Nicht nur waren viele KollegInnen auf den verschiedenen
Demos. Inzwischen gibt es sogar gewerkschaftliche Stellungnahmen, die nicht
einfach nur den in Nöten geratenen Regierungschef unterstützen wollen. Auf der
Betriebsversammlung von ver.di Baden-Württemberg hat die Landesvorsitzende
Sibylle Stamm die Beschäftigten zu 5 Mahnminuten am Tag X um 11.45 Uhr
aufgerufen.
Vor dem Tag X!
Wir sollten aber nicht bis zum Tag X warten. Je mehr Druck
vorher erzeugt wird, um so größer die Chance, tatsächlich noch den offenen
Kriegsausbruch zu verhindern. Käme es v. a. in den USA zu massenhaften
Streiks, müsste die US-Regierung in kürzester Zeit ihre Kriegspläne fallen
lassen.
Wir können jedoch die Verantwortung nicht auf die
amerikanischen KollegInnen abschieben. Auch wir müssen mehr tun als "nur" zu
demonstrieren. Selbst Sitzblockaden wie die mit über 2000 Beteiligten am 22.
Februar vor der Rhein-Main-Air-Base (dem US-genutzten militärischen Teil des
Frankfurter Flughafens) haben nur symbolischen bzw. "demonstrativen"
Charakter. Direkt behindern können sie nichts.
Auf die Aktionen in den Betrieben kommt es an und die
müssen letztlich koordiniert werden, damit "Zug" rein kommt und die Repression
erschwert bzw. unmöglich gemacht wird. Von daher ist es zu begrüßen, wenn der
DGB-Bezirk Baden-Württemberg in einem Schreiben seines Vorsitzenden Rainer
Bliesner an den DGB-Bundesvorstand den Vorschlag gemacht hat, 5 Mahnminuten
für den Frieden in Betrieben und Verwaltungen zu organisieren, um damit "ein
öffentliches Zeichen für eine friedliche Lösung des Irak-Konflikts zu setzen".
Doch bliebe es dabei stehen, wäre auch das nur symbolisch.
Bliesners Argumentation bleibt schwach. Politisch eindeutiger ist da schon der
Aufruf des IG Metall Ortsvorstands Waiblingen (Bezirk Stuttgart), den wir
wegen seiner besseren politischen Stoßrichtung vollständig zitieren wollen und
den wir – so oder ähnlich – zur Nachahmung empfehlen (siehe Kasten).
Hinzufügen möchten wir allerdings: Dies kann nur ein
Auftakt sein. Mahnminuten reichen nicht. Es braucht eine engagierte Kampagne
zur Mobilisierung für einen tatsächlichen Streik. Einen Streik, der die
Herrschenden trifft, verbunden mit Aufrufen zum zivilen Ungehorsam, zur
Desertion, Lahmlegung des öffentlichen Lebens bei Kriegsausbruch usw. Nach
Lage der Dinge können bei uns nur die Gewerkschaften dies wirklich
organisieren. Nur sie haben sowohl die organisatorische Kraft wie auch gerade
noch ausreichend Autorität unter den KollegInnen, um zumindest Teile der
Belegschaften, StudentInnen, RentnerInnen usw. zu bewegen. Um genau diesen
politischen Prozess in den Gewerkschaften voran zu bringen, muss sich die
Gewerkschaftslinke in der nächsten Zeit besser organisieren und Initiativen
ergreifen.
Italien: Soziales mit Politischem verknüpft
Der vierstündige Streik der am 21. Februar den größten Teil
der italienischen Industrie lahmlegte, war vom Gewerkschaftsbund CGIL
organisiert worden und war gegen die Arbeitsgesetzgebung (Loc- kerung des
Kündigungsschutzes) gerichtet. Die anderen beiden großen Verbände hatten sich
zurückgehalten sind aber jetzt unter Druck geraten und wollen demnächst
Gespräche über gemeinsame Aktionen wenigstens zur Verteidigung des
Kündigungsschutzes aufnehmen.
Insgesamt demonstrierten 100 000 Streikende, davon 25 000
in Turin und 20 000 in Mailand. In einer ganzen Reihe von Städten tauchten bei
den Demos Antikriegstransparente auf. Unser Korrespondent war vor allem von
den Sprechchören beeindruckt. Sinngemäß: Legt den Kriegern Bush und Berlusconi
das Handwerk! Dies ist die richtige Einstimmung, um hoffentlich bald zu einem
politischen Streik gegen die Kriegspolitik aufzurufen.
Speziell die kleineren cobas, die radikaleren
gewerkschaftlichen Basiskomitees, propagieren seit Monaten den Generalstreik
bei Kriegsbeginn und haben das allen europäischen Gewerkschaftsverbänden
vorgeschlagen. Aus der DGB-Zentrale wird sicherlich nur eine Antwort kommen,
wenn auch bei uns mehr Druck von unten erzeugt wird. Die cobas wollen
auch die Gewerkschaften Brasiliens bitten, sich diesen europäischen Streiks
anzuschließen.
Grossbritannien: Gewerkschaftsfunktionäre agitieren für Streik
Auf einer Versammlung der britischen Antikriegsbewegung
Stop the war coalition am 9. Februar sprachen sich führende Vertreter von
fünf großen TUC-Gewerkschaften mit insgesamt 750 000 Mitgliedern dafür aus,
dass für den Fall eines Kriegsbeginns Streiks ausgerufen werden. Sie selbst
gaben keinen formellen Aufruf heraus, forderten aber eine entsprechende
Initiative des Dachverbandes TUC.
Mick Rix von der Eisenbahnergewerkschaft Aslef
betonte, dass einige BahnkollegInnen es heute schon ablehnen, Material zu
transportieren, das für den Krieg verwendet werden kann (vgl. dazu auch letzte
avanti Seite 15). Paul Mackney von der Gewerkschaft der
Universitätsdozenten Natfhe geht von verbreiteten Arbeitsniederlegungen
in der Industrie aus, wenn Blair den Krieg offiziell eröffnet. Man werde zwar
– aus rechtlichen Gründen – heute nicht zu einem Streik aufrufen, aber es
werde sicherlich nicht ruhig bleiben. Bob Crow, Vorsitzender der
TransportarbeiterInnengewerkschaft RMT verwies auf das Beispiel
Rumäniens, wo man Ceauscescu aus dem Weg geräumt habe, weil er nicht auf das
Volk gehört habe.
Quer über den Globus
Inzwischen gibt es Gewerkschafteraufrufe in der ganzen
Welt. Besonders der Aufruf der Vereinigung US Labor Against War (vgl.
Artikel auf S. 14) wurde weltweit beachtet und innerhalb von 3 Wochen von mehr
als 50 Gewerkschaften unterstützt. In Australien hat eine Versammlung von
mehreren Gewerkschaften, die insgesamt 75 000 Mitglieder vertreten, für den
Kriegsausbruch mit Streik gedroht (West Australian, vom 5. Feb.) Auf
dem Gewerkschaftstag der indischen BauarbeiterInnengewerkschaft mit Vertretern
der Schwesterngewerkschaften aus Bangladesch, Australien, England und dem Irak
wurde eine scharfe Antikriegsresolution verabschiedet. In Frankreich haben
sich BahnarbeiterInnen der Gewerkschaft SUD gegen den Krieg organisiert
(Cheminots contre la guerre). Der südafrikanische Gewerkschaftsverband Cosatu
hat eine Erklärung herausgegeben unter dem Titel COSATU Says No to Oil War.
Laßt uns so viel Druck erzeugen, dass auch in den Betrieben der BRD die
Organisierung von Streiks eingeleitet wird.