Bei der Tarifrunde im öffentlichen Dienst hat sich die
Berliner Senatskoalition aus SPD und PDS selbst übertroffen. Wenige Tage,
bevor der faule Kompromiss zwischen ver.di-Bürokratie und öffentlichen
"Arbeitgebern" zustande kam, hat der Berliner Senat beschlossen, die
Mitgliedschaft im kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) fristlos zu kündigen –
um die bundesweit vereinbarten Tariferhöhungen zu umgehen.
Verantwortliche werden nicht belangt...
Das Trommelfeuer um "leere Kassen", das die ganze
Tarifrunde begleitet hat, war hier in Berlin besonders stark. Berlin ist mit
46 Mrd. € verschuldet und zahlte 2002 alleine an Zinsen über 6 Mio. € täglich
(!) an die Banken. Aber weder die Banken, noch die Verantwortlichen für
Misswirtschaft und Korruptionsskandale werden zur Kasse gebeten. So bekommt
Klaus Landowsky, als ehemaliger Berliner CDU-Fraktionsvorsitzender im Zentrum
des Bankenskandals, weiterhin Pensionszahlungen von 20.000 € im Monat. Genauso
andere Ex-Manager der Bankgesellschaft Berlin.
Wenn Berlin "pleite" ist, so liegt es nicht an angeblich zu
hohen Personalkosten oder Sozialausgaben, sondern an der hier betriebenen
Politik im Interesse der Unternehmen. Dazu gehört eine Steuerpolitik von Bund
und Ländern, die die Unternehmen in den letzten Jahren ständig entlastet hat,
und eine Vetternwirtschaft, die Banken und Konzernen öffentliche Gelder in den
Rachen schmeißt.
... KollegInnen im öffentlichen Dienst sollen es ausbaden.
Für PDS und SPD stand von Anfang an fest, dass die Beschäftigten für das
Haushaltsloch bluten sollen. In sogenannten "Solidarpakt"-Gesprächen wurde
versucht, die KollegInnen zu erpressen: Sie sollten bis 2006 auf jegliche
Lohnerhöhung verzichten, zusätzlich Kürzungen des Urlaubs- und
Weihnachtsgeldes hinnehmen, dafür gebe es eine "Beschäftigungsgarantie".
Nachdem ver.di diese Zumutung fast einstimmig zurückgewiesen hat, fuhr der
Senat harte Geschütze auf:
Arbeitszeitverlängerung in Zeiten der Arbeitslosigkeit
Für LehrerInnen und BeamtInnen wurde die Wochenarbeitszeit
auf 42 Stunden erhöht, was für LehrerInnen je nach Schulart bis zu 4
Unterrichtsstunden pro Woche mehr bedeutet – das alles ohne einen Cent mehr.
Damit haben PDS und SPD einen aktiven Beitrag zum weiteren Anstieg der
Arbeitslosigkeit geleistet. Als nächstes kam jetzt der fristlose Ausstieg aus
dem KAV, um den Bundes-Tarifabschluss noch unterbieten zu können.
Speerspitze im Kampf gegen den Flächentarif
Die Aushöhlung oder gar Abschaffung des
Flächentarifvertrags gehört seit Jahren zu den Forderungen von Konzernspitzen
und Unternehmensvertretungen. Für ihre Offensive gegen Löhne und
Arbeitsbedingungen wollen sie die Beschäftigten spalten. Der Berliner Senat
hat sich jetzt zur Speerspitze bei der Umsetzung dieser Forderung gemacht.
Kein Wunder, von welcher Seite ihm dazu gratuliert wird. Laut Umfrage der
Berliner Zeitung sind Berlins Firmenchefs mit dem Senat überwiegend zufrieden.
Sie haben allen Grund dazu.
Wie weiter?
Der Tarifabschluss gilt also nicht für die rund 100.000
Angestellten der Berliner Verwaltungen, Hochschulen, Kindertagesstätten usw.
Wichtige Betriebe mit Kampftraditionen wie die Stadtreinigung (BSR) oder der
Nahverkehr (BVG) sind allerdings weiterhin in der Tarifgemeinschaft. Somit ist
sogar innerhalb Berlins der öffentliche Dienst gespalten worden. Der Senat
versucht, in den jetzt stattfindenden Verhandlungen doch noch seine
"Solidarpakt"-Zumutungen durchzusetzen. Ob die KollegInnen von BVG und BSR im
Falle eines Streiks mitmachen dürfen – in Form eines Solidaritätsstreiks – ist
juristisch umstritten. Doch juristische Zweifelsfälle entscheidet das reale
Kräfteverhältnis. Der Tarifflucht muss geschlossener Widerstand
entgegengesetzt werden. Wenn BSR und BVG mitstreiken, wird es sogar diesem
reaktionären Senat schwer werden, dagegen vorzugehen.
Die Tarifflucht von SPD und PDS ist nur ein weiterer
Schritt auf einem seit langem eingeschlagenen Weg: Konzerne und Regierung
kündigen die sogenannte "Sozialpartnerschaft" auf. Sie tun das aus einer
Position der Stärke heraus, um die ArbeiterInnenklasse weiter zu schwächen.
Doch diese "Sozialpartnerschaft" war nie mehr als ein Stabilitätsfaktor im
Interesse der Profite. Wenn die ArbeiterInnen auf alle Zumutungen eine
gebührende Antwort geben, werden die Chefetagen und Parteiapparate sich
zurücksehnen nach den friedlichen alten Zeiten!