleanors Tod (mit-)verschuldet hat.

In dieser Phase ihres Lebens, nach dem Tode ihres Vaters, ist sie im ständigen Kampf um seinen Nachlass und dessen Veröffentlichung. Die deutsche Sozialdemokratie will sich diesen Nachlass sichern und bekommt auch nach Engels Tod seine und Marx‘ hinterlassene Bibliothek. Hier ist Tussy noch einmal Vatertochter. Sie versucht, den Nachlass ihres Vaters vor Mißbrauch zu bewahren.

Eleanor-Tussy Marx macht ihrem Leben am 31. März 1898 selbst ein Ende, offensichtlich mit Unterstützung bzw. Duldung ihres Gefährten Aveling. Der verschwindet jedenfalls, obwohl er weiß, das sie sich – wahrscheinlich sogar mit seiner Hilfe – Blausäure besorgt hat. Der Tod der dreiundvierzigjährigen Frau, vielfältig begabt und vielfältig tätig, den die Verfasserin ein Opfer der Revolution nennen würde, zeigt deutlich – und das ist das eigentliche Verdienst des Buches – wie schwer es für eine politische engagierte Frau war (und ist) gegen die herrschenden Ansichten der Gesellschaft zu leben. Eleanor Marx – Vatertochter oder nicht doch Kämpferin?

Barbara Schulz

Eva Weisweiler
Tussy Marx
Das Drama der Vatertochter

Kiepenheuer & Witsch, 2002


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