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Innen
„Frauen und Kinder leiden am meisten unter den Vertreibungen“

Interview mit Genossin Ana Basco vom Frauenkomitee der Revolutionary Workers Party of Mindanao (RWP) auf den Philippinen von B.B.

Avanti: Wie hat sich die politische Lage nach dem 11. September auf Mindanao entwickelt?

Ana: Nach dem Ereignis vom 11.9. hat sich die Situation auf Mindanao grundlegend geändert. Die Regierung der Philippinen bekam große Unterstützung durch die USA im „Kampf gegen den Terrorismus". Dieser Kampf ist in Wirklichkeit kein Kampf gegen Terroristen, sondern gegen die revolutionären Bewegungen auf Mindanao1 . Sie alle werden als „terroristisch" bezeichnet. Gleich nach dem 11. September startete die Regierung eine militärische Offensive gegen die moslemische Bevölkerung mit Unterstützung der 1500 US-Soldaten, die seit Januar 2002 auf Mindanao stationiert sind.

Zuerst hatte es geheißen, dass die US-Truppen nur zu einer militärischen Übung bis zum Juni 2002 bleiben würden. Es gab massive Proteste zur Beendigung des Stationierungsvertrages. Sie waren zunächst erfolgreich, doch wurde der Vertrag auf Druck der USA durch einen anderen ersetzt. Auch er dient dem Kampf gegen die moslemischen „Fundamentalisten" und „Terroristen" in Süd-Ost-Asien und besonders auf Mindanao.

Die Angriffe richten sich keineswegs nur gegen die Abu Sayaf als Verbindungsglied zum internationalen Terrorismus, sondern gegen die moslemische revolutionäre Bewegung, gegen die Zivilbevölkerung, auch gegen christliche und indigene Bevölkerungsgruppen. Sie finden nicht nur auf Basilan statt, wo die Abu Sayaf Einfluss haben, sondern in allen Teilen Mindanaos. Erst kürzlich gab es heftige Gefechte, die die Vertreibung von 22000 Familien im Kernland von Mindanao zur Folge hatten. Militante AktivistInnen werden verhaftet. Als Rechtfertigung diente dem Militär die Suche nach Abu Sayaf. Auch jetzt geht die Vertreibung von Tausenden von Familien weiter.

Avanti: Wie sind die Frauen von dieser Situation betroffen?

Ana: Am meisten verwundbar sind in dieser Kriegssituation die Frauen und Kinder. Sie leiden am meisten unter den Vertreibungen und werden in die Lager der Regierung gepfercht. Damit sind die Frauen von ihrem bisherigen Leben auf dem Land abgeschnitten und müssen nun die Situation im Lager bewältigen z.B. im Fall von Epedemien, die vor allem die Kinder betreffen. Auch die Frauen, die in ihren Dörfern bleiben konnten, leiden unter der Militarisierung. Die Armut, in der sie leben, steigt durch Requirierungen der Armee. Es gibt Fälle von Vergewaltigungen durch Soldaten und Berichte über Menschenrechtsverletzungen an Frauen in den Lagern der Regierung.

Avanti: Wie müssen wir uns diese Lager vorstellen?

Ana: Es gibt einige feste Lager in früheren Schulen. Nur zu Beginn wurden die Vertriebenen von der Regierung mit Lebensmitteln versorgt. Die christlichen SiedlerInnen und die Indigenas bleiben in diesen Lagern. Aber die meisten moslemischen Frauen wollen nicht in den Lagern leben und versuchen zu ihren Verwandten zu fliehen, die jedoch selbst in großer Armut leben. So erhoben diese Frauen die Forderung nach Rückkehr in ihre Dörfer. Sie können aber nicht zurückgehen, weil das Militär Posten stationiert und Zäune um die Dörfer gezogen hat, um sie als angebliche Zentren der Moro Islamic Liberation Front (MILF) zu isolieren. Dort kann es auch jeder Zeit zu Kämpfen kommen. In den Lagern können sie aber auch nicht bleiben, weil es dort kein Land zur Bebauung gibt, und das wäre die einzige Möglichkeit die Mittel zum Überleben aufzubringen.

Ein weiteres Problem ist das der Wiederherstellung des normalen Lebens der vertriebenen Frauen und Kinder. Die Kinder können wegen des Krieges nicht mehr zur Schule gehen oder weil ihre Schule als Lager belegt ist. Manche Kinder haben im Krieg ihre Eltern verloren und sind in einer miserablen psychischen Verfassung.

Avanti: Was ist die Reaktion der Frauen? Gibt es Ansätze zur Selbstorganisierung?

