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Innen
Das 3. Weltsozialforum und die Perspektiven

Mehr als 100 000 Mensch beteiligten sich vom 22.–28. Januar am Treffen der weltweiten sozialen Bewegungen in Porto Alegre. Die offizielle Statistik gibt folgende Zahlen wider: Vertreten waren 156 Länder. 20763 ließen sich als Delegierte von 5717 Organisationen registrieren, der Rest einfach als TeilnehmerInnen.

Natürlich kamen die meisten, ca. 80 Prozent, aus Brasilien selbst. Die zweitgrößte Gruppe kam aus den USA (ca. 1500), was nachdrücklich das Problem des sozialen Gefälles innerhalb der Bewegung aufzeigt. Ca. 1000 ArgentinierInnen stellten die drittgrößte Gruppe. Aus der BRD sollen fast 400 dagewesen sein. Mehr als 4000 MedienvertreterInnen waren aus 51 Ländern angereist. 1286 politische Veranstaltungen und Workshops haben tatsächlich stattgefunden.

Angekündigt waren im offiziellen Programm über 1700 Veranstaltungen, von denen dann viele aus organisatorischen oder unerfindlichen Gründen nicht stattfanden, was im nachhinein auch zu Anschuldigungen gegen das Organisationskomitee besonders aus autonomen und anarchistischen Kreisen führte, sie aus politischen Gründen auf kaltem Wege auszubooten.

Undurchschaubare Organisierung

Auch wenn die Verantwortlichen, die Stadtverwaltung und die 650 freiwilligen HelferInnen eine bewundernswerte Leistung vollbracht haben, diese sieben Tage zu organisieren, und allenthalben eine Superstimmung herrschte, zeigte sich doch, dass ein "Event" dieser Größenordnung kaum mehr zu organisieren, geschweige denn als TeilnehmerIn zu durchschauen ist. Fast zwangsläufig nimmt das Gewicht großer oder finanziell starker Organisationen, die eigene Organisationsressourcen ausspielen können, zu. Aus der BRD war das die Ebert-Stiftung, die ein halbes Jahr eine Hauptamtliche in das riesige und moderne Goethe-Institut von Porto Alegre gesetzt hatte, um den Auftritt der aus Deutschland angemeldeten Gruppen mehrsprachig in ein Programmheft zu fassen, für das DGB Bildungswerk Veranstaltungen zu organisieren und abends Empfänge im Institut. Im Programm wurden 39 deutsche Organisationen mit 62 Veranstaltungen aufgeführt. Am häufigsten tauchte die Rosa Luxemburg Stiftung auf.

Doch das DGB Bildungswerk erfüllte nur eine Alibifunktion, die deutschen Gewerkschaften glänzten durch Abwesenheit. Nur die GEW beteiligte sich mit einer Delegation offiziell an der Bildungsdiskussion. Von hochrangigen Vertretern von Metallgewerkschaften aus Italien, Südafrika, Kanada und Brasilien wurde mehrmals das Desinteresse der IG Metall angemerkt. Eine herausragende Veranstaltung war von der Journalistin Gabi Weber mit der CNM/CUT (Metallarbeitergewerkschaft Brasiliens) organisiert worden. Es ging um die während der Diktatur in Argentinien ermordeten Kollegen von Mercedes. Aus den obengenannten Ländern waren die Vertreter im Exekutivkomitee des Internationalen Bundes der Metallarbeiter anwesend und 2 überlebende Gewerkschafter von Mercedes. Es wurde berichtet, wie Zwickel beim letzten Treffen des Exekutivkomitees mit "diktatorischem" Verhalten verhinderte, dass die Abwahl seines Stellvertreters Rodriguez aus Argentinien überhaupt auf die Tagesordnung kam. Dieser war bereits Vorsitzender der dortigen MetallerInnen unter der Diktatur und hat nach Dokumenten beim Verschwindenlassen von Kollegen mitgewirkt. Bei diesem Workshop wurde abgesprochen, dass das Thema bei der nächsten Sitzung gemeinsam und besser vorbereitet wieder eingebracht und hoffentlich durchgesetzt wird. Ein solches Treffen zwischen argentinischen KollegInnen, linken GewerkschafterInnen aus mehreren Kontinenten und führenden FunktionärInnen von verschiedenen Metallgewerkschaften ist im Moment wohl nur auf einem Weltsozialforum möglich.

Antiimperialismus

Der angedrohte Irakkrieg und die Verteidigung der Regierung Chaves in Venezuela gegen Putschversuche und Destabilisierung durchzogen als zentrale Themen das ganze Treffen. Besonders für die LateinamerikanerInnen stand hinter beidem die altbekannte Politik des US- Imperialismus. Auch die kämpferischen Großdemonstrationen waren davon bestimmt. Unter den AktivistenInnen aus Argentinien und Chile spielt die Venezuela-Solidarität eine wichtige Rolle. Als Hugo Chaves überraschend nach Porto Alegre kam, eingeladen nicht vom Organisationskomitee (da laut Satzung keine PolitikerInnen in ihrer Funktion auftreten dürfen) sondern vom örtlichen Solidaritätskomitee, gab es kurzfristig eine Solidemo mit 10000 TeilnehmerInnen (Tausende warteten stundenlang, um ihn kurz zu sehen). In den Justizpalast schafften es nur einige hundert um dort 6 Stunden mit ihm zu diskutieren.

Lulas Rede vor 70000 war emotional kein überschwängliches Ereignis, sondern ging umstandslos in ein Musikfestival bis in den frühen Morgen über. Porto Alegre war auch dieses Jahr ein gigantisches und ermutigendes Ereignis, jedoch werden zunehmend Fragen bezüglich der Größe, der Häufigkeit und den Zielen aufgeworfen. Auch die Diskrepanz zwischen TeilnehmerInnen aus dem reichen Norden und dem ärmeren Rest der Welt muss thematisiert werden. Ganz zu schweigen von der oftmaligen Abschottung der eingeladenen Prominenten in Luxushotels.

Die Organisationsstruktur wird von manchen Gruppen scharf als undemokratisch angegriffen und inzwischen als manipulatives Projekt der IV. Internationale denunziert. Manche scheinen aber auch alles gern als Dienstleistung in Anspruch nehmen zu wollen und hinter jedem Fehler politische Machenschaften zu vermuten. Offiziell ist die Rolle politischer Parteien völlig ausgeblendet und zum Teil verpönt, was dann um so mehr zu Manipulationsvorwürfen führt.

Die kluge und politisch wichtige Entscheidung, das 4. Weltsozialforum in Hyderabat in Indien durchzuführen, wird hier noch mehr Diskussionen aufwerfen, da die dortigen linken Parteien eine wichtige Rolle bei der Umsetzung spielen und bereits ihr Unverständnis für dieses Herangehen zum Ausdruck gebracht haben. Politisch und kulturell wird das Forum nächstes Jahr mit Sicherheit ein in vieler Hinsicht anderes aber hoch spannendes Ereignis.

Ignaz

 


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