Mit 12 Jahren besuchte er in seiner Geburtsstadt Xiashi
(einer Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern, zwischen Schanghai und Hangshow
gelegen) die Mittelschule. Der Protest der Pekinger StundentInnen – die
Vierte-Mai-Bewegung (am 4. Mai 1919) – gegen die Versailler Friedenskonferenz
wirkte sich dort nur mit Verspätung aus: Dann aber richteten die SchülerInnen
einen Schülerrat ein und abonnierten Zeitungen und Zeitschriften aus Schanghai
und Hangzhow. Entgegen seinen literarischen Neigungen besuchte Wang die
Handelsschule in Hangshow. Dort las er neben seinem Studium des Handels (oder
besser anstelle von ihm) eine Reihe Schriften von berühmten Denkern – wie John
Dewey, Bertrand Russell, Henri Bergson und Rabindranath Tagore.
Bald musste er nach einem von ihm unterstützten
SchülerInnenstreik die Handelsschule verlassen und konnte von 1921-25 auf die
Höhere Schule gehen. Aber erst 1925, zwei Monate, bevor er als
Achtzehnjähriger an der Pekinger Universität aufgenommen wurde, verließ er die
"reine Literatur und Wissenschaft" und wandte sich der "schmutzigen" Politik
zu, die von Chen Duxiu, Li Dazhao und anderen repräsentiert wurde: Diese
hatten bereits 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet, der Wang 1926,
sie war damals illegal, beitrat.
In Peking, im Endstadium der chinesischen Revolution (1927)
begann er sein Leben als Berufsrevolutionär – jedoch ohne Bezahlung. Die
Repression wurde immer stärker, und vor allem aus dem Süden Chinas kamen
Hilferufe der Partei: Zehn Genossen, darunter Wang, wurden dorthin geschickt.
Berufsrevolutionär
In Wuhan herrschte über die Lage der Revolution, über das
Verhältnis zwischen der Guomindang und der KPCh eine große Verwirrung. Wang
wurde zum ersten Mal verhaftet und nach vierzehn Tagen, ungefähr Mitte Juli
27, wieder freigelassen. In diesen Tagen des Niedergangs der Revolution wurde
ihm von der Parteiführung mitgeteilt, dass er mit einer Parteigruppe nach
Moskau gehen solle, um das Militärwesen zu studieren. Im August gelangten sie
auf einen sowjetischen Dampfer, fuhren nach Wladiwostok und kamen Anfang
Oktober in Moskau an.
Nach 1925 wurden alle chinesischen Studenten in der
Sun-Yat-sen-Universität konzentriert. Ihr Präsident war Karl Radek gewesen,
der als prominenter Trotzkist galt und 1927 im Zuge der Stalinisierung durch
Pavel Mif ersetzt wurde.
Die neu ankommenden chinesischen Studenten, zuerst verwirrt
durch die harten Auseinandersetzungen, mussten sich mit der Geschichte der
Russischen Revolution auseinandersetzen, von der sie so gut wie nichts
wussten. Aber sie orientierten sich sehr schnell, wobei ihnen auch ihre
Erfahrungen in China halfen. Schon im Oktober waren sie mehr oder weniger mit
dem Wesen der Kontroverse vertraut und gingen nach und nach zur Linken
Opposition über. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Wang sehr ausführlich
über diese Vorgänge an der Universität, in dessen Verlauf er sich der Linken
Opposition anschloss.
Im Herbst war Wang, in Zusammenarbeit mit den russischen
Trotzkisten, an der Gründung eines illegalen Zentrums zur Organisierung der
chinesischen trotzkistischen Studenten massgeblich beteiligt. Im Sommer 1929
gelingt es Wang, obwohl es damals für "verdächtige" GenossInnen schon sehr
schwierig war, nach China zurückzukehren. Sie waren zusammen 18 Personen,
darunter fünf verheiratete Paare (Wang hatte kurz zuvor in Moskau geheiratet).
Nach ihrem bereits in Moskau gefassten Beschluss meldeten sich auch die
trotzkistischen Parteimitglieder beim Zentralkomitee der KPJ zurück und wurden
in einem Kurs für die Untergrundarbeit vorbereitet.
Im Gegensatz zu der Lage beim Verlassen Chinas kam jetzt
unter dem Terror Chiang Kai Sheks nur eine illegale Arbeit in Frage. Unter
Anlehnung an Stalins Theorie der "Dritten-Periode", die den kommenden
revolutionären Aufschwung weltweit verkündete, wurde den chinesischen
GenossInnen die Aufgabe eines chinaweiten Aufstands gestellt, der, in völliger
Verkennung des unzweifelhaften Niedergangs der chinesischen Revolution, zu
einer katastrophalen Niederlage führte.
Die Dreissiger Jahre
Nach dem Ausschluss 1930 aus Partei und Parteiarbeit
versuchte Wang, sich durch Übersetzungen zu ernähren. Zusammen mit den aus der
Partei ausgeschlossenen TrotzkistInnen gab es seit dem Sommer 1930 vier
einander feindlich gegenüberstehende trotzkistische Gruppen: Dazu gehörten
weiterhin diejenigen, die sich von vornherein geweigert hatten, nach der
Rückkehr aus Moskau in der KPCh zu arbeiten, die Gruppe um Chen Duxiu und
eine, die sich von dieser abgespalten hatte.
Wang schreibt: "Im Rückblick scheint es mir, dass der
‚Kampf‘ zwischen diesen vier Gruppen über geringfügige und unwesentliche
Fragen mit übertriebener Heftigkeit geführt wurde...Persönlicher Ehrgeiz und
fraktionelle Vorurteile gerieten mit echten Meinungsverschiedenheiten
durcheinander, und die besten und die schlechtesten Motive sind oft
unauflösbar vermischt..."
