In den Debatten im Vorfeld waren zwar wiederholt Zweifel
angemeldet worden, ob dieser riskante Kurs – nämlich nicht das Doppelte von
dem zu fordern, was man eigentlich will – wirklich zum Erfolg führt. So sehr
ist schließlich in der öffentlichen Meinung die "Notwendigkeit des
Kompromisses" verankert. Aber das beschwörende Auftreten von Bsirske und
anderen VorstandsvertreterInnen hat schließlich bei der Aufstellung der
Forderung den Ausschlag gegeben: Nicht die "offiziell aufgestellte Forderung"
ist ausschlaggebend, sondern auf das Ergebnis kommt es an. Bleibt mensch hart
und erreicht – trotz konzertierter Medienkampagne und hartem Kurs der
Bundesregierung – wirklich die 3 + X, dann ist zumindest der Abstand zu dem
Einkommensniveau anderer Bereiche nicht größer geworden.
Widersprüche
Gegen diese offizielle Linie hat der Vorstand, vor allem
Bsirske, in mehrfacher Weise eklatant verstoßen:
· Der Abschluss erreicht noch nicht mal 20% der
aufgestellten Forderung (vgl. Kasten). Er ist also ein Hohn auf alle
vorangegangenen Diskussionen und steht im krassesten Gegensatz zu den lauthals
proklamierten Absichtserklärungen.
· Der massiv vorgetragene Wunsch (und die vom Vorstand
erklärte Absicht) nach Begrenzung der Laufzeit auf 12 Monate wurde schlicht
ignoriert. Kein Mensch weiß heute wie sich z. B. die Inflationsrate während
der 27-monatigen Laufzeit entwickeln wird, welche sonstigen Belastungen noch
auf die Beschäftigten zukommen usw.
· Es wurden trotz Ermahnungen (und trotz anders lautender
Erklärungen des Vorstands) gerade doch wieder Kompensationsgeschäfte
abgeschlossen.
Der ganze Sinn und Zweck der Schlichtung und der
anschließenden Marathonsitzungen kann so zusammengefasst werden: Zum einen
ging es darum, ein Spektakel zu inszenieren und der Öffentlichkeit, vor allem
den Beschäftigten im Öffentlichen Dienst (speziell den
Gewerkschaftsmitgliedern), große Gegensätze vorzugaukeln.
Hauptsächlich aber ging es offensichtlich darum, eine
Formel für den Abschluss zu finden, die sich gegenüber den Beschäftigten
"hoch"rechnen lässt und die auf jeden Fall kompliziert genug ist, damit nicht
auf Anhieb die Erbärmlichkeit des Abschlusses erkennbar ist. Nach Einschätzung
vieler KollegInnen im Öffentlichen Dienst scheint dies in weiten Bereichen
einigermaßen gelungen zu sein. Die Medien haben hier jedenfalls
hundertprozentig gespurt und mitgewirkt.
Schließlich und endlich hatten die Marathonsitzungen auch
einen disziplinierenden Effekt. Einige Tarifkommissionsmitglieder kamen sich
vor wie in einer Klausur zur Papstwahl: Ihr kommt hier erst raus (und damit
wieder zu einem geregelten Tagesablauf), wenn ihr der Sache zugestimmt habt.
Dennoch ist die hohe Zustimmungsquote wenig erbaulich. Sie zeigt die Schwäche
der Gewerkschaftslinken: Hätte sie in diesen Tagen die Tarifkommission mit
Infos und Stellungnahmen versorgt, hätte nach dem Urteil eines
Tarifkommissionsmitgliedes die Sache anders laufen können.
Bewertung der Runde
Aufgrund des theatralisch erfolgreich inszenierten
"Verhandlungsmarathons" und der auf den ersten Blick gelungenen Verkleisterung
des miesen Ergebnisses, gab es keinen sofortigen flächendeckenden Aufschrei.
Aber die Unzufriedenheit ist sehr groß, weil
a. auch ohne große Rechenkünste bei näherem Hinblicken und
unter Beachtung der "Kompensationen" gut zu sehen ist, dass die angeblich
angestrebten 3% weit verfehlt wurden;
b. weil vor allem das Streichen des
Arbeitszeitverkürzungstages (AZV) sehr bitter aufstößt. Ein Tag, der bisher im
Zeitbudget des KollegInnen fest eingeplant war, ist einfach ersatzlos
gestrichen worden, trotz aller Ankündigungen, man werde einer
Arbeitszeitverlängerung nicht zustimmen.
