"Ungehörig" nannte es Hans Ulrich Klose (SPD), "nicht klug"
fand es Volker Rühe (CDU), "tief gekränkt" war gar der französische
Wirtschafts- und Finanzminister Francis Mer. Nachdem US-Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld die deutsch-französische Absage an einen Irakkrieg als Problem
identifiziert und zugleich befunden hatte, dass diese Haltung des "alten
Europa" die USA nicht hindern würde, ihre Pläne durchzusetzen, fanden
Konservative und Sozialdemokraten zu einiger Empörung zusammen.
Einmal mehr hat die US-Regierung den Regierungen
Deutschlands und Frankreich einen Ball zugespielt, den sie nur zu gerne
annehmen. Das Talent der US-Politiker, bei jeder Gelegenheit die
internationale Öffentlichkeit mit kriegerischen Äußerungen zu schockieren,
erleichtert es ihnen erheblich, die Militarisierung ihrer eigenen Außenpolitik
erfolgreich als Friedenswerk zu verkaufen.
Griff nach der Weltmacht
Mit dem spektakulär inszenierten deutsch-französischen
Schulterschluss gegen die USA soll die EU endlich die ersehnte Weltmachtrolle
einnehmen, wie der französische Präsident Jacques Chirac offen bekannte: "Es
ist dringlich, dass Europa sich als internationaler Akteur durchsetzt. Es ist
heute ein Beispiel für alle, die sich der Unabwendbarkeit des Krieges
verweigern. (...) Ein Europa, das handlungsfähig ist, auch im militärischen
Bereich, ist notwendig für das Gleichgewicht der Welt."
Doch es ist nicht ein Hang zum Pazifismus, sondern ein
wirtschaftlicher und strategischer Interessenkonflikt, der Deutschland und
Frankreich in Opposition zur Irakpolitik der USA treibt (s. avanti v.
11/2002). Auch sie bekannten sich im 1999 verabschiedeten NATO-Programm zur
Ausweitung des Einsatzgebiets und der Kriegsgründe, zu denen unter anderem der
"Terrorismus", die "Unterbrechung der Zufuhr lebenswichtiger Ressourcen" und
"unkontrollierte Bewegung einer großen Zahl von Menschen" zählen. Um
theoretische Planspiele handelt es sich hier nicht. Frankreich hat jüngst mit
Elitetruppen in die Kämpfe in seiner ehemaligen westafrikanischen Kolonie
Elfenbeinküste eingegriffen und Deutschland stellt nach den USA die
zweitgrößte Truppenzahl bei Auslandseinsätzen.
Abhängigkeit von der NATO
Die deutsch-französische Offensive wird auch keinen Beitrag
zur Verhinderung des Irakkriegs leisten. Den USA die geforderten
Überflugrechte, die Benutzung von Stützpunkten, den Ersatz abgezogener
Streitkräfte und die Kriegsbeteiligung gemeinsamer NATO-Systeme wie der
AWACS-Überwachungs- und Kampfleitflugzeuge zu verweigern, würde wahrscheinlich
zu einem Zerfall der NATO führen. Es gibt jedoch weiterhin gemeinsame
Interessen der NATO-Staaten, die am besten über das Militärbündnis vertreten
werden können. Und während die USA einen Zerfall der NATO kompensieren
könnten, würde er die EU-Militärpolitik weit zurückwerfen. Denn der Aufbau
einer EU-Streitmacht hat gerade erst begonnen, und einige für die weltweite
Interventionsfähigkeit notwendigen Elemente wie eine eigene
Satellitenaufklärung fehlen noch ganz.
Noch sind die EU-Staaten militärisch zu schwach, um
eigenständig weltweit Krieg führen zu können. Das Ziel wird aber immer
aggressiver verkündet, verbunden mit einem deutsch-französischen
Führungsanspruch in der EU. Eben dort setzt Rumsfeld an, der dem "jungen
Europa" die USA als Gegengewicht zur Achse Deutschland-Frankreich präsentiert.
So riskiert der deutsch-französische Vorstoß auch einen Bruch innerhalb der EU
zwischen den "Tauben" Deutschland und Frankreich und den "Falken"
Großbritannien, Italien und Spanien. In der sich verschärfenden
kapitalistischen Krise geht nicht nur die US-Regierung höhere Risiken ein.
Auch die europäische Bourgeoisie spielt jetzt Vabanque.