Deutschland gibt Gas
Die deutsch-französische Offensive gegen die Irakpolitik der USA wurde bereits
vor zweieinhalb Jahren bei einem Treffen von Kapital- und Regierungsvertretern
geplant. Mit am Tisch: der berüchtigste deutsche Chemiewaffenexporteur.
Ludolf von Wartenberg, Hauptgeschäftsführer des BDI
(Bundesverband der Deutschen Industrie), rief, und alle kamen.
DaimlerChrysler, die Dresdner Bank, Thyssen, Veba und Eon waren vertreten, und
wo soviel wirtschaftliche Macht versammelt ist, darf ein Repräsentant des
Auswärtigen Amts nicht fehlen. Die SPD schickte ihren Abgeordneten Christoph
Moosbauer vorbei.
Die illustre Runde, die sich am 29. Juni 2000 im Berliner
Hotel Radisson SAS traf, wollte eine vorausgegangenen BDI-Delegationsreise in
den Irak auswerten. Die Irakis, so konstatierte Wartenberg gleich zu Beginn,
hätten bei dieser Gelegenheit "fast romantische Anhänglichkeit gegenüber
Deutschland" gezeigt. Besonders erfreulich, so ergänzte Claude Robert Ellner,
deutscher Geschäftsträger in Bagdad, sei, dass "Präsident Saddam persönlich
den Besuch der BDI-Delegation goutiert hätte"*.
Der Romantiker Saddam Hussein hatte gute Gründe, seinen
deutschen Freunden "eine Vielzahl von Gesten der Sympathiebekundung" zuteil
werden zu lassen. Ihnen verdankte er nicht nur die Lieferung von über 4000
Luftabwehr- und weit mehr als 20.000 Panzerabwehrraketen aus
deutsch-französischer Koproduktion soviel zahlreicher anderer Rüstungsgüter.
Deutsche Firmen waren auch führend beim Aufbau der irakischen
Chemiewaffenindustrie. Sie errichteten die Produktionsanlagen von Samarra und
Fallujah, gigantische, größtenteils unterirdisch angelegte Komplexe, die sich
über dutzende Quadratkilometer erstreckten.
Industrie vermisst Dialog
Führend in diesem Geschäft war die Firma Karl Kolb/Pilot
Plant, deren Geschäftsführer Dieter Backfisch 1989 erklärte: "Für die Leute in
Deutschland ist Giftgas eine ganz furchtbare Sache, Kunden im Ausland stört
das nicht." Eine gutwillige Justiz glaubte ihm und allen anderen Beteiligten
dennoch, dass sie von der Giftgasproduktion nichts gewusst hätten und
verurteilte sie allenfalls wegen Ordnungswidrigkeiten.
Selbstverständlich nahm auch ein Kolb-Vertreter an der
Versammlung teil. Michael Fraenzel, der den Aufbau der Chemiewaffenproduktion
in Samarra persönlich überwachte, arbeitete schließlich bereits in den
achtziger Jahren mit Wartenberg zusammen, der damals als Staatssekretär dafür
sorgte, dass deutschen Exporteuren keine bürokratischen Hindernisse in den Weg
gelegt werden.
Dass den Händlern des Todes nach dem zweiten Golfkrieg
etwas größere Beschränkungen auferlegt wurden und das lukrative Irakgeschäft
zeitweilig unterbrochen war, hat das deutsche Kapital nie akzeptiert. Die
Skandale um deutsche Giftgasexporte zwangen die Bundesregierung aber lange zu
diplomatischer Zurückhaltung. Zu lange, wie der BDI meint. Es bestehe
"dringender Handlungsbedarf", hatte Wartenberg bereits im Vorfeld seinen "BM
Fischer" per Brief ermahnt. Dieser freundlichen Wink wurde nun von den
versammelten Kapitalvertretern wiederholt. "Die deutsche Wirtschaft sei der
Auffassung, dass die Zeit für eine Aufnahme des politischen Dialogs mit Irak
sowie zur Formulierung und Durchsetzung nationaler Interessen sowohl in Irak
als auch in den VN (Vereinten Nationen) reif sei."
Saddam vermisst Initiative
Geschäfte mit Saddam Hussein sind aber ohne politische
Gegenleistung nicht zu haben. MdB Moosbauer erläuterte, "dass Irak zwar
deutsche Produkte wolle, aber auch erste Schritte zur Reduzierung des Embargos
erwarte. Irak kritisiere, dass Deutschland zu sehr an den USA hänge und keine
eigene Initiative zeige". Moosbauer sah keine Probleme durch eventuelle
parlamentarische Opposition: "Es herrsche Einigkeit unter allen Fraktionen des
Deutschen Bundestages, dass die Wirtschaftssanktionen fallen müssen."
Und er wusste auch schon, wer der geeignete Bündnispartner
für eine "eigene Initiative" ist: "Die französische EU-Ratspräsidentschaft
sollte sich um eine eigene europäische Irakpolitik bemühen, dies wolle er im
Auswärtigen Ausschuss anregen (...) BM Fischer sei der französischen Haltung
gegenüber aufgeschlossen". Nur als bewusste Gefälligkeit gegenüber den
Giftgasdealern kann seine Aussage verstanden werden, es "müsse eine neue
Definition für Dual-Use-Güter gefunden werden". Eben solche Waren, die für
zivile wie militärische Zwecke benutzt werden können, verkauften Kolb&Co an
den Irak.
Selbstverständlich vergaßen die Kapitalvertreter nicht,
finanzielle Unterstützung und staatliche Hermes-Bürgschaften für ihre
Irak-Geschäfte zu fordern. Ihren Politikern legten sie nahe, dass es
"bedeutsam wäre, wenn die deutsche Industrie ihre Vorstellungen in die
politischen Leitlinien des Bundestages einfließen lassen könnten. MDG von
Stechow (Auswärtiges Amt) versicherte, dass die Wünsche der deutschen
Wirtschaft sehr sorgfältig aufgenommen würden". Zum Bundestagswahlkampf 2002
konnte dann Vollzug gemeldet werden.
Harry Tuttle
* Alle Zitate mit
Ausnahme der Aussage Backfischs stammen aus dem BDI-Rundschreiben Nr. IM
102/200
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