Ana: Es gibt unter den Frauen der drei Völker, wo wir Einfluss haben, eine Frauenorganisation. Indigene, moslemische und christliche Frauen kommen zusammen und diskutieren, wie sie unter der Kriegssituation zusammenarbeiten und vor allem unter diesen sehr, sehr schwierigen Umständen überleben können. Es gibt Initiativen, die an die lokalen Behörden die Forderung nach Rückkehr in die Dörfer verbunden mit dem Rückzug der Militärs aus dem Gebiet stellen. Diese Fraueninitiativen gibt es in verschiedenen Gegenden Mindanaos und in Zentralmindanao waren sie z.Tl. erfolgreich. Sie sind auch in den Lagern aktiv. Die Kampagne, dass der Friedensprozess fortgesetzt wird und sich das Militär zurückzieht, geht weiter. Es hängt auch von den Frauen und ihrer Kampagne ab, inwieweit die Friedensgespräche zwischen Regierung, MILF und Kommunistischer Partei der Philippinen (CPP) erfolgreich sein werden.

Die starke Friedensbewegung in Mindanao gründet nicht nur auf der Anerkennung der Unterschiede der drei Völker. Es geht ihr vielmehr darum, eine eigene Friedenskultur der drei Völker zu entwickeln. Dazu kommen VertreterInnen der Indigenas, der christlichen SiedlerInnen und der Moros zusammen und diskutieren Friedensvorschläge, um den Krieg zu beenden. So sind z.B. die moslemischen Frauen sehr aktiv in einer Initiative für ein Referendum der Moslems. Sie wollen über die Möglichkeiten selbst entscheiden, den jahrhundertalten Konflikt in Mindanao zu beenden.

Avanti: Was ist die Haltung der RWP zur Frauenbefreiung?

Ana: In der Partei haben wir eine ernsthafte Diskussion darüber, die Rolle der Frauen in der Revolution wirklich anzuerkennen. In der Vergangenheit mit ihrer maoistischen Tradition gab es eine mehr formale Anerkennung. Nun diskutieren wir in der RWP über Feminismus und wie wir den sozialistischen Feminismus in die Parteiarbeit integrieren können, vor den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der verschiedener Nationalitäten der moslemischen, christlichen und indigenen Frauen. Entsprechend den Verhältnissen versuchen wir sozialistisch-feministisches Bewußtsein in unserer Massenarbeit unter Frauen zu verbreiten. Die Frauen der drei verschiedenen Völker beteiligen sich in unterschiedlicher Weise. So haben die moslemischen Frauen eigene Ziele. Das erste ist die Anerkennung ihrer Rechte. Das ist das Problem der moslemischen Frauen. Der Islam auf Mindanao gibt den Frauen zwar mehr Freiheiten als anderswo. Aber es gibt Widersprüche zum islamischen Fundamentalismus, den es auch auf Mindanao gibt. Eine Frauenbewegung aufzubauen, bedeutet nicht alle Ideen des Nordens und des Westens zu kopieren. Schließlich ist die Situation z.B. der moslemischen Frauen hier sehr verschieden von jener. Die Lage der indigenen Frauen ist anders. Die indigenen Gemeinden akzeptieren z.B. die Teilnahme der Frauen an der Selbstverwaltung. So gibt es einige Stämme, die ihre Selbstverwaltung wiederherstellen konnten. Und die Frauen haben dort ihre Vertretung durchgesetzt. Auch in den städtischen und ländlichen christlichen Siedlungen gibt es eine Beteiligung der Frauen an der Selbstverwaltung. Das war ein erster Erfolg einer Kampagne zur Durchsetzung ihrer Rechte. Frauen organisieren sich auch im Kampf zur Lösung wirtschaftlicher Probleme und der schlechten Gesundheitsversorgung.

Auch innerhalb der RWP ist die Verbreitung sozialistisch-feministischem Bewußtseins ein Prozess und nicht von heute auf morgen zu erreichen. Es ist nicht nur eine Anstrengung unter uns Frauen, sondern auch unter den Männern. Unter ihnen gibt es einige, die keine Kenntnisse über die besonderen Rechte von Frauen und ihre besonderen Ziele in der Bewegung haben. In diesem Zusammenhang ist es unsere Aufgabe, eine entsprechende Vertretung der Frauen auf den verschiedenen Leitungsebenen der Partei zu erreichen und besondere Kurse für Genossinnen einzurichten, um Fragen des sozialistischen Feminismus zu studieren. Aber auch die Genossen müssen in unsere Frauenarbeit einbezogen werden.

 1 Die RWP sieht die moslemische Bewegung auf Mindanao insofern als revolutionär an, wie diese die gemeinsamen Forderungen der Bevölkerung auf revolutionärem Wege verteidigt. Sie kämpft gegen den Raub des Landes durch die multinationalen Konzerne, die dort Plantagen errichten wollen. Sie kämpft auch bewaffnet für das Selbstbestimmungsrecht des Volkes. Die Forderungen der Bevölkerung hatte die moslemische Bewegung schon gegen den spanischen und den US-Kolonialismus verteidigt.

 


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