1. Frage: Welche Motive und Interessen leiten den
US-amerikanischen Angriff auf den Irak?
Antwort: Der US-amerikanischen Regierung geht es primär
nicht um den Kopf Saddam Husseins. Dies bezeugt das Angebot des
Kriegsministers Rumsfeld von Ende Januar, der Saddam zum Rücktritt und zum
Gang ins Exil aufforderte und dabei Straffreiheit in Aussicht stellte. In
erster Linie möchten die USA ihren wirtschaftlichen und militärischen Einfluss
in dieser bedeutenden Erdölregion stärken und mit einem neuen
proamerikanischen Regime in Bagdad entsprechende Abkommen schließen. Dabei
handeln die USA im Bewusstsein ihres weltweit unangefochtenen militärischen
Vorsprungs und im Bewusstsein ökonomischer Schwierigkeiten. Es gilt diesen
schwindenden ökonomischen Vorsprung gegenüber der EU durch direkte
Einflussnahme auf die irakischen Ölreserven zu verteidigen. Kurz- und
mittelfristige kriegsbedingte und weltwirtschaftliche Erschütterungen werden
gegenüber dieser langfristigen Strategie im weltweiten Konkurrenzkampf in Kauf
genommen.
2. Frage: Welchen Charakter hat der Krieg gegen den
Irak?
Antwort: Es handelt sich um einen imperialistischen
Krieg. Imperialistisch, weil der gewalttätige Zugriff auf Rohstoffe und
Ressourcen die militärische Fortsetzung der "normalen" alltäglichen
kapitalistischen Ausbeutung armer Länder über ungleichen Tausch, Zollschranken
oder Patentrechte bedeutet. Krieg und die alltägliche Ausbeutung der armen
durch die reichen Länder sind die zweite Seite der imperialistischen Medaille
auch im 21. Jahrhundert.
3. Frage: Welche Haltung haben die revolutionären
SozialistInnen zum Krieg gegen den Irak?
Antwort: Revolutionäre SozialistInnen sind
unversöhnliche GegnerInnen imperialistischer Kriege im besonderen – wie der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung im allgemeinen. Dies ist nicht unser
Krieg. Aber wir sind nicht neutral, sondern treten für die Niederlage des
imperialistischen Aggressors ein und stellen uns auf die Seite der irakischen
Bevölkerung. Nicht auf die Seite des Saddam-Regimes und kommender
proimperialistischer Marionetten sondern auf die Seite der irakischen
Arbeiterinnen und Arbeiter, der ländlichen Bevölkerung und der unterdrückten
und vom Regime in Bagdad grausam verfolgten nationalen und religiösen
Minderheiten wie den KurdInnen im Nordirak und der schiitischen Bevölkerung
des Südens.
4. Frage: Ist der US-Imperialismus der "Hauptfeind"?
Antwort: Die USA sind die treibende Kraft dieses
Krieges und deshalb zuerst im Visier der Antikriegsbewegung. Aber die USA
handeln als imperialistische Macht, die ihre Interessen gegenüber anderen
Konkurrenten abzusichern sucht. Wir haben keine Veranlassung den Imperialismus
in "gut" und "böse" zu unterteilen. Deutschland, Frankreich und andere ebenso
imperialistische Mächte haben ihre eigenen spezifischen Interessen, die nichts
weniger sind als friedvoll. Es gilt, den Imperialismus insgesamt zu bekämpfen,
will mensch dem kriegerischen Treiben auf Dauer ein Ende setzen. Dabei
berücksichtigen wir die alte Lehre Karl Liebknechts: "Der Hauptfeind steht im
eigenen Land!"
5. Frage: Welche Stellung bezieht die deutsche
Regierung beim Irakkrieg?
Antwort: Die momentane Politik der deutschen Regierung
ergibt sich aus Erwägungen, die in erster Linie nicht der Antikriegsstimmung
oder den Bundestags- und Landtagswahlen geschuldet sind. Analog zu den USA
lassen sich Schröder und Fischer von den langfristigen Interessen Deutschlands
und der EU leiten. Das deutsche Kapital verfügt im Gegensatz zu den
amerikanischen Konkurrenten über vielfältigere und reichhaltigere
geschäftliche Verbindungen in den Mittleren Osten speziell im Irak und Iran.
