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  Kein Blut für Öl!

 

 

 

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Blowback:
Eine Nation erntet,
was sie gesät hat

Zu Tariq Alis neuem Buch ‚Fundamentalismus im Kampf um die Weltordnung – die Krisenherde unserer Zeit und ihre historischen Wurzeln‘

Auch wer Tariq Ali weder als politischen Menschen noch als Romanautor (z.B. des historischen Romans ‚Im Schatten des Granatapfelbaumes‘) kennt, wird sich vielleicht an folgende Mediennachricht vom Oktober 2001 erinnern: In München wurde er von der deutschen Polizei aus dem Flugzeug geholt, weil er mit dem Lesen des Buches von Karl Marx ‚Über den Selbstmord‘ sich für diese Schergen verdächtigt gemacht hatte, mit dem Terrorismus zu sympathisieren. Seinen Verdacht erläuterte der dienstbeflissene Beamte mit der Aussage: ‚So ein Buch liest man doch nicht, schon gar nicht zu dieser Zeit!‘

Nun hat er selbst ‚zu dieser Zeit‘ ein Buch geschrieben, das sich mit den Konflikten des Fundamentalismus in den Kreuzzügen, Dschihads und in der Moderne beschäftigt.

Das obige Zitat (‚Blowback...‘) aus dem Buch stammt vom US-amerikanischen Historiker Chalmer Johnson, der, wie viele seiner Landsleute, die komplexe und komplizierte Welt anders beurteilt als der einfältige US-Präsident (und leider nicht wenige seiner Landsleute...).

Historischer Hintergrund

Das Buch ist ein Geschichtsbuch, verbunden mit Geschichten, die das Anliegen des Autors deutlich machen und die ihn als politisch versierten Menschen erkennen lassen. Gewissermaßen kommt hier der Schriftsteller durch, mit dem Blick für passende und illustrierende Details.

Mehr als drei Viertel des Buches sind der Historie islamischer Staaten einschließlich dem Entstehen des Islam gewidmet. Für Neulinge in der Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus bildet dieser Teil eine unerlässliche Quelle historischen Wissens. Seine zeitliche und geographische Aufteilung dient dem gelungenen Versuch der Verdeutlichung und besseren Veranschaulichung; die historischen Querverbindungen werden aber dennoch hergestellt: So ist z.B. der Abriss über den Kaschmir Teil dessen, was über Afghanistan, Pakistan und Indien dargestellt wird.

Man könnte gewiss diesen Großteil des Buches übergehen und sich gleich dem letzten, durch die vorangegangenen Darstellungen gut vorbereiteten Kapitel zuwenden. Denn hier wird die Gegenwart erhellt: Beginnend mit der Geschichte des US-Imperialismus wird die ‚Septemberüberraschung‘ analysiert. Dieser letzte Buchteil endet mit einem – fiktiven – ‚Brief an einen jungen Muslim‘.

US-Imperialismus heute

Tariq Ali zeigt das Problem des entwickelten US-Imperialismus nach dem ‚Triumph des Kapitalismus‘ über den Kommunismus auf. Das Verschwinden des Feindes schien nun eine konfliktfreie Welt zur Folge zu haben. In dem Dreigestirn der USA, bestehend aus Politik, Wirtschaft und Militär, war daher der militärisch-industrielle Komplex hinsichtlich seiner Existenzberechtigung in Frage gestellt. Es wurde ja schließlich vom ‚Ende der Geschichte‘ gesprochen, was als Ende der ideologischen Evolution gemeint war.

Ein neuer Feind musste und konnte nun ausgemacht werden: Während die einfach strukturierten Politiker von der ‚Achse des Bösen‘ (mit religiösem Touch!) sprachen, philosophierte der ehemalige Experte für Aufstandsbekämpfung in Vietnam Samuel Huntington über den ‚Kampf der Zivilisationen‘: Diese Zivilisationen stehen – jede für sich – für ein bestimmtes Wertesystem, das durch die Religion (!) veranschaulicht wird, „vielleicht die zentrale Kraft, die die Menschen motiviert und mobilisiert" (Zitat nach Huntington). Der Westen (sprich: die USA) müsse den Bedrohungen seitens rivalisierender Zivilisationen militärische Macht entgegen setzen.

Auf dieser ideologischen Grundlage betrachten die USA die Welt, die nun wieder ‚in Ordnung‘ ist. Als einzig verbliebene Supermacht der Welt sieht sie für sich eine vollkommene Wahlfreiheit der Politik, die auch den Krieg (als Fortsetzung dieser mit anderen Mitteln) einschließt.

Blowback

Die Aufbereitung der Anschläge vom 11.9.01 „als Wendepunkt der Weltgeschichte" beurteilt Tariq Ali als Propaganda. Gewiss, für die US-amerikanischen Bürger bringt dieses Ereignis die Erfahrung, dass ihr Festland „kein unantastbares Heiligtum" ist. Der verursachte Schock brachte den führenden Chauvinisten des Landes spontan relativ viel Zustimmung für ihren „Krieg gegen den Terror".

Menschen wie der oben zitierte C. Johnson hatten ihre Landsleute vor einem ‚Blowback‘ gewarnt, mit ‚Terrorangriffen gegen Amerikaner‘. Diese Warnungen prallten an einer Nation ab, die in ihrer Geschichte schon immer ‚god on our side‘ (R. Zimmermann) beanspruchte und deren Selbstgerechtigkeit die Augen vor dem Leid der Menschen verschloss, die die US-Armee diesen zufügte.

Einen fundamentalen Wandel in der Weltpolitik vermag Tariq Ali nicht auszumachen. Weder die Selbstgebärdung der USA als Imperialmacht noch ihre Interessenpolitik auf der Grundlage der stärksten Armee der Welt sind grundsätzlich neu, schon gar nicht seit dem Ende der ‚Bipolarität‘ der Welt.

Die angebliche Neuigkeit ist eher durch das geweckte Interesse an den wirkenden Konfliktparteien und –orten verursacht. Informationen hierüber sind nun stark gefragt. Tariq Alis Buch trägt ganz zweifellos Erhellendes bei.

Walter Wiese

 


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