.
Sie alle werden als „terroristisch" bezeichnet. Gleich nach dem 11. September
startete die Regierung eine militärische Offensive gegen die moslemische
Bevölkerung mit Unterstützung der 1500 US-Soldaten, die seit Januar 2002 auf
Mindanao stationiert sind.
Zuerst hatte es geheißen, dass die US-Truppen nur zu einer
militärischen Übung bis zum Juni 2002 bleiben würden. Es gab massive Proteste
zur Beendigung des Stationierungsvertrages. Sie waren zunächst erfolgreich,
doch wurde der Vertrag auf Druck der USA durch einen anderen ersetzt. Auch er
dient dem Kampf gegen die moslemischen „Fundamentalisten" und „Terroristen" in
Süd-Ost-Asien und besonders auf Mindanao.
Die Angriffe richten sich keineswegs nur gegen die Abu
Sayaf als Verbindungsglied zum internationalen Terrorismus, sondern gegen die
moslemische revolutionäre Bewegung, gegen die Zivilbevölkerung, auch gegen
christliche und indigene Bevölkerungsgruppen. Sie finden nicht nur auf Basilan
statt, wo die Abu Sayaf Einfluss haben, sondern in allen Teilen Mindanaos.
Erst kürzlich gab es heftige Gefechte, die die Vertreibung von 22000 Familien
im Kernland von Mindanao zur Folge hatten. Militante AktivistInnen werden
verhaftet. Als Rechtfertigung diente dem Militär die Suche nach Abu Sayaf.
Auch jetzt geht die Vertreibung von Tausenden von Familien weiter.
Avanti: Wie sind die Frauen von dieser Situation
betroffen?
Ana: Am meisten verwundbar sind in dieser
Kriegssituation die Frauen und Kinder. Sie leiden am meisten unter den
Vertreibungen und werden in die Lager der Regierung gepfercht. Damit sind die
Frauen von ihrem bisherigen Leben auf dem Land abgeschnitten und müssen nun
die Situation im Lager bewältigen z.B. im Fall von Epedemien, die vor allem
die Kinder betreffen. Auch die Frauen, die in ihren Dörfern bleiben konnten,
leiden unter der Militarisierung. Die Armut, in der sie leben, steigt durch
Requirierungen der Armee. Es gibt Fälle von Vergewaltigungen durch Soldaten
und Berichte über Menschenrechtsverletzungen an Frauen in den Lagern der
Regierung.
Avanti: Wie müssen wir uns diese Lager vorstellen?
Ana: Es gibt einige feste Lager in früheren Schulen.
Nur zu Beginn wurden die Vertriebenen von der Regierung mit Lebensmitteln
versorgt. Die christlichen SiedlerInnen und die Indigenas bleiben in diesen
Lagern. Aber die meisten moslemischen Frauen wollen nicht in den Lagern leben
und versuchen zu ihren Verwandten zu fliehen, die jedoch selbst in großer
Armut leben. So erhoben diese Frauen die Forderung nach Rückkehr in ihre
Dörfer. Sie können aber nicht zurückgehen, weil das Militär Posten stationiert
und Zäune um die Dörfer gezogen hat, um sie als angebliche Zentren der Moro
Islamic Liberation Front (MILF) zu isolieren. Dort kann es auch jeder Zeit zu
Kämpfen kommen. In den Lagern können sie aber auch nicht bleiben, weil es dort
kein Land zur Bebauung gibt, und das wäre die einzige Möglichkeit die Mittel
zum Überleben aufzubringen.
Ein weiteres Problem ist das der Wiederherstellung des
normalen Lebens der vertriebenen Frauen und Kinder. Die Kinder können wegen
des Krieges nicht mehr zur Schule gehen oder weil ihre Schule als Lager belegt
ist. Manche Kinder haben im Krieg ihre Eltern verloren und sind in einer
miserablen psychischen Verfassung.
Avanti: Was ist die Reaktion der Frauen? Gibt es
Ansätze zur Selbstorganisierung?
