Der Bericht, den Michael Chandler im Namen einer
UN-Expertengruppe Mitte Dezember präsentierte, stellt den selbsternannten
Kriegern gegen den Terror kein gutes Zeugnis aus. Zwar seien einige Strukturen
des al-Qaida-Netzwerks geschwächt worden, doch "Anhänger schließen sich
weiterhin seinen Reihen an und es entwickelt weiterhin Allianzen mit
nationalen oder regionalen extremistischen Gruppen". In Afghanistan, so
Chandler, seien sogar neue Trainingslager entstanden. "Ich weiß nichts von
reaktivierten al-Qaida-Lagern", kommentierte ein Sprecher der US-Armee. In der
gleichen Woche gab es allein in Kabul zwei Anschläge auf ausländische
Soldaten.
Mehr als ein Jahr nach Beginn des "Krieges gegen den
Terror" sind die wichtigsten Führer von al-Qaida noch auf freiem Fuß, die Zahl
der Anschläge des Netzwerks und verbündeter Gruppen hat sich dramatisch
erhöht. Die gewaltige westliche Militärmaschinerie läuft ins Leere, ihr Feind
bleibt ungreifbar. Denn sehr geschickt nutzt al-Qaida die beiden modernsten
Phänomene des Kapitalis-mus, die Warlordisierung und die sogenannte
Globalisierung, aber auch die Widersprüche der westlichen Politik. Der Zerfall
staatlicher Macht bietet die Möglichkeit, Rückzugsgebiete und
Aus-bildungslager zu errichten. Die Globalisierung ermöglicht den schnellen
Transfer von Geld, Ideologien, Informationen und Attentätern von Kontinent zu
Kontinent. Repressive Maßnahmen erwiesen sich bislang als wenig erfolgreich.
Terror der Oligarchie
Auf das Phänomen der Warlordisierung, eine Folge der
Perspektivlosigkeit verelendeter Bürgerkriegsgesellschaften, weiß die
westliche Politik keine Antwort. Erst seitdem die Anschläge auf westliche
Soldaten und die Gefechte rivalisierender Warlords zunahmen, begann man
zögerlich mit den Vorbereitungen, Afghanistan militärisch unter Kontrolle zu
bringen – ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. An die
al-Qaida-Rückzugsgebiete im benachbarten Pakistan wagt man sich nicht heran,
denn entschiedene Militäraktionen würden das pakistanische Regime
destabilisieren und könnten zu einem Bürgerkrieg mit den Islamisten führen.
Die Geldquellen von al-Qaida versiegen zu lassen, scheitert
nicht nur am Bankgeheimnis und anderen Tabus des Kapitalismus, sondern auch an
der westlichen Bündnispolitik. Denn die wichtigsten Sponsoren des Netzwerks
sind Oligarchen aus Saudi-Arabien und anderen Golfmonarchien, die wie Pakistan
mit den USA verbündet sind.
Dies ist allerdings auch der Grund, warum die von manchen
Kreisen der Linken empfohlene "weiche Linie", durch eine Erhöhung der
Entwicklungshilfe und mehr soziale Gerechtigkeit dem Terrorismus den Boden zu
entziehen, ebenso ins Leere laufen würde. Denn nicht die wachsende
Verelendung, sondern der wachsende Reichtum mancher Staaten der "Dritten Welt"
ist die Grundlage des al-Qaida-Terrors.
Die Mitglieder stammen aus der Oligarchie und den oberen
Mittelschichten. Ihr Ziel ist nicht mehr soziale Gerechtigkeit, sondern ein
eigenes Imperium, regiert nach den Regeln der Sharia. Wenn China und Indien
nach dem Status von Weltmächten streben, warum sollte dann ein Staat wie
Saudi-Arabien, der mehr als eine Billion Dollar für Auslandsinvestitionen
erübrigen kann, nicht auch ehrgeizige Ziele verfolgen? Al-Qaida will die
Petrodollars der Golfmonarchien, die Atombomben Pakistans und die
Menschenmassen der armen islamischen Staaten in einer Weltmacht
zusammenschließen.
In al-Qaida vereinigten sich die reaktionärsten Strömungen
des Islamismus. Der klassische Islamismus strebte eine religiös legitimierte
Entwicklungsdiktatur an. Sein Gesellschaftsmodell verkündet nicht allein die
Notwendigkeit eines strengen Patriarchats und eingeschränkter Rechte für
Nichtmuslime, sondern auch ein organisches Gesellschaftsmodell, das jede Form
von sozialer Interessenver-tretung zur Sünde gegen ein gottgegebenes System
stempelt.
Kolonialismus und Imperialismus waren aus islamistischer
Sicht nicht vor allem Systeme politischer Dominanz und ökonomischer
Ausbeutung, sondern Faktoren gesellschaftlicher Zersetzung. Von Anfang an
übernahm die Bewegung die Stereotypen des europäischen Antisemitismus und
verband sie mit einer antijüdischen Auslegung der islamischen Überlieferung.
Der Sozialismus, aber auch die emanzipatorischen Elemente des Kapitalismus,
die tendenzielle Befreiung von den Schranken der traditioneller Hierarchien,
wurden als jüdischer Kampf gegen den Islam interpretiert.
Jihad als individuelle Pflicht
In den siebziger Jahren spaltete sich eine extremistische
Fraktion von der Hauptströmung des Islamismus ab. Damals entwickelte die
ägyptische Jihad-Organisation (JO) in der islamischen Theologie zuvor
unbekannte Vorstellungen: Der Jihad, den sie als "heiligen Krieg" verstanden,
sei eine individuelle Verpflichtung für jeden Muslim, und nichtmuslimische
Zivilisten dürfen getötet werden, wenn sie sich in irgendeiner Weise, und sei
es allein durch die Zahlung von Steuern, "gegen