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Wang Fanxi (1907-2002)

Am 30. Dezember 2002 starb in Leeds (England) unser chinesischer Genosse Wang Fanxi. Sein ganzes Leben widmete er der Befreiung der chinesischen Arbeiter und Bauern.

Mit 12 Jahren besuchte er in seiner Geburtsstadt Xiashi (einer Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern, zwischen Schanghai und Hangshow gelegen) die Mittelschule. Der Protest der Pekinger StundentInnen – die Vierte-Mai-Bewegung (am 4. Mai 1919) – gegen die Versailler Friedenskonferenz wirkte sich dort nur mit Verspätung aus: Dann aber richteten die SchülerInnen einen Schülerrat ein und abonnierten Zeitungen und Zeitschriften aus Schanghai und Hangzhow. Entgegen seinen literarischen Neigungen besuchte Wang die Handelsschule in Hangshow. Dort las er neben seinem Studium des Handels (oder besser anstelle von ihm) eine Reihe Schriften von berühmten Denkern – wie John Dewey, Bertrand Russell, Henri Bergson und Rabindranath Tagore.

Bald musste er nach einem von ihm unterstützten SchülerInnenstreik die Handelsschule verlassen und konnte von 1921-25 auf die Höhere Schule gehen. Aber erst 1925, zwei Monate, bevor er als Achtzehnjähriger an der Pekinger Universität aufgenommen wurde, verließ er die "reine Literatur und Wissenschaft" und wandte sich der "schmutzigen" Politik zu, die von Chen Duxiu, Li Dazhao und anderen repräsentiert wurde: Diese hatten bereits 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet, der Wang 1926, sie war damals illegal, beitrat.

In Peking, im Endstadium der chinesischen Revolution (1927) begann er sein Leben als Berufsrevolutionär – jedoch ohne Bezahlung. Die Repression wurde immer stärker, und vor allem aus dem Süden Chinas kamen Hilferufe der Partei: Zehn Genossen, darunter Wang, wurden dorthin geschickt.

Berufsrevolutionär

In Wuhan herrschte über die Lage der Revolution, über das Verhältnis zwischen der Guomindang und der KPCh eine große Verwirrung. Wang wurde zum ersten Mal verhaftet und nach vierzehn Tagen, ungefähr Mitte Juli 27, wieder freigelassen. In diesen Tagen des Niedergangs der Revolution wurde ihm von der Parteiführung mitgeteilt, dass er mit einer Parteigruppe nach Moskau gehen solle, um das Militärwesen zu studieren. Im August gelangten sie auf einen sowjetischen Dampfer, fuhren nach Wladiwostok und kamen Anfang Oktober in Moskau an.

Nach 1925 wurden alle chinesischen Studenten in der Sun-Yat-sen-Universität konzentriert. Ihr Präsident war Karl Radek gewesen, der als prominenter Trotzkist galt und 1927 im Zuge der Stalinisierung durch Pavel Mif ersetzt wurde.

Die neu ankommenden chinesischen Studenten, zuerst verwirrt durch die harten Auseinandersetzungen, mussten sich mit der Geschichte der Russischen Revolution auseinandersetzen, von der sie so gut wie nichts wussten. Aber sie orientierten sich sehr schnell, wobei ihnen auch ihre Erfahrungen in China halfen. Schon im Oktober waren sie mehr oder weniger mit dem Wesen der Kontroverse vertraut und gingen nach und nach zur Linken Opposition über. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Wang sehr ausführlich über diese Vorgänge an der Universität, in dessen Verlauf er sich der Linken Opposition anschloss.

Im Herbst war Wang, in Zusammenarbeit mit den russischen Trotzkisten, an der Gründung eines illegalen Zentrums zur Organisierung der chinesischen trotzkistischen Studenten massgeblich beteiligt. Im Sommer 1929 gelingt es Wang, obwohl es damals für "verdächtige" GenossInnen schon sehr schwierig war, nach China zurückzukehren. Sie waren zusammen 18 Personen, darunter fünf verheiratete Paare (Wang hatte kurz zuvor in Moskau geheiratet). Nach ihrem bereits in Moskau gefassten Beschluss meldeten sich auch die trotzkistischen Parteimitglieder beim Zentralkomitee der KPJ zurück und wurden in einem Kurs für die Untergrundarbeit vorbereitet.

Im Gegensatz zu der Lage beim Verlassen Chinas kam jetzt unter dem Terror Chiang Kai Sheks nur eine illegale Arbeit in Frage. Unter Anlehnung an Stalins Theorie der "Dritten-Periode", die den kommenden revolutionären Aufschwung weltweit verkündete, wurde den chinesischen GenossInnen die Aufgabe eines chinaweiten Aufstands gestellt, der, in völliger Verkennung des unzweifelhaften Niedergangs der chinesischen Revolution, zu einer katastrophalen Niederlage führte.

Die Dreissiger Jahre

Nach dem Ausschluss 1930 aus Partei und Parteiarbeit versuchte Wang, sich durch Übersetzungen zu ernähren. Zusammen mit den aus der Partei ausgeschlossenen TrotzkistInnen gab es seit dem Sommer 1930 vier einander feindlich gegenüberstehende trotzkistische Gruppen: Dazu gehörten weiterhin diejenigen, die sich von vornherein geweigert hatten, nach der Rückkehr aus Moskau in der KPCh zu arbeiten, die Gruppe um Chen Duxiu und eine, die sich von dieser abgespalten hatte.

Wang schreibt: "Im Rückblick scheint es mir, dass der ‚Kampf‘ zwischen diesen vier Gruppen über geringfügige und unwesentliche Fragen mit übertriebener Heftigkeit geführt wurde...Persönlicher Ehrgeiz und fraktionelle Vorurteile gerieten mit echten Meinungsverschiedenheiten durcheinander, und die besten und die schlechtesten Motive sind oft unauflösbar vermischt..."