Die Sorge um den Fortbestand dieser wirtschaftlichen und diplomatischen
Kontakte ist es, der Berlin den vorsichtigen Kurs in der Kriegsfrage
aufzwingt.
Deshalb bezieht die Bundesregierung eingedenk ihrer
Partnerschaft mit den USA sozusagen die zweite Linie des Schützengrabens.
Einerseits führt sie einen rhetorischen Antikriegskurs. Andererseits werden
aber US-Kasernen in Deutschland geschützt, das Land dem US-Militär als
logistische Drehscheibe zur Verfügung gestellt und mit deutschen
AWACS-Aufklärern aus sicherer Entfernung die US-amerikanischen und britischen
Kampfflugzeuge und Bomber ins Ziel geführt. So hofft Berlin bei einem
proamerikanischen Führungswechsel in Bagdad und der Verteilung der Beute
dennoch mit am Tisch sitzen zu können. Dieser heuchlerischen und zynischen
Position gilt es entschiedenen Widerstand entgegen zu setzen.
6. Frage: Wie ist die Haltung der revolutionären
SozialistInnen zum Irak?
Antwort: Der Irak blickt dem dritten Krieg innerhalb
von zwanzig Jahren entgegen. Neben den hunderttausenden Kriegsopfern hat das
Land laut UN-Bericht alleine eine halbe Million tote Kinder aufgrund des
mörderischen Embargos zu beklagen. Es geht um das Überleben der irakischen
Bevölkerung. Deshalb stehen wir nicht allein im Krieg auf ihrer Seite, sondern
unterstützen ihre Forderung nach Aufhebung sämtlicher Einfuhrverbote, die
ihrem Leben so hart zugesetzt haben.
Wir unterstützen speziell den Aufbau einer unabhängigen
Widerstandsfront der Lohnabhängigen des Irak. Wenn der Irak aus der
neuerlichen Tragödie entrinnen will, dann nur durch die Emanzipation der
ArbeiterInnenklasse vom Imperialismus und dem Saddam-Regime. Wir unterstützen
ferner die demokratischen Rechte der KurdInnen im Nordirak und der religiösen
Minderheit im Süden des Landes auf Selbstbestimmung. Wir apellieren speziell
an sie, die Lehren der Geschichte zu beherzigen und sich nicht auf die Seite
des US-Imperialismus zu stellen. Auch dieses Mal würden ihre Interessen zum
Spielball der imperialistischen Diplomatie. Dagegen steht bei Wahrung des
Selbstbestimmungsrechtes ein Bündnis mit den irakischen ArbeiterInnen und der
Landbevölkerung als Gebot der Stunde an.
7. Frage: Bedeutet die Parteinahme für die irakische
Bevölkerung eine Unterstützung Saddam Husseins?
Antwort: Im Gegensatz zu den westlichen Staaten haben
die revolutionären SozialistInnen nie die Frage der Unterdrückung der Menschen
des Irak durch das Baath-Regime hintangestellt: Seien es durch Giftgas
ermordete KurdInnen, gefolterte Revolutionärinnen und Revolutionäre oder die
drangsalierte schiitische Bevölkerung des Südens. Wenn die Mehrheit der
irakischen Bevölkerung momentan hinter Saddam Hussein steht, so ist dies ein
"Verdienst" des US-Imperialismus. Hat in den vergangenen Jahren das Embargo
die Bevölkerung gegen die USA und ihre Verbündeten erbittert, so hat es
gleichzeitig Hussein eine erneute politische Akzeptanz verschafft. Nun werden
die Menschen erneut mit dem Bombenterror konfrontiert und scharen sich
zunächst um das Baath-Regime in Bagdad.
Saddam Hussein selbst ist nur Ausdruck der politischen
Gegebenheiten in einem unterentwickelt gehaltenen Land. Die USA haben ihn im
ersten Golfkrieg nach Kräften gefördert, um ihn dann zu bekämpfen als er seine
eigenen Ambitionen mit dem Überfall auf Kuwait entwickelte. Allein die
irakische Bevölkerung – zuvorderst die Lohnabhängigen – sind in der Lage, mit
Saddam und allen möglichen Regime-Nachfolgern abzurechnen. Wenn die
ArbeiterInnenklasse sich zu dieser Aufgabe erheben muss, so werden die Bomben
der USA buchstäblich zum Ducken nötigen. Das heißt: Wer Saddam und die
Verhältnisse seiner Macht zum Einsturz bringen will, muss sich auf die Seite
des Irak stellen.
