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INNEN

Telekommunikation:
Die Party ist vorbei

Seit Anfang 2001 sind weltweit rund 30 bedeutende Telefon- und Datennetzbetreiber in Konkurs gegangen – darunter Hoffnungsträger wie Carrier 1, Global Crossing, RSL Com und Worldcom.

Weitere Betreiber, wie die Deutsche Telekom, France Télécom, British Telecom oder AT& T in den USA, stöhnen unter einer gigantischen Schuldenlast, fahren deshalb ihre Investitionen fast gegen Null und reißen damit die Telekomausrüster wie Lucent, Nortel Siemens ICN, Alcatel, Marconi oder Ericsson mit in den Strudel. Wie konnte es zu einer solch krisenhaften Entwicklung kommen?

ÜberProduktion

Die Antwort ergibt sich aus zwei klassischen Phänomenen, die Karl Marx schon beschrieben hat: Überproduktion und Überakkumulation.

Getrieben von einer enormen Zunahme der weltweiten Teilnehmerzahlen zwischen 1996 und 2000 im Mobilfunkbereich um 35%, bei der Internetnutzung sogar um 63%, einem weiteren Anstieg im Festnetzbereich auf fast eine Milliarde TeilnehmerInnen und im Umfeld einer blinden New-Economy-Gläubigkeit vertrauten die Telekombetreiber und -ausrüster darauf, dass diese explosive Expansion der Internet- und Mobilfunknutzung eine nahezu unbegrenzte Nachfrage nach Telekommunikationskapazitäten auslösen würde. Dementsprechend addierten sich die Ausgaben im Telekombereich zwischen 1997 und 2001 in Europa und den USA gemäß "Jahrbuch für Europäische Informationstechnologie" auf mehr als 4.000 Milliarden $. Die jährlichen Investitionen der Betreiber in die Infrastruktur haben sich in dieser Zeit verdreifacht.

Überakkumulation

Durch den extensiven Ausbau der Netzinfrastruktur (z.B. Glasfasernetze, Router, Vermittlungs- und Übertragungssysteme etc.) sind enorme Überkapazitäten entstanden. Die Folge dieses Netzbooms: die Netzauslastung liegt heute nur noch bei etwas über 30%, beim Glasfasernetz in den USA sogar nur bei 5%. In der Folge sind die Preise für die Nutzung der Infrastruktur dramatisch gefallen. Hinzu kam nach 2001 eine zunehmend krisenhafte Entwicklung der kapitalistischen Weltwirtschaft mit weiteren Einbrüchen im Betreibergeschäft.

Einkauf auf Pump

In dem Drang, den größeren Teil des Telekomgeschäfts zu bekommen, gingen die großen Betreiber in dieser Zeit weltweit auf Einkaufstour. France Télécom kaufte Orange für 43 Mrd. € und stieg bei Mobilcom ein, die Deutsche Telekom kaufte Voicestream für knapp 35 Mrd. €, Vodafone übernahm für 176 Mrd. € Mannesmann Mobilfunk, und AT&T kaufte in den USA dutzende Firmen für rund 100 Mrd. $. Dazu kam die enorme Summe von fast 110 Mrd. €, die in Britannien, Frankreich und Deutschland für die UMTS-Lizenzen zu zahlen waren.

Die Aufblähung der Geschäfte, die Investitionen in die Infrastruktur und die Übernahmen haben die Betreiber im wesentlichen nicht aus Eigenkapital sondern über den Kapitalmarkt finanziert. Kapital strömte in diesen scheinbar profitablen und aussichtsreichen Anlagebereich. So vergaben Banken, Thomson Financial zufolge, zwischen 1996 und 2001 Kredite in Höhe von 890 Mrd. $. Weitere 450 Mrd. wurden über den Anleihemarkt aufgenommen und 500 Mrd. über Privateinlagen und die Börse finanziert. Das globale Finanzsystem wurde süchtig nach einem ständigen weiteren Anheizen dieses Feuers. Fast die Hälfte der 1999 vergebenen Bankkredite in Europa gingen an Telekommunikationsunternehmen. Die Ratingagentur Moody’s schätzt, dass etwa 80% aller hochprozentigen Anleihen, die in den USA auf dem Höhepunkt des Booms aufgelegt wurden, zur Finanzierung von Telekomunternehmen dienten.

Abbau

Heute stehen z.B. die France Télécom mit 70 Mrd. € Schulden da, die Deutsche Telekom mit 64 Mrd. €, und AT&T musste die Last seiner 56 Mrd. $ Schulden durch massive Verkäufe von Firmenteilen reduzieren. Gleichzeitig fiel der Aktienwert aller Telekommunikationsunternehmen und –hersteller seit dem Höhepunkt März 2000 um 3.800 Mrd. $. Um das ins Verhältnis zu setzen: Die gesamten Wertverluste an den asiatischen Börsen während der Asienkrise Ende der 1990er Jahre betrugen „nur" 813 Mrd. $.

Die Folgen sind katastrophal. Bei France Télécom stehen 20.000 Arbeitsplätze auf der Kippe, die Deutsche Telekom plant 50.000 Stellen zu streichen und bei den Ausrüstern und in der Zulieferindustrie wurden bis Ende 2001 bereits mehr als 550.000 Arbeitsplätze zerstört. Und diese Zerstörung bei den Herstellern geht weiter, wie die letzten Personalabbauplanungen von Siemens ICN, Nortel, Lucent und Alcatel zeigen.

Konrad Reich


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