Der Unterschied zur Lage vor dem 7. Oktober 2001 liegt
darin, dass jetzt auch ausländisches Militär beteiligt ist. An den
grundlegenden Konflikten hat sich nichts geändert, nur dass die ethnischen
Säuberungen eine neue Dimension erreicht haben.
Ethnische Säuberung
Mit direkter und indirekter Unterstützung der USA werden
die Volksgruppen gegeneinander gehetzt, z.B. werden die Paschtunen in
Nordafghanistan durch die Dostom-Milizen (Usbeken) und die Tadschiken
(Nord-Allianz) aus ihren Häusern getrieben und zur Flucht in den Süden bzw.
nach Pakistan gezwungen. Leitspruch der Nord-Allianz (=Mordallianz): den
Norden Paschtunen-frei machen.
Die USA unterstützen diese Vertreibungspolitik, weil sie
grundsätzlich die Volksgruppe der Paschtunen mit den Taliban und dem Terror
gleichsetzen (die Taliban waren mehrheitlich Paschtunen). Nach Angaben der
Hilfsorganisationen sind bis Dezember 2002 ca. 25 000 paschtunische
Flüchtlinge aus Nordafghanistan in Peshawar (Pakistan) durch das
UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) betreut worden.
Dostom-Milizen liefern sich täglich Schießereien mit
Tadschiken im Nordosten, um die Vorherrschaft im Nordosten und Norden zu
gewinnen. Begleitet sind diese Kämpfe von Plünderungen, Vergewaltigungen und
Häuserverbrennungen. In Zentralafghanistan kämpfen (schiitische) Hazaras gegen
Tadschiken um die Vorherrschaft. Hier sind die Hazaras wegen ihrer engen
Beziehungen zu schiitischen Kräften im Iran den Amerikanern ein Dorn im Auge.
Die US-Truppen betreiben ihre „Terrorbekämpfung" durch
Bombardierung von Dörfern und die Festnahme einfacher Bauern. So wurde z. B.
im Januar das Dorf Musa-Kala (Provinz Helmand in Südwestafghanistan)
beschossen: zahlreiche Tote und Verletzte, Hunderte von Festnahmen, darunter
auch zehnjährige, unterernährte Kinder.
Rechtslage
Auf der Luftwaffenbasis Bagram (40 km nördlich von Kabul)
wurde ein inzwischen berüchtigtes amerikanisches Foltergefängnis eingerichtet.
Dort werden zumeist Bauern unbegrenzt in Einzelhaft gehalten und mit
barbarischen Methoden gefoltert und verhört. In der ersten Märzwoche sind zwei
Leichen aus Bagram mit der offiziellen Erklärung in die Hauptstadt gebracht
worden: „Es war ein natürlicher Tod", aber keiner hat Zweifel daran, dass die
jungen Bauern unter der Folter gestorben sind. In der Presse der Region
(Pakistan, Iran) ist viel darüber geschrieben worden.
Die Nord-Allianz und die Dostom-Milizen haben in Kabul und
in den Provinzhauptstädten Privatgefängnisse eingerichtet, um die politische
Opposition zu unterdrücken. Im November 2002 haben die Studenten der Uni Kabul
für genügend Brotrationen im Monat Ramadan (dem Fastenmonat der Moslems)
friedlich demonstriert. Die Demonstration wurde gewaltsam unterdrückt, 6
Studenten durch die Nord-Allianz erschossen, 41 verletzt. Ca. 160
Festgenommene sind spurlos verschwunden.
Frauenrechte
Durch Beschluss des Obersten Gerichtshofes sind gemischte
Klassen von der Grundschule bis zur Universität verboten. Männliche Lehrkräfte
dürfen nicht Frauen unterrichten und umgekehrt. Mädchenschulen gibt es nur in
Kabul und auch hier nur in sehr begrenzter Zahl, nämlich für privilegierte
Politiker- und Händlerschichten.
Es herrscht nach wie vor eine allgemeine Unsicherheit für
Frauen aufgrund der Zwangsehen und der Vergewaltigungen durch die
Nord-Allianz-Milizen. Dies läuft auch in der Hauptstadt und unter den Augen
der sogenannten internationalen Friedenstruppen. So ist z. B. Anfang März eine
junge Frau (der schiitischen Hazara) im westlichen Teil Kabuls
(Dasht-i-Bartschi) am helllichten Tag durch Soldaten der Nord-Allianz entführt
und vergewaltigt worden. Dies hat Massenproteste ausgelöst, die aber mit
militärischer Gewalt unterdrückt wurden.
Liebespaare werden durch die Religionspolizei (so zuletzt
wieder in Heart, Westafghanistan) wegen angeblicher sexueller Beziehungen
verhaftet und anschließend ärztlich untersucht. Dies wurde während Karzais
Amerikareise von Senatorin Barbara Boxer (Kalifornien) im Senatsausschuss
Foreign Relations erläutert.
Internationale Aufbauhilfe
Laut internationaler Presse sind 2002 nach Afghanistan mehr
als 1,7 Mrd. $ Hilfsgelder geflossen. Die Bevölkerung erlebt dies nur im
aufwendigen Lebensstil und dem Luxus der hohen Regierungsbeamten. Es herrschen
Korruption und Vetternwirtschaft, vor allem durch Karzais Verwandte und
Freunde und die Minister der Nord-Allianz. So hat z. B. deren Minister für
Verteidigung in letzter Zeit drei Häuser in New Delhi gekauft (die
Nord-Allianz hat gute Beziehungen zu den Hindunationalisten).
Mit Hilfsgeldern werden vor allem Waffen und Minen von
Russland, Indien und Iran gekauft und für zukünftige Machtkriege aufbewahrt.
Sicherheit
Plünderungen, bewaffnete Raubüberfälle und Erpressung sind
an der Tagesordnung. Die Warlords (es gibt etwa 180 davon) sind immer noch
mächtig und viele davon sind enge Freunde des CIA und haben über
Satellitentelefon Verbindung zur amerikanischen Flotte in Diego Garcia (im
indischen Ozean). Sie müssen ständig über ihr Einflussgebiet Bericht
erstatten. Vor allem der Wegezoll macht die Organisierung eines „normalen
Lebens" sehr schwer.