8. Frage: Welche Aufgabe kommt der Antikriegsbewegung
zu?
Antwort: Der internationalen Antikriegsbewegung kommt
eine Schlüsselrolle zu. Sie wird zwar den Ausbruch des Krieges nicht
verhindern, wohl aber den Fortgang bestimmen können. Militärisch wird der Irak
den US-amerikanischen und britischen Streitkräften bei aller Gegenwehr nicht
Paroli bieten können. Deshalb muss die imperialistische "Heimatfront"
aufgebrochen werden. Zehntausende Menschen auf den Straßen sind den
Kriegführenden ein Ärgernis, Hunderttausende und Millionen eine ernste
Bedrohung ihrer weiteren Pläne.
Wie zur Zeit des Vietnamkrieges tragen deshalb die Menschen
Nordamerikas und Europas eine große Verantwortung, damals gegenüber der
vietnamesischen Bevölkerung, heute gegenüber den irakischen Menschen. Deshalb
muss die Plattform der Antikriegsbewegung so viel wie möglich Menschen
mobilisieren, gleichzeitig aber den "kreidefressenden" Regierungen in Berlin
oder Paris nicht die Möglichkeit bieten, dem entschiedenen Protest gegen den
Krieg die Spitze abzubrechen.
9. Frage: Welche Position nehmen die revolutionären
SozialistInnen innerhalb der Antikriegsbewegung ein?
Antwort: Die revolutionären SozialistInnen sind auf dem
linken Flügel der breiten Antikriegsbewegung aktiv. Einerseits beteiligen sie
sich loyal an den Protesten und arbeiten in den Bündnissen mit, andererseits
bewahren sie sich ihre organisatorische und propagandistische Freiheit
gegenüber den gemäßigten Teilen der Bewegung, die z.B. eine "neutrale", in der
Konsequenz aber kriegsduldende Position einnehmen.
Indem wir uns offen für eine Radikalisierung der
Antikriegsbewegung einsetzen, versuchen wir die imperialistische Macht in
Berlin, Washington, London oder Paris selbst zu untergraben. Als radikal sehen
wir z.B. Massenproteste vor den US-Stützpunkten an und eine massenweise
Verhinderung des US-Nachschubs aus der BRD.
10. Frage: Welchen Verlauf und Ausgang wird der
Irakkrieg nehmen?
Antwort: Diese Frage ist momentan natürlich nur
spekulativ zu beantworten, da mehrere Szenarien möglich sind. Wir gehen davon
aus, dass in der direkten militärischen Konfrontation die irakische Armee
unterliegen muss. Die US-amerikanischen und britischen Strategen werden es zu
vermeiden trachten, die Konfrontation im Häusermeer Bagdads oder anderer
Städte zu suchen. Hier und in Guerillaattacken liegt die Möglichkeit der
irakischen Militärs zu Gegenschlägen. Der Einsatz von biologischen und
chemischen Waffen ist in Betracht zu ziehen, wenn auch unwahrscheinlich.
All dies wird von den gesellschaftspolitischen Folgen des
Waffengangs beeinflusst: Wie lang hält sich das Saddam-Regime bei dem Angriff?
Wie reagieren die Lohnabhängigen und die Landbevölkerung? Wie die KurdInnen
und SchiitInnen? Welchen Einfluss nehmen die Reaktionen der arabischen und
islamischen Welt? Und schließlich welche Kraft erlangt die weltweite
Antikriegsbewegung? Viele Menschen werden den Angriff mit ihrem Leben bezahlen
müssen, während die Zensurmaschinerie der kriegführenden Mächte erneut einen
"sauberen Krieg" darzustellen trachtet. Der Schlüssel zur Beendigung des
Krieges und zur Verteidigung der irakischen Bevölkerung liegt auf den Straßen
der Welt.