| INNEN |
|
Der Untergang des Tankers “Prestige” – und des
Prestiges der spanischen Regierung
Der spanische Staat steht vor einer Folge von Wahlen. Im
Mai 2003 finden Kommunalwahlen und Wahlen zu den Regionalparlamenten statt.
Ein Jahr später sind dann allgemeine Parlamentswahlen. In ihrem gegenwärtigen
Wahlkampf hat die regierende Volkspartei (Partido Popular, PP) die
Plakatwände mit ebenso großen wie demagogischen Plakaten zugepflastert, die
von einem Spruch beherrscht sind: "Weniger Steuern. Mehr Sicherheit."
Mit der durch den Untergang der "Prestige" ausgelösten
Krise verschwanden diese Plakate sehr plötzlich. Weniger Steuern und damit
weniger Interventionsmöglichkeiten für den Staat, das ist die Politik der PP,
aber ganz offensichtlich auf Kosten der Sicherheit in allen für die
Bevölkerung wesentlichen Bereichen.
Verdrängung
Der Untergang der "Prestige" ist eine enorme ökologische,
soziale und ökonomische Katastrophe, deren langfristige Konsequenzen derzeit
nicht abgeschätzt werden können. Die letztendlichen Ursachen dieses Unglücks
sind nicht isoliert von dem herrschenden Modell der Globalisierung zu
betrachten (Billigflaggen, exzessive Handelsaktivitäten), und die weitere
Entwicklung müsste eigentlich zu einer grundlegenden Neubewertung der
neoliberalen Politik führen, die die Politik aller Staaten dominiert und die
die PP-Regierung seit 1996 mit besonderem Dogmatismus verfolgt.
Seit dem Ausbruch der Krise versucht die spanische
Regierung, Nebel zu werfen, wegzusehen oder sich schlicht zu drücken. Dieses
feige Verhalten kennzeichnete ihre gesamte Aktivität in den bisherigen Phasen
und schlug sich nieder im Herunterspielen des Ausmaßes der Tragödie, in einer
gefährlichen Desinformation und einer nicht hinnehmbaren Manipulation der
öffentlichen Meinung. Vom ersten Moment an verfolgte man ein einziges Ziel:
die "Prestige" verschwinden zu lassen, das Problem sozusagen zu beerdigen und
zwar so weit wie möglich von der Küste entfernt, in einer Wassertiefe von mehr
als 3500 m – und damit als Bedrohung der gesamten westeuropäischen
Küstenlinie.
Die grundsätzliche Lehre, die die Linke aus dieser Krise
ziehen sollte, ist, den Neoliberalismus anzugreifen, indem eine weitere seiner
verheerenden Folgen öffentlich gemacht wird. Dabei sollte hervorgehoben
werden, dass es sich um die Folgen eines absurden sozialen Modells handelt, in
dem die Natur, die Gesellschaft und die Individuen allen möglichen Risiken
ausgesetzt werden, obwohl die materiellen Mittel da wären, diese zu vermeiden.
An all die Verteidiger des Privatunternehmertums und der Zurückdrängung des
Staates, an alle, die an den Markt als die oberste Instanz der Regelung
sozialer Beziehungen glauben, ist in dieser dramatischen Situation die Frage
zu stellen: Was ist die Antwort der neoliberalen Ideologie auf die durch den
Untergang der "Prestige" ausgelöste Krise?
Es ist schlechterdings unmöglich, dass Situationen dieses
Ausmaßes und dieser Dramatik mit den Mitteln des Privatunternehmertums
begegnet werden kann, ebenso, wie es unmöglich ist, Privatunternehmen zu
finden, die auch nur annähernd die Kapazität besitzen, mit derartigen
Katastrophen, seien es nun hausgemachte oder Naturereignisse, fertigzuwerden.
