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Sozialismus oder Barbarei!

1916, während des ersten Weltkrieges, verfasste Rosa Luxemburg die unter dem Titel Junius-Broschüre bekannt gewordene Schrift Die Krise der Sozialdemokratie. Sie setzte sich mit den Perspektiven auseinander, welche die Entwicklung des Kapitalismus bietet.

Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges war nicht nur für die Bourgeoisie der imperialistischen Länder die Zeit vorbei, in der immer alles aufwärts ging und keine Sorge um die Zukunft notwendig schien. Auch die Strategien der wichtigsten Fraktionen der internationalen, in Worten noch revolutionären und marxistischen Sozialdemokratie, erwiesen sich als kurzsichtig. Die Fraktion um Bernstein wollte über Reformen und Mitgestaltung zum Sozialismus kommen und die um Kautsky ging davon aus, mensch könne sich auf die objektive Entwicklung des Kapitalismus verlassen und müsse nur abwarten, bis der Sozialismus einem wie eine reife Frucht von selbst in den Schoß fallen würde.

Die Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien überdachte mit Kriegsbeginn nicht ihre bisherige Politik. Sie machte weiter wie bisher und band sich durch die Unterstützung des imperialistischen Krieges nur noch stärker an die herrschende Klasse des jeweiligen Landes. Nur eine Minderheit, um Luxemburg, Lenin, Liebknecht, Trotzki oder Blagoew widersetzte sich dem.

Imperialismus oder Sozialismus

Rosa Luxemburg hatte sich auch schon vor 1914 mit imperialistischer Politik auseinandergesetzt und dabei unter anderem festgestellt, dass die Stabilität der europäischen Großmächte auch auf der Ausplünderung von Kolonien beruht. Dort lag keine ruhige Entwicklung des Kapitalismus mit relativ breitem Wohlstand bis hin in Teile der ArbeiterInnenklasse vor, sondern eine brutale Ausplünderung, welche nur Armut und Zerstörung produziert.

Mit den Balkankriegen 1912/13 begann die Entwicklung West- und Mitteleuropas um 1914 auch die imperialistischen Zentren mit einzubeziehen. Die bürgerliche Gesellschaft stehe vor der Alternative "entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei". Würde der Imperialismus siegen, bedeute das dauerhaft die Zerstörung jeglicher Kultur, die Verwandlung der Welt in einen großen Friedhof. Nur der Sieg des Sozialismus könne dies verhindern.

Schonungslose Kritik

Hierzu bedarf es aber, so Rosa Luxemburg, einer schonungslosen Selbstkritik der bisherigen Politik der ArbeiterInnenbewegung. "Der Fall des sozialistischen Proletariats im gegenwärtigen Weltkrieg ist beispiellos, ist ein Unglück für die Menschheit. Verloren wäre der Sozialismus nur dann, wenn das internationale Proletariat die Tiefe dieses Falls nicht ermessen, aus ihm nicht lernen wollte". Die bisherigen Strategien des Abwartens und Mitgestaltens der Sozialdemokratien der imperialistischen Länder sind zugunsten der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen Imperialismus und Krieg und für den Sozialismus zu überwinden.

Fortgesetzte Barbarei

Die aufsteigende Barbarei, welche Rosa Luxemburg mit dem ersten Weltkrieg kommen sah, hat sich, mit gewissen Schwankungen, bis heute fortgesetzt. Kriege, Hungerkatastrophen, Massen-morde bis hin zur industriellen Ausrottung der Jüdinnen und Juden Europas durch das nationalsozialistische Deutschland zeigen deutlich, dass die Frage Sozialismus oder Barbarei? bis heute zumeist zugunsten der Barbarei beantwortet wurden. Wie Trotzki und Bloch an anderen Stellen feststellten, ist die Schicht der kapitalistischen Zivilisation, welche den unmittelbaren Ausbruch der mit dieser Zivilisation untrennbar verknüpften Barbarei verhindert, allzu dünn und rissig. Auch der neue drohende Krieg im Nahen Osten scheint da nur eine weitere Episode eines endlosen Geschehens zu sein. Das internationale Proletariat und seine Organisationen waren nur zeitweise stark genug, um Schlimmeres zu verhindern. Die Bürokratisierung der (übrigens entgegen anders lautender Aussagen von Rosa Luxemburg begrüßten) russischen Revolution hin zum Stalinismus stellte da keine Alternative dar.

Auf internationaler Ebene organisieren

Daher ist es auch heute noch sinnvoll, sich nicht nur die 1916 von Rosa Luxemburg aufgestellten Leitsätze für eine revolutionäre und sozialistische Internationale zu vergegenwärtigen, sondern auch nach diesen zu handeln: Es gibt keinen Sozialismus ohne Klassenkampf und internationale Solidarität des Proletariats. Der Verzicht auf beides würde auch Verzicht auf den Sozialismus bedeuten. Grundvoraussetzung für die sozialistische Revolution ist die organisatorische und theoretische Unabhängigkeit der ArbeiterInnen von der Bourgeoisie und deren nationalistischen Ideologien. Der Schwerpunkt der Klassenorganisation des Proletariats muss auf der internationalen Ebene liegen, das Proletariat jeden Landes muss sich "seiner" Bourgeoisie entgegenstellen. Die gemeinsamen Ziele der ArbeiterInnen-klasse lassen sich dabei nur über die Aktivität der Massen im internationalen Maßstab erreichen. Auf dass der Sozialismus der Anfang und nicht die Barbarei das Ende werde.

joe hill

 


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