Schon kurz nach Sonnenaufgang brannten die Barrikaden. Am
Morgen des 10. März sammelten sich in den Elendsvierteln Conakrys (Guinea),
Demonstranten und errichteten Straßensperren. Sie protestierten gegen die
Erhöhung der Benzin- und Fahrpreise, die für viele den Weg zur Arbeit
unerschwinglich macht.
Die westlichen Diplomaten, die sich derzeit in der
Hauptstadt Guineas die Klinke in die Hand geben, dürften diese Proteste nicht
zur Kenntnis genommen haben. Ohnehin sind sie ein seltener Anblick in Conakry.
Nun aber gehört Guinea zu den nicht-ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats,
und Befürworter wie Gegner eines Irakkrieges bemühen sich um die Stimme des
westafrikanischen Staates.
Nicht, dass sich deshalb irgend jemand für die Position der
guineischen Regierung zu Fragen der internationalen Politik oder gar die
Lebensverhältnisse im Land interessieren würde. Alle Welt geht ganz
selbstverständlich und durchaus realistisch davon aus, dass die Stimmabgabe im
Sicherheitsrat davon abhängen wird, ob die Vertreter der USA oder der
ehemaligen Kolonialmacht Frankreich die glaubwürdigeren Drohungen und die
verlockenderen Angebote vorbringen.
Oligarchische Herrschaft
Während das bürgerliche Recht in den kapitalistischen
Demokratien zumindest formale Rechtsgleichheit hergestellt hat, sanktioniert
das internationale Recht offen die Herrschaft einer Oligarchie. Die USA,
Großbritannien, Frankreich, Russland und China verfügen als ständige
Mitglieder des Sicherheitsrats über ein Vetorecht, das jede Resolution
blockieren kann. Dieses System degradiert alle anderen Staaten zu Statisten,
was insbesondere die Vertreter aufstrebender Großmächte wie Deutschland und
Indien nicht mehr akzeptieren wollen.
Das UN-System sollte nach dem zweiten Weltkrieg ein System
kollektiver Sicherheit schaffen und Bedrohungen des Friedens gemeinsam und
möglichst gewaltfrei bekämpfen. In der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte (1948) wurden zwar zur gleichen Zeit individuelle und
soziale Rechte festgeschrieben. Doch während hier immerhin ein
zivilisatorischer Mindeststandard definiert wurde, negiert das ebenso
selbstverständlich wie unzutreffend als Völkerrrecht bezeichnete Regelwerk
(dessen zentrales Dokument die UN-Charta ist) die Menschenrechte im Interesse
der Staaten und der sie regierenden Oligarchien.
Subjekt des Völkerrechts sind nicht "Völker", sondern
Regierungen. Deren demokratische Legitimation ist ebenso unbedeutend wie die
Zahl der Menschen, die sie zu repräsentieren beanspruchen. Die Oligarchie des
Sicherheitsrats legitimierte sich ursprünglich durch den Sieg über Deutschland
und Japan. Allerdings dominierte schon wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
der Konflikt zwischen kapitalistischen und stalinistischen Staaten die
Weltpolitik, aus Verbündeten wurden Feinde.
Kollektivhaftung für die Bevölkerung
Begünstigt durch eine diplomatische Fehleinschätzung der
UdSSR gelang es den USA 1950, sich den Koreakrieg von der UNO genehmigen zu
lassen. Ansonsten aber blockierten sich beide Lager durch ihr Veto
gegenseitig. Diese Pattsituation führte dazu, dass die UNO sich auf
vermittelnde Tätigkeiten beschränken musste und ansonsten vor allem ein Forum
für weltpolitische Debatten wurde, eine zuweilen nützliche Funktion, die
allerdings zu Unrecht den Ruf der UNO und des internationalen Rechts als
friedlicher Instanzen begründete. Es waren allein die Machtverhältnisse, die
weitere UNO-Kriege verhinderten. 1990, als sich die zerfallende UdSSR nicht
mehr als Gegenpol zu den USA sah, erhielt der Angriff auf den Irak das Mandat
des Sicherheitsrats. Wenn es diesmal nicht zur Einigung kommt, liegt das an
der geänderten Interessenlage bestimmter Staaten mit Vetorecht.
Die Geschäftsgrundlagen und überkommenen Regeln des
"Völkerrecht" stellen aber auch sie nicht in Frage. Kaum ein Diktator würde es
heute noch wagen, alle Bewohner eines Häuserblocks für das Verbrechen eines
einzigen Mieters zu bestrafen. Im "Völkerrecht" aber ist das Prinzip der
Kollektivhaftung, das die Bevölkerung zu Geiseln der Regierungen macht, eine
Selbstverständlichkeit. So kann die irakische Bevölkerung nicht nur Embargo
und Krieg unterworfen werden, sie wird auch die Kosten des Wiederaufbaus zu
tragen haben und Saddam Husseins Schulden bei deutschen Giftgasproduzenten
abbezahlen müssen.
Warum auch sollten sich die im Sicherheitsrat versammelten
Großmächte gemeinsam anders verhalten als sie es einzeln tun? Nur eine
Änderung des internationalen Kräfteverhältnisses kann zu einer Änderung der
Machtverhältnisse in der UNO und zu einer Zivilisierung des "Völkerrechts"
führen. Eine solche Änderung aber kann nicht von Mächten wie Deutschland
ausgehen, die selbst – wie im Kosovo – im Bedarfsfall Krieg ohne UN-Mandat
führen und nur mit ihrem Rang, nicht aber mit den Spielregeln unzufrieden
sind. Nur im Kampf gegen die kapitalistische Weltordnung kann eine wirkliche
internationale Gemeinschaft entstehen.