In Ostdeutschland ist die Zustimmung zu diesem Abschluss
erkennbar höher, aber auch hier ist alles andere als Begeisterung
ausgebrochen. Die Angleichung Ost erfolgt nur langsam: 2003 sind es 91%,
nächstes Jahr 92,5% des Westniveaus. Erst 2005 wird verhandelt, wie bis 31.
12. 2007 die 100% erreicht werden. Für die "höheren Gehaltsklassen"
(Vergütungsgruppen X bis Vb und Kr. I bis Kr. VIII) wird diese Angleichung
erst bis 2009 abgeschlossen.
Bsirske – ein Neoliberaler
Trotz aller schlechter Erfahrungen unter Bsirskes
VorgängerInnen Wulf-Mathies und Mai war die Kampfbereitschaft während der
Warnstreiks unverkennbar. Dies war wohl nicht unerheblich dem Ansporn durch
die Streiks im letzten Jahr (Metallindustrie, Bau, Banken usw.) zu verdanken.
Bsirske hat in den Wochen vor der ersten Verhandlungsrunde und noch während
der Warnstreikphase nicht wenige KollegInnen beeindruckt. Sein Auftreten galt
vielen als erfrischend, in jedem Fall tat er sehr kämpferisch.
Doch wenn Bsirske am 15. November in Stuttgart-Degerloch
vor der Aufnahme der Verhandlungen vor den 500 DemonstrantInnen ausrief: "Die
Drei ist ernst gemeint, darauf könnt Ihr euch verlassen! Das Signal ist
angekommen, ihr macht uns den Rücken stark", dann hat er schlicht gelogen.
Denn wirklich kämpfen bzw. tatsächlich die Interessen der Beschäftigten gegen
die Politik der Regierenden durchsetzen wollte er gar nicht. Dafür hat er viel
zu viel Einsicht in die Notwendigkeiten neoliberaler Sparpolitik (vgl. dazu
seine Zustimmung zur "Prozessvereinbarung" wie auch sein Interview im
Spiegel vom 13.1.02.)
Auch die kampflose Hinnahme des Ausscherens Berlins
(speziell die außerordentliche Kündigung zwei Tage vor Abschluss) ist nicht
entschuldbar. Allein schon deswegen hätten die Verhandlungen sofort
abgebrochen werden müssen. Nebenbei: In Berlin hat der angeblich "rot-rote"
Senat aus SPD und PDS schon einen Vorgeschmack auf die kommenden Verhandlungen
gegeben: Die Berliner Polizei (Landesbeamte) müssen inzwischen 2 Stunden
länger arbeiten, für das gleiche Geld versteht sich.
Entscheidend bei der Bewertung der Bsirske’schen Politik
ist nicht die nackte Tatsache, dass er und der ver-di-Vorstand – zumindest
angeblich – eine ergebnisnahe Forderung wollten und in der
Bundestarifkommission durchgesetzt haben. Entscheidend ist, was aus der
offiziellen Forderung gemacht wurde. Im Ergebnis wird sich diese Politik als
niederschmetternd herausstellen. Sie untergräbt die Glaubwürdigkeit und
Attraktivität der Gewerkschaft. Der inzwischen berühmt gewordene Spruch eines
Betriebsrates von Hartmann und Braun (Ffm) "Wozu brauchen wir dann noch eine
Gewerkschaft? Verzichten können wir auch alleine!" gewinnt neue Bedeutung.
Dass es zu Austritten kommen wird, liegt auf der Hand. Die Frage ist nur, wie
viele es werden.
Schlussfolgerungen für die Gewerkschaftslinke
Die Gewerkschaftslinke wird dem erneut einsetzenden Prozess
der Resignation nur dann gegensteuern können, wenn sie organisiert an folgende
Aufgaben geht:
· Unmissverständlich die volle Wahrheit über den Abschluss
vermitteln.
· Eine bundesweite Vernetzung aller kritischen Kräfte, die
jetzt z. B. Protestresolutionen verabschiedet haben, in Gang setzen, um in
Zukunft besser auf ein Austricksen der Tarifkommission und ähnliches reagieren
zu können.
· Den Kampf aufnehmen für einen höheren Abschluss in Berlin
und wo sonst noch Kommunen aus dem sogenannten "Arbeitgeberverband" austreten.