In diese Situation mischte sich Trotzki durch seinen Brief
vom 8. Januar 1931 ein, und schlug vor, sofort die Kräfte zu vereinigen. Auf
der Vereinigungskonferenz vom 1. Mai 1931 wurde dann, unter sehr aktiver
Beteiligung von Wang, ein positives Ergebnis erreicht. Er wurde auch in das
siebenköpfige Führungsgremium gewählt und ihm wurde die Verantwortung für das
theoretische Organ übergeben.
Von einem Überläufer verraten wurde weniger als ein Monat
nach der Vereinigung das Führungsgremium, zusammen mit anderen Oppositionellen
und weiteren Parteimitgliedern verhaftet. Die Fahndung galt eigentlich Chen
Duxiu, dem es jedoch gelang, zu entkommen. Die Oppositionellen wurden im
Herbst 1931 vor Gericht gestellt. Wang wurde zu sechs Jahre Gefängnis
verurteilt. Die Behandlung in den verschiedenen Gefängnissen war sehr
unterschiedlich. Wang hatte das Glück, in den schlimmsten nur kürzere Zeit zu
sein. Gegen Ende 1934 – inzwischen hatte der Einfall Japans in China begonnen
– wurde Wang auf Bewährung entlassen.
Erneut verhaftet
Nach einer notwendigen Erholungspause kehrte Wang im Sommer
1935 nach Schanghai zurück. Nach vielen Bemühungen gelang es schließlich, ein
provisorisches Zentralkomitee, das nach Wangs Worten "ausdauerndste und
produktivste aller unserer Gremien" zu bilden. Es brachte zwischen dem
Frühjahr 1936 und Ende 1942 ein politisches Monatsorgan "Der Kampf" (Douzheng)
– mit maßgeblicher Beteiligung Wangs – und ein theoretisches Organ "Funke"
(Huohua) heraus. Zu den weiteren Aufgaben Wangs gehörte auch die erneute
Organisierung der Bewegung in Gebieten, wo die Verbindung während der langen
Gefängniszeit der Führung abgerissen war.
Erneut wird Wang verhaftet: Er landet diesmal in den
Gefängnissen, wo man ihn mit den neuen Stalin’schen Methoden folterte und mit
allen Mitteln versuchte, ihm Geständnisse und die Erklärung seiner
Unterstützung der Guomindang zu entreißen. Doch die Japaner näherten sich
schnell, und im November 1937 wurde er in zerlumpter Kleidung, ohne einen
Pfennig entlassen.
Es gelingt ihm, sich nach Wuhan durchzuschlagen. Zwei
Wochen verbringt er im Hause Chen Duxius. Als er im Februar 1938 nach
Schanghai kommt, ist er noch immer ohne jede Mittel. Er beginnt damit, seinen
Lebensunterhalt durch Übersetzungen zu fristen, während er gleichzeitig neben
der Arbeit in der Organisation sich darum bemühte, so viel wie möglich von
Trotzkis Schriften ins Chinesische zu übersetzen. Nach der Kapitulation der
Japaner im August 1945 entfaltete die Bevölkerung der besetzten Gebiete eine
fieberhafte Aktivität. Jedoch die siegreiche Guomindang machte ihre Hoffnungen
schnell zunichte. Hätte die trotzkistische Organisation genügend Kader und
eine revolutionäre Führung besessen, so hätte sie – die KPCh war in den
Städten kaum vorhanden – dort eine große Rolle spielen können.
Aber die im übrigen wieder gespaltene Organisation war dazu
nicht in der Lage. Die GenossInnen um Wang beschlossen im Jahre 1949, die
Partei in eine Vielfalt für sich allein arbeitender Einheiten aufzulösen, und
ein Koordinierungszentrum, mit Wang als zentralem Koordinator außerhalb der
Reichweite der KPCh zu errichten. Dafür wurde zuerst Hongkong, dann vom Ende
November 1949 an die damalige portugiesische Kolonie Macao ausersehen.
Seine GenossInnen in China konnten unter Mao noch bis zum
Jahre 1952 arbeiten: In der Nacht des 25. Dezember jedoch wurden über 200
TrotzkistInnen verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Damit hörte auch Wangs
politische Aktivität praktisch auf. Nach vielen Bemühungen gelang es Wang, mit
Hilfe von Freunden nach Leeds (England) zu kommen. Während seines Lebens in
Macao veröffentlichte er viele Schriften, auch ein Buch über Mao Tse-tungs
Denken.
Im Jahre 1979 wurden Zheng Chaolin und elf weitere alte
Freunde (nach siebenundzwanzig Jahren) aus dem Gefängnis entlassen.
1980 wurde bei den Vorbereitungen der deutschen
Trotzki-Schriften Bd. 2.1 und 2.2 "Über China" ein Verfasser für die
Einleitung gesucht. Pierre Frank empfahl mir Wang Fanxi, wir begannen einen
kontinuierlichen Briefwechsel und haben sehr gut (ich besuchte Wang mehrfach
in Leeds) zusammengearbeitet.
Etwas später stellte sich die Frage, ob der isp-Verlag die
Erinnerungen Wangs (1957 abgeschlossen) in einer deutschen Ausgabe
herausbringen könnte. Ich übernahm die Übersetzung, und 1983 ist das Buch dann
erschienen. Auch danach haben wir unseren Briefwechsel aufrechterhalten, Wangs
letzter Brief ist vom Februar 2002.
Nach dem Tode von Zheng Chaolin (1998) hat uns mit Wang sicher einer der
letzten trotzkistischen GenossInnen aus unseren Reihen verlassen, die in der
zweiten und dritten chinesischen Revolution gekämpft haben.