Ana: Es gibt unter den Frauen der drei Völker, wo wir
Einfluss haben, eine Frauenorganisation. Indigene, moslemische und christliche
Frauen kommen zusammen und diskutieren, wie sie unter der Kriegssituation
zusammenarbeiten und vor allem unter diesen sehr, sehr schwierigen Umständen
überleben können. Es gibt Initiativen, die an die lokalen Behörden die
Forderung nach Rückkehr in die Dörfer verbunden mit dem Rückzug der Militärs
aus dem Gebiet stellen. Diese Fraueninitiativen gibt es in verschiedenen
Gegenden Mindanaos und in Zentralmindanao waren sie z.Tl. erfolgreich. Sie
sind auch in den Lagern aktiv. Die Kampagne, dass der Friedensprozess
fortgesetzt wird und sich das Militär zurückzieht, geht weiter. Es hängt auch
von den Frauen und ihrer Kampagne ab, inwieweit die Friedensgespräche zwischen
Regierung, MILF und Kommunistischer Partei der Philippinen (CPP) erfolgreich
sein werden.
Die starke Friedensbewegung in Mindanao gründet nicht nur
auf der Anerkennung der Unterschiede der drei Völker. Es geht ihr vielmehr
darum, eine eigene Friedenskultur der drei Völker zu entwickeln. Dazu kommen
VertreterInnen der Indigenas, der christlichen SiedlerInnen und der Moros
zusammen und diskutieren Friedensvorschläge, um den Krieg zu beenden. So sind
z.B. die moslemischen Frauen sehr aktiv in einer Initiative für ein Referendum
der Moslems. Sie wollen über die Möglichkeiten selbst entscheiden, den
jahrhundertalten Konflikt in Mindanao zu beenden.
Avanti: Was ist die Haltung der RWP zur
Frauenbefreiung?
Ana: In der Partei haben wir eine ernsthafte Diskussion
darüber, die Rolle der Frauen in der Revolution wirklich anzuerkennen. In der
Vergangenheit mit ihrer maoistischen Tradition gab es eine mehr formale
Anerkennung. Nun diskutieren wir in der RWP über Feminismus und wie wir den
sozialistischen Feminismus in die Parteiarbeit integrieren können, vor den
unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der verschiedener Nationalitäten
der moslemischen, christlichen und indigenen Frauen. Entsprechend den
Verhältnissen versuchen wir sozialistisch-feministisches Bewußtsein in unserer
Massenarbeit unter Frauen zu verbreiten. Die Frauen der drei verschiedenen
Völker beteiligen sich in unterschiedlicher Weise. So haben die moslemischen
Frauen eigene Ziele. Das erste ist die Anerkennung ihrer Rechte. Das ist das
Problem der moslemischen Frauen. Der Islam auf Mindanao gibt den Frauen zwar
mehr Freiheiten als anderswo. Aber es gibt Widersprüche zum islamischen
Fundamentalismus, den es auch auf Mindanao gibt. Eine Frauenbewegung
aufzubauen, bedeutet nicht alle Ideen des Nordens und des Westens zu kopieren.
Schließlich ist die Situation z.B. der moslemischen Frauen hier sehr
verschieden von jener. Die Lage der indigenen Frauen ist anders. Die indigenen
Gemeinden akzeptieren z.B. die Teilnahme der Frauen an der Selbstverwaltung.
So gibt es einige Stämme, die ihre Selbstverwaltung wiederherstellen konnten.
Und die Frauen haben dort ihre Vertretung durchgesetzt. Auch in den
städtischen und ländlichen christlichen Siedlungen gibt es eine Beteiligung
der Frauen an der Selbstverwaltung. Das war ein erster Erfolg einer Kampagne
zur Durchsetzung ihrer Rechte. Frauen organisieren sich auch im Kampf zur
Lösung wirtschaftlicher Probleme und der schlechten Gesundheitsversorgung.
Auch innerhalb der RWP ist die Verbreitung
sozialistisch-feministischem Bewußtseins ein Prozess und nicht von heute auf
morgen zu erreichen. Es ist nicht nur eine Anstrengung unter uns Frauen,
sondern auch unter den Männern. Unter ihnen gibt es einige, die keine
Kenntnisse über die besonderen Rechte von Frauen und ihre besonderen Ziele in
der Bewegung haben. In diesem Zusammenhang ist es unsere Aufgabe, eine
entsprechende Vertretung der Frauen auf den verschiedenen Leitungsebenen der
Partei zu erreichen und besondere Kurse für Genossinnen einzurichten, um
Fragen des sozialistischen Feminismus zu studieren. Aber auch die Genossen
müssen in unsere Frauenarbeit einbezogen werden.