15. Weltkongress der IV. Internationale
Aufbruch zu neuen Ufern?Die zeitliche
Nähe zwischen den bisher größten Massenprotesten gegen den Krieg am 15.
Februar und dem Ende des 15. Weltkongresses der IV. Internationale war
natürlich reiner Zufall. Oder doch nicht?
Immerhin haben die Organisationen der IV. Internationale
zur Stärkung und weltweiten Koordination der Bewegung gegen die
kapitalistische Globalisierung ihren Teil dazu beigetragen. Weltsozialforum
und Europäisches Sozialforum sind nicht vom Himmel gefallen. Von Florenz 2002
ging die Initiative zum Aktionstag am 15. Februar aus. So konnte die älteste
und doch jung gebliebene internationale Gruppierung der revolutionären
ArbeiterInnenbewegung auch nach mehr als 62 Jahren ihre Nützlichkeit unter
Beweis stellen.
Neue Generation
Delegierte und Gäste aus allen fünf Kontinenten der Erde
wohnten dem sechs Tage dauernden Kongress bei. Neben Sektionen oder
sympathisierenden Gruppen der Internationale waren Parteien außerhalb ihrer
Reihen vertreten - Rifondazione Communista (Italien), Scotish Socialist Party,
Socialist Workers Party (England), Lutte Ouvriére (Frankreich), um nur einige
zu nennen.
In seiner Eröffnungsrede erinnerte Livio Maitan als
Vertreter der internationalen Leitung an unsere seit dem letzten Weltkongreß
1995 verstorbenen GenossInnen. Stellvertretend für viele andere nannte er
Charlie van Gelderen - südafrikanischer Teilnehmer des Gründungskongresses
1938 -, Zheng Chaolin, Wang Fanxi und nicht zuletzt Ernest
Mandel, der wie kein zweiter nach 1945 die "Vierte" geprägt hat. Maitan wies
darauf hin, dass auf diesem Kongreß die vierte Generation jetzt spürbar
vertreten ist - nach der GründerInnen-, der Nachkriegs- und der Generation der
"68er". Sie haben die Chance, eine neue, stärkere revolutionäre internationale
Bewegung aufzubauen.
Neue Weltlage
Als erstes und zentrales inhaltliches Thema behandelte der
Kongress die "Weltlage". In seiner ausführlichen Einleitung zu den Thesen der
internationalen Leitung betonte Francois Sabbado, es sei eine Veränderung der
politischen Konjunktur zu registrieren. Es sei offensichtlich, dass die
herrschende Klasse auch nach dem Zusammenbruch des Stalinismus keine neue
stabile Weltordnung errichten könne und der drohende Irakkrieg eine weitere
Destabilisierung zur Folge haben werde. Die politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Widersprüche innerhalb des Systems und zwischen den großen
kapitalistischen Blöcken verschärften sich. Zwar werde die neoliberale
Offensive weltweit fortgesetzt und befinde sich die ArbeiterInnenklasse nach
wie vor in der Defensive, aber der Widerstand habe an Breite und Radikalität
gewonnen.
Sabbado skizzierte eine neue historische Phase der
ArbeiterInnenbewegung, die an der Schwelle vom 20. zum 21. Jahrhundert Gestalt
angenommen habe - vor allem durch die Niederlage des Stalinismus und durch die
neoliberale Transformation der Sozialdemokratie. Für die revolutionäre Linke
ergebe sich hieraus ein neuer politischer Spielraum und eine neue Perspektive
des Aufbaus als glaubwürdiger Kraft des Widerstands. Sie muss, so Sabbado, für
die Unabhängigkeit der politischen Aktion von bürgerlichen Kräften, die
Selbstorganisation, die Einheit der Aktion und den Bruch mit der
kapitalistischen Logik stehen, und sie muß gegenüber dem antidemokratischen
Neoliberalismus nicht nur Demokratie auf allen Ebenen einfordern, sondern auch
den Vorrang der Befriedigung der sozialen Bedürfnisse.
In der anschließenden Diskussion - alle Beiträge wurden aus
den und in die drei Konferenzsprachen Englisch, Französisch und Spanisch
simultan übersetzt - spielte die Einschätzung der Antikriegsbewegung eine
Schlüsselrolle.
Ein wichtiger inhaltlicher Unterpunkt der Debatte zur
Weltlage war die Bilanz der stalinistischen beziehungsweise maoistischen
Experimente. Das Ausmaß der Restauration des Kapitalismus in Russland und in
China war Gegenstand einer kontroversen Diskussion.
Neue Probleme
Von besonderer aktueller und gleichzeitig grundsätzlicher
Bedeutung war die Debatte über Brasilien am zweiten Tag des Kongresses. Nach
dem Wahlsieg der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) und ihres
Präsidentschaftskandidaten Lula ist eine widersprüchliche und problematische
Situation für die ArbeiterInnenbewegung im allgemeinen und die revolutionäre
Linke im besonderen entstanden. Der Aufbau der PT als unabhängiger
ArbeiterInnenpartei ist nicht zuletzt ein Resultat der Anstrengungen der
brasilianischen Sektion der IV. Internationale (DS) seit 20 Jahren. Die DS
führt den linken Flügel der PT.
