Während momentan die Kriegsfrage alle Bereiche der Politik bestimmt und die
Bundesregierung sich als Kriegsgegner zu präsentieren versucht, laufen unter
der Federführung von Wirtschafts- und Arbeitsminister Clement
Angriffsplanungen auf ein Fundament der gewerkschaftlichen Macht in der
Bundesrepublik: den Flächentarif. Dazu werden die bereits eingeleiteten
"Reformen" am Arbeitsmarkt, eine "Mittelstandsoffensive" und der "Masterplan
Bürokratieabbau" ins Feld geführt.
Die US-Intervention am Golf dient der Wirtschaftspolitik
der Bundesregierung im übrigen als Argumentationshilfe: "Der drohende
Irakkrieg hat sich wie Mehltau über Wirtschaft und Arbeitsmarkt gelegt", so
die Rechtfertigung Clements im Februar in der Bundestagsdebatte über den
Jahreswirtschaftsbericht. Doch wie Ausbeutung und Krieg zentrale Bestandteile
des Kapitalismus sind, so ist die SPD-Grünen-Regierung mit ihrem
"Superminister" wie Mehltau auf den Lohnabhängigen. Berlin attackiert soziale
und politische Rechte der Lohnabhängigen und lähmt sie mit der Einbindung der
Gewerkschaftsführung.
Ursachen der Wirtschaftskrise
Clements Rechtfertigung für den Wirtschaftsbericht wiederum
hielt die CDU durch ihren Fraktionsvize Merz folgendes entgegen: "Deutschland
befindet sich in einer tiefen, strukturell begründeten Wachstumskrise". Diesen
Satz unterschreibt Clement bei einem Glas Bier mit Merz sofort, ist er doch
von Kanzler Schröder eigens bestellt worden, um die Wachstumshemmnisse in der
ArbeiterInnenklasse aus dem Weg zu räumen.
Die von Merz angesprochene strukturelle Wachstumskrise
gründet auf nichts anderem als auf der gesunkenen und seit Mitte der siebziger
Jahre stagnierenden Durchschnittsprofitrate. Gemessen am eingesetzten Kapital
fällt in vielen Branchen ein geringerer Gewinn an als z. B. an der Börse
angelegt. Deshalb wird nicht im gewünschten Umfang in die Produktion von Waren
reinvestiert und das Kapital trägt so nicht zu einem die kapitalistische
Gesellschaft stabilisierenden Wachstum bei.
Eine erneute Erhöhung der Durchschnittsprofitrate ist
jedoch ohne den umfassenden Anstieg der Mehrwertrate – sprich: der
Ausbeutungsrate der Ware Arbeitskraft – unmöglich. Das kapitalistische
Wachstum kann nur zu Lasten der ArbeiterInnenklasse wiederbelebt werden. Wer
auf die bürgerlichen Regierungssessel katapultiert wird, muss diese Angriffe
gegen die Lohnabhängigen führen.
Aus diesem Grund sind praktisch alle führenden bürgerlichen
Regierungen und internationalen Wirtschaftsorganisationen Anhänger der
neoliberalen Doktrin. Gefragt sind unter anderem folgende neoliberalen
Maßnahmen im Interesse des Kapitals:
1. Abbau der Leistungen aus Arbeitslosen-, Sozial-,
Kranken- und Rentenversicherungen unter der Überschrift: Senkung der
Lohnnebenkosten.
2. Ferner über Zeitarbeit und Arbeitszeitflexibilisierung
verbilligte "Just-in-Time"- ProduzentInnen und -DienstleisterInnen als Folge
der "Just-in-Time"-Produktion zur Optimierung von Produktions- und
Lagerkapazitäten.
3. Schließlich der Abbau gewerkschaftlicher und
tariflicher Gegenmacht und ein entsprechender schrankenloser und
kostengünstiger Zugriff auf die Lohnabhängigen.
SPD und Bündnis 90/Die Grünen haben für das Kapital seit
ihrem Regierungsantritt im Jahre 1998 bei Punkt 1 und 2 Fortschritte erzielt.
Das sogenannte "Hartz-Konzept" steht für das Ende der staatlichen
Arbeitslosenversicherung, die Legalisierung staatlicher Zwangsarbeit und
Etablierung flächendeckender Zeitarbeit. Die weiteren Auswirkungen der
"Gesundheitsreform" werden momentan den Blicken der Öffentlichkeit entzogen
und in der sogenannten - und wie Hartz durch nichts legitimierten -
Rürup-Kommission vorbereitet. All dies geschieht im Wissen und aktiven Beisein
der Gewerkschaftsbürokratie, die mit der SPD-Führung verzahnt ist. "Bündnis
für Arbeit", Hartz- und Rürup-Kommission – dies sind nicht nur Synonyme des
Sozialabbaus und der kampflosen Liquidierung gewerkschaftlicher Positionen,
nein, es sind auch die Namen nichtlegitimierter und undemokratischer Gremien,
denen die vollständige Macht über die Zukunft der Lohnabhängigen übertragen
werden soll.
Masterplan Tarifliquidierung
Die Regierung Schröder/Fischer kommt jedoch im oben
genannten Punkt 3 nicht zufriedenstellend weiter. Die gewerkschaftliche Macht
in der Bundesrepublik speist sich gerade aus dem Flächentarif als verbrieftem
Recht auf Koalitionsfreiheit all derjenigen, die ihre Arbeitskraft verkaufen
müssen.
Die mageren Ergebnisse im Kampf gegen den Flächentarif
haben Clements Amtsvorgänger im Arbeitsministerium, Riester, den Kopf
gekostet. Nun soll es der vormalige Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens
richten. Wolfgang Clement ist durch die Schule des staatlichen SPD-Filzes an
Rhein und Ruhr gegangen. Dort hat er es gelernt, das Kapital mit Unterstützung
durch Gewerkschaftsvorstände und Betriebsratsfürsten zu fördern und dadurch
die Aura des "Modernisierers" erlangt. Dieses Rüstzeug soll nun dazu dienen,
den Flächentarif zu durchlöchern und letztendlich zu liquidieren.
Clement hat seit seinem Amtsantritt das öffentliche Echo
und die Haltung der Gewerkschaftsbürokratie besonders in der Frage des
Tarifrechtes und des Kündigungsschutzes sondiert. Seine über die Medien
lancierten Vorschläge zur Aufweichung des Kündigungsschutzes zuerst in
Kleinunternehmen folgen dem bekannten Muster, mit Klagen über die Nöte des
Handwerks eine Bresche in die kollektiven Schutzsysteme der
ArbeiterInnenklasse zu schlagen. Der Wirtschaftsminister rechnet jedoch nicht
auf einen schnellen Durchbruch bei den Fragen Tarifrecht und Kündigungsschutz.
Schließlich soll ein Eckpfeiler gewerkschaftlicher Macht zertrümmert werden.
Aber er verfährt nach der Strategie: steter Tropfen höhlt den Stein! Den
Zeitraum veranschlagt er mit ein- bis eineinhalb Jahren und die bisherige
Politik der Gewerkschaftsführung arbeitet für ihn.
Mitgefangen, mitgehangen !
DGB-Chef Sommer, sein Vorgänger Schulte und die
Vorsitzenden der Einzelgewerkschaften haben die "Reformen" des Arbeitsmarktes
durch aktive Mitarbeit in der Hartz-Kommission unterstützt. Auch in der
Rürup-Kommission lassen sie sich in den sozialen Kahlschlag einbinden.
Aus diesem Grund ist es für das Kapital und die neoliberale
Wirtschaftspresse so einfach, das momentane Veto der Gewerkschaften gegen
"Reformen" des Tarifsystems als sachfremde Blockadehaltung zu kennzeichnen.
Mitgefangen, mitgehangen! Genau deshalb wird in diesen Wochen das Thema
"Bündnis für Arbeit" erneut ins Spiel gebracht. War das Bündnis in der
Vergangenheit ein Erfolg für die Kapitalverbände, so scheiterten die
vergangenen Gespräche vorerst an der Frage Flächentarif. Mittlerweile ist das
Terrain für die Unternehmensverbände günstiger. Sie sagen Sommer & Co
sinngemäß: Bei Hartz und Rürup arbeitet Ihr fleißig an der Modernisierung des
"Wirtschaftsstandortes Deutschland" mit, beim Flächentarif nicht. Dies passt
nicht zusammen!
Auftritt Clement: Seine Masterplanvorschläge greifen
Ausnahmeregelungen für den Flächentarif auf, zersetzen ihn dadurch in der
Logik der Ereignisse und garnieren dies als Bürokratieabbau,
Serviceverbesserung auf dem Wirtschafts- und Arbeitsmarkt etc.. Am Ende wird
uns ein Flächentarif präsentiert der kein Flächentarif mehr ist.
Um dieses Nebelwerk glücklich auszuführen, bedarf es
professioneller Nebelwerfer. Darin versteht sich kaum jemand so gut wie die
Gewerkschaftsbürokratie. Sie wird gebraucht und darin liegt die Chance von
Clements Masterplan. Gleichgültig wie die Etappen der Kamingespräche von BDI,
DGB, Clement und Schröder verlaufen und was der detaillierte Inhalt ist:
Verlierer würden die 41 Millionen Lohnabhängigen sein.