Politik der Steuersenkung
Ein anderer Aspekt, der anlässlich der aktuellen Krise und
ihrer Beziehung zum neoliberalen Politikmodell beleuchtet werden muss, ist die
falsche Politik der Steuersenkungen, die schleichend die Kapazität des Staates
unterhöhlt, mit den notwendigen Mitteln auf vorhersehbare Risiken reagieren zu
können. Für die politische Rechte hat sich die Politik der Steuersenkungen in
eine Art magisches ökonomisches Universalrezept verwandelt – ohne dass,
beklagenswerterweise, die Linke dem ausreichend Kampfkraft entgegensetzt. Die
„offizielle Linke" ist teilweise selbst in diese Politik verstrickt, und wo
dies nicht der Fall ist, ist sie mitgerissen von dem Strudel neoliberaler
Ideologie und von dem demagogischen Kampf um die Wählerstimmen schlecht
informierter und verwirrter Bürger.
Die Steuersenkungen sind der erste Schritt zur
nachfolgenden Absenkung öffentlicher Ausgaben, die zunächst auf Bereiche
konzentriert werden, in denen wenig gesellschaftlicher Widerstand zu erwarten
ist – und das könnten gerade die Ausgaben sein, die zur Abwehr von Situationen
des kollektiven Notstands vorgesehen sind. Man hatte nicht ein einziges
spanisches Spezialschiff zur Ölabsaugung im Dienst, obwohl Spanien eines der
europäischen Länder mit der längsten Küstenlinie ist und die "Prestige" in
einer Zone havarierte, die mit Recht auch "Todesküste" heißt.
Schlanker Staat
Man muss wissen, dass im Spanischen Staat der Anteil
öffentlicher Ausgaben am Bruttosozialprodukt immer geringer war als der
europäische Durchschnitt und dass die PP-Regierung ihn weiter empfindlich
reduziert hat, indem sie einer in zweierlei Hinsicht widersinnigen Politik
folgte: Auf der einen Seite unter allen Umständen den europäischen
Stabilitäts-pakt zu erfüllen, was heißt, das Staatsdefizit zu reduzieren, auf
der anderen gleichzeitig fiskalische Reformen durchzuführen, die, abgesehen
von ihrem Konjunktureffekt, die Staatsfinanzen zusätzlich schwächen. Die PSOE
(sozial-dem. Partei, d.Ü.) ist auf das Spiel eingegangen und hat gefordert,
als Obergrenze der öffentlichen Ausgaben 40% des BSP festzulegen, eine Marge,
die die PP bereits erreicht hatte.
Dieser historisch zu nennende Abbau der Staatsausgaben und
seine Folgen haben zu schweren Verwerfungen in der Infrastruktur und bei den
sozialen Diensten geführt. Das sollte der Moment sein, um gemeinsam erneut
eine Reihe von Fragen aufs Tapet zu bringen, die in letzter Zeit von der
neoliberalen Demagogie zugedeckt wurden. Die Havarie der "Prestige", deren
Folgen nicht absehbar sind, aber die in jedem Fall langandauernd und
dramatisch sein werden, liefert dafür eine außergewöhnlich passende
Gelegenheit.
Mobilisierungen
Die Mobilisierungen, die von Beginn der Krise an
stattfanden (200 000 Menschen demonstrierten in Galizien) und die als Inhalt
die Ablehnung der Regierungspolitik und die Forderung nach Rücktritt von Aznar
(Regierungschef) hatten, können nicht an dem Punkt des bloßen Protestes stehen
bleiben. Man muss ihnen eine inhaltliche Basis geben: Gegen diese aus der
Ideologie des Neoliberalismus entstehende, irrwitzige Welt gilt es zu kämpfen,
damit das "Nie wieder", das in diesen Tagen die Bevölkerung Galiziens
verzweifelt beschwört, möglich wird.
Die "Prestige" hat mit ihrem Untergang das Prestige der
Regierung beschädigt und das kann erhebliche Auswirkungen auf die Wahlen
haben. Mit dem Untergang der "Prestige" könnte auch der Untergang der PP
eingeläutet sein. Ohne Zweifel wird aber ein Regierungswechsel bei den Wahlen
als Folge der Inkompetenz Aznars und seiner Minister keine große politische
Erschütterung bedeuten, wenn er nicht von einer genauen und sorgfältigen
Analyse über die Gründe, die zu der Schiffstragödie geführt haben, begleitet
wird, mit dem Ziel, einen Politikwechsel einzuleiten und, vor allem, den
Neoliberalismus zurückzudrängen.
Pedro Montes, Vereinigten Linken
Übersetzung: Klaus Engert
zu diesem Artikel einen Leserbrief schreiben
|
|