Durch die Bildung der Regierung Lula Ende 2002 unter
Einbeziehung bürgerlicher Parteien und die Ernennung unseres Genossen Miguel
Rossetto zum Minister für Agrarreform drohen der PT und der DS eine
Zerreißprobe und der brasilianischen Linken eine schwere Niederlage. Es ist
unmöglich, wie ein brasilianischer Genosse sagte, eine an den sozialen
Interessen der Massen in Stadt und Land orientierte Politik auf der Grundlage
neoliberal-kapitalistischer Rahmenbedingungen durchzuführen. Die "zwei Seelen
in der Brust" der Lula-Regierung - für die symbolisch die Konferenzen in Porto
Alegre und Davos stehen - seien nicht miteinander vereinbar. Eine große
Beunruhigung über diese Entwicklung brachten -wenn auch in unterschiedlicher
Deutlichkeit - fast alle DiskussionsrednerInnen zum Ausdruck.
"Neue Orientierung"
Der dritte Kongresstag stand ganz im Zeichen der Aussprache
über "Rolle und Aufgaben der IV. Internationale". Francois Vercammen
bezeichnete in seiner Einleitung zur Diskussion den 15. Weltkongress als einen
"Kongress der Neuorientierung der IV. Internationale". Angesichts des sich
verschärfenden Widerspruchs zwischen dem vorläufigen Ende des Rückzugs der
ArbeiterInnenbewegung und den aggressiver werdenden Angriffen der Herrschenden
auf sozialem, politischem und militärischem Terrain seien drei zentrale
Aufgaben zu bewältigen: 1. Zum Aufbau der sozialen Bewegung beitragen, 2.
antikapitalistische Umgruppierungen fördern und 3. die Zusammenarbeit der
revolutionären Linken fördern.
In der Aussprache kam Kritik an der Begrenztheit dieser
Perspektive zum Ausdruck. Von einigen Ausnahmen abgesehen wurde eine wirkliche
Stärkung der Strukturen der "Vierten" und eine wahrnehmbare Belebung ihrer
Aktivitäten als internationaler Organisation eingefordert. Einige Stimmen
wiesen auf den Handlungsbedarf hin, der sich sowohl bei der Kluft zwischen
feministischem Anspruch und organisatorischer Wirklichkeit als auch bei der
nach wie vor überwiegenden Europazentriertheit der Internationale zeige.
Im Anschluß an die Plenumsdebatte versuchten die
Delegierten vor allem am vierten Kongresstag in fünf kontinentalen
Arbeitsgruppen, die Debatte und die erforderlichen Schlussfolgerungen zu
konkretisieren. Gemeinsamer Nenner: Auch auf kontinentaler Ebene ist eine
verbesserte Zusammenarbeit dringend erforderlich.
Neue Diskussionen
Von der organisationspolitischen auf die
inhaltlich-programmatische Ebene führten die Diskussionen zu den beiden
folgenden Themen: der Kampf gegen die Unterdrückung nicht-heterosexueller
Lebensweisen und der Kampf für den Erhalt der Umwelt. In der Debatte über die
Unterdrückung schwuler, lesbischer und anderer Formen der Sexualität kam
zurecht der Hinweis, dass die soziale und sexuelle Befreiung weit über unsere
gewöhnlichen programmatischen Fragestellungen hinausgehen und dass
gesellschaftliche Vorurteile sich auch in den Reihen der IV. Internationale
widerspiegeln würden.
In der Diskussion zum Thema "Ökologie und Sozialismus"
stellte Michael Löwy fest, dass die dem Kongress vorliegende Resolution zwar
das Resultat einer bereits Anfang der 90er Jahre begonnenen kollektiven Arbeit
ist, dass sie aber dennoch eher ein Ausgangspunkt für weitere Debatten denn
ein Endpunkt ist.
Neue Statuten
Ab dem fünften Tag war der Kongress nur für Mitglieder der
Internationale offen. Die Debatte über neue Statuten, die Berichte von
Länderkommissionen (unter anderem zur deutschen Sektion), der Bericht der
Nominierungskommission standen auf der Tagesordnung. Am sechsten und letzten
Tag konnte der Kongreß erfreulicherweise die Aufnahme einer philippinischen
Sektion der Internationale beschließen, bevor die Delegierten über die
vorgelegten Resolutionsentwürfe abstimmten.
Alle Texte - allerdings zum Teil in geänderter Form -
wurden mit sehr großer Mehrheit angenommen. Lediglich bei der Statutendebatte
standen alternative Papiere zur Abstimmung. Mit der erforderlichen
Zwei-Drittel-Mehrheit nahmen die Delegierten neue Statuten an.
Neue Chancen
Die Wahl einer neuen internationale Leitung, die die
politische und geographische Vielfalt der Internationale zum Ausdruck bringt,
setzte den formalen Schlusspunkt des 15. Weltkongresses. Seine Bedeutung lässt
sich vielleicht in folgendem Satz zusammenfassen: Wir können den Kampf für die
Stärkung des revolutionären Sozialismus mit neuen Chancen fortsetzen.
Heinrich Neuhaus
zu diesem Artikel einen Leserbrief schreiben