In diese Situation mischte sich Trotzki durch seinen Brief vom 8. Januar 1931 ein, und schlug vor, sofort die Kräfte zu vereinigen. Auf der Vereinigungskonferenz vom 1. Mai 1931 wurde dann, unter sehr aktiver Beteiligung von Wang, ein positives Ergebnis erreicht. Er wurde auch in das siebenköpfige Führungsgremium gewählt und ihm wurde die Verantwortung für das theoretische Organ übergeben.

Von einem Überläufer verraten wurde weniger als ein Monat nach der Vereinigung das Führungsgremium, zusammen mit anderen Oppositionellen und weiteren Parteimitgliedern verhaftet. Die Fahndung galt eigentlich Chen Duxiu, dem es jedoch gelang, zu entkommen. Die Oppositionellen wurden im Herbst 1931 vor Gericht gestellt. Wang wurde zu sechs Jahre Gefängnis verurteilt. Die Behandlung in den verschiedenen Gefängnissen war sehr unterschiedlich. Wang hatte das Glück, in den schlimmsten nur kürzere Zeit zu sein. Gegen Ende 1934 – inzwischen hatte der Einfall Japans in China begonnen – wurde Wang auf Bewährung entlassen.

Erneut verhaftet

Nach einer notwendigen Erholungspause kehrte Wang im Sommer 1935 nach Schanghai zurück. Nach vielen Bemühungen gelang es schließlich, ein provisorisches Zentralkomitee, das nach Wangs Worten "ausdauerndste und produktivste aller unserer Gremien" zu bilden. Es brachte zwischen dem Frühjahr 1936 und Ende 1942 ein politisches Monatsorgan "Der Kampf" (Douzheng) – mit maßgeblicher Beteiligung Wangs – und ein theoretisches Organ "Funke" (Huohua) heraus. Zu den weiteren Aufgaben Wangs gehörte auch die erneute Organisierung der Bewegung in Gebieten, wo die Verbindung während der langen Gefängniszeit der Führung abgerissen war.

Erneut wird Wang verhaftet: Er landet diesmal in den Gefängnissen, wo man ihn mit den neuen Stalin’schen Methoden folterte und mit allen Mitteln versuchte, ihm Geständnisse und die Erklärung seiner Unterstützung der Guomindang zu entreißen. Doch die Japaner näherten sich schnell, und im November 1937 wurde er in zerlumpter Kleidung, ohne einen Pfennig entlassen.

Es gelingt ihm, sich nach Wuhan durchzuschlagen. Zwei Wochen verbringt er im Hause Chen Duxius. Als er im Februar 1938 nach Schanghai kommt, ist er noch immer ohne jede Mittel. Er beginnt damit, seinen Lebensunterhalt durch Übersetzungen zu fristen, während er gleichzeitig neben der Arbeit in der Organisation sich darum bemühte, so viel wie möglich von Trotzkis Schriften ins Chinesische zu übersetzen. Nach der Kapitulation der Japaner im August 1945 entfaltete die Bevölkerung der besetzten Gebiete eine fieberhafte Aktivität. Jedoch die siegreiche Guomindang machte ihre Hoffnungen schnell zunichte. Hätte die trotzkistische Organisation genügend Kader und eine revolutionäre Führung besessen, so hätte sie – die KPCh war in den Städten kaum vorhanden – dort eine große Rolle spielen können.

Aber die im übrigen wieder gespaltene Organisation war dazu nicht in der Lage. Die GenossInnen um Wang beschlossen im Jahre 1949, die Partei in eine Vielfalt für sich allein arbeitender Einheiten aufzulösen, und ein Koordinierungszentrum, mit Wang als zentralem Koordinator außerhalb der Reichweite der KPCh zu errichten. Dafür wurde zuerst Hongkong, dann vom Ende November 1949 an die damalige portugiesische Kolonie Macao ausersehen.

Seine GenossInnen in China konnten unter Mao noch bis zum Jahre 1952 arbeiten: In der Nacht des 25. Dezember jedoch wurden über 200 TrotzkistInnen verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Damit hörte auch Wangs politische Aktivität praktisch auf. Nach vielen Bemühungen gelang es Wang, mit Hilfe von Freunden nach Leeds (England) zu kommen. Während seines Lebens in Macao veröffentlichte er viele Schriften, auch ein Buch über Mao Tse-tungs Denken.

Im Jahre 1979 wurden Zheng Chaolin und elf weitere alte Freunde (nach siebenundzwanzig Jahren) aus dem Gefängnis entlassen.

1980 wurde bei den Vorbereitungen der deutschen Trotzki-Schriften Bd. 2.1 und 2.2 "Über China" ein Verfasser für die Einleitung gesucht. Pierre Frank empfahl mir Wang Fanxi, wir begannen einen kontinuierlichen Briefwechsel und haben sehr gut (ich besuchte Wang mehrfach in Leeds) zusammengearbeitet.

Etwas später stellte sich die Frage, ob der isp-Verlag die Erinnerungen Wangs (1957 abgeschlossen) in einer deutschen Ausgabe herausbringen könnte. Ich übernahm die Übersetzung, und 1983 ist das Buch dann erschienen. Auch danach haben wir unseren Briefwechsel aufrechterhalten, Wangs letzter Brief ist vom Februar 2002.

Nach dem Tode von Zheng Chaolin (1998) hat uns mit Wang sicher einer der letzten trotzkistischen GenossInnen aus unseren Reihen verlassen, die in der zweiten und dritten chinesischen Revolution gekämpft haben.

Rudolf Segall

 


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