Die gewaltigen
Demonstrationen vom 15. Februar haben den Antikriegskräften ungeheuren
Auftrieb gegeben. Aber es muss noch mehr geschehen, als nur zu neuen Demos
aufzurufen.
Die breite Empörung gegen den Kriegskurs der US-Regierung
und ihres Gehilfen Blair kommt nicht aus heiterem Himmel. Die Breite der
Antikriegsbewegung im Vergleich zu den vorangegangenen imperialistischen
Kriegen gegen Jugoslawien und Afghanistan hat mehrere Gründe. Hier nur die
wichtigsten:
· Es ist inzwischen die Erkenntnis durchgedrungen, dass der
Krieg in Afghanistan "nichts gebracht hat", außer vielen Opfern unter der
Zivilbevölkerung. Diejenigen, die die US-Militärs angeblich oder tatsächlich
suchten, fanden sie nicht. Dafür wurde eine US-willige Regierung eingesetzt.
SoldatInnen der Großmächte, auch aus der BRD, sollen dort länger stationiert
bleiben. Die Lage im Land ist alles andere als "sicher". Nicht wenige Menschen
haben inzwischen auch von den US-Plänen für den Bau einer Ölpipeline durch
Afghanistan gehört oder gelesen.
· International ist mit und seit dem Afghanistankrieg die
Zahl terroristischer Anschläge nicht zurückgegangen. Krieg ist also – so
müssen immer mehr Menschen erkennen – kein Mittel gegen den Terror. Im
Gegenteil: Krieg ist Terror und ruft als Reaktion nur weitere Terrorakte
hervor. Dies geben inzwischen auch solche Politiker zu, die sich nach dem 11.
September so eilig und vorbehaltlos dem "Krieg gegen den Terror" angeschlossen
haben.
· Die gleitende Neudefinition der US-Kriegsziele im Irak
lässt die US-Administration seit dem Sommer letzten Jahres immer
offensichtlicher als Lügnerin dastehen. Vor allem die kaum noch verhüllte
Absicht der US-Regierung, den Zugriff auf das irakische Öl zu bekommen, lässt
ihr wahres Gesicht erkennen.
· Nicht zuletzt die Tatsache, dass der Truppenaufmarsch aus
logistischen Gründen Monate dauerte und trotz Kooperation der irakischen
Regierung mit den WaffeninspekteurInnen fortgesetzt wurde, ließ den Menschen
ausreichend Zeit, die kriegerischen Absichten der US-Regierung zu erkennen.
Die Wut steigt
Viele Gruppen haben seit Monaten ihren bescheidenen Beitrag
zur Kritik der US-Politik geleistet. Aber die Antikriegsbewegung brauchte
nicht all die Menschen selbst erreichen, die heute aus lauter Empörung auf die
Straße gehen. Vielmehr gründet die tatsächliche Breite der Bewegung wesentlich
auf den o. g. politischen Bedingungen.
Dies erklärt auch die "begrenzte Zielsetzung" vieler
DemonstrantInnen und manche Illusionen in "Old Europe". Dennoch verläuft zur
Zeit bei vielen ein wichtiger Politisierungsprozess, nicht zuletzt bei
Jüngeren. Viele ergreifen selbst Initiativen, malen Transparente, hängen sie
aus dem Fenster; Informationsveranstaltungen sind gut besucht, Diskussionen
finden am Arbeitsplatz statt...
Allen KriegsgegnerInnen ist inzwischen klar, dass die
US-Regierung diesen Krieg will und dass sie durch keine Argumente zu
beeinflussen ist. Die Politik der Bundesregierung und anderer Länder ist für
sie kein Hinderungsgrund.
Noch ist keine Demoralisierung unter den KriegsgegnerInnen
auszumachen, im Gegenteil, die Bewegung nimmt an Breite zu. Wut und Zorn
werden deutlicher und stärker. Dennoch droht ein Gefühl der Ohnmacht, wenn
sich keine weiterreichenden Perspektiven auftun.
Vor neuen Herausforderungen
Die Linke in der Antikriegsbewegung steht somit vor einer
doppelten Aufgabe:
Sie muss weiter über die Hintergründe der US-Kriegspolitik
aufklären. Selten waren die Bedingungen, aufgrund der immer offeneren Worte
der Bush-Regierung, so günstig, wenn es um die Erläuterung dessen ging, was
Imperialismus bedeutet und was er heute konkret anrichtet. Dazu gehört auch,
die Rolle der Bundesregierung und ihre de facto kriegsunterstützende Politik
darzustellen.
Zweitens sollten wir uns jetzt für Arbeitsniederlegungen
stark machen. Die größte Wirkung haben sie, wenn sie wirklich Streiks sind,
also nicht mit den sogenannten "ArbeitgeberInnen" gemeinsam durchgeführt
werden und wenn sie nicht bei symbolischen "5 Minuten" stehen bleiben. Nehmen
wir uns ein Beispiel an den italienischen GewerkschafterInnen, die am 21.
Februar vier Stunden lang streikten.
Auch in den USA wächst die Kriegsgegnerschaft unter
GewerkschafterInnen. So mächtig die US-Regierung heute erscheinen mag, sie
wäre völlig machtlos, würden weltweit Millionen Beschäftigte u.a. in
US-Konzernen in den Streik treten. In der aktuell sich zuspitzenden
Kriegsgefahr wird dies die einzige wirklich wirksame Waffe sein, um den
menschenverachtenden KriegerInnen das Handwerk zu legen.
Streiks würden die unterschiedlichen Klasseninteressen in
der Frage von Krieg und Frieden deutlich machen. Vielen Menschen würden sie
den Klassencharakter der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nachdrücklicher
vor Augen führen, als es ein marxistisches Seminar jemals leisten könnte. Und
nur dann könnten auch Perspektiven entwickelt werden, die über diese
mörderische Gesellschaftsordnung hinaus weisen.
D. B.
| Schülerinnenstreik in
Australien Am 05.03. ist in
Australien ein landesweiter SchülerInnenstreik gegen den Krieg geplant.
Vor allem soll dadurch Druck auf die Regierung ausgeübt werden, welche
2.000 Soldaten für den Golfkrieg bereit gestellt und ein Vorauskommando
bereits an den Golf geschickt hat. Gegen die unmittelbare Beteiligung
Australiens am Krieg demonstrierten am 15.02 über 200.000 Menschen in
Melbourne – die größte Demo in Australien seit dem Vietnamkrieg, in
welchen Australien ebenfalls direkt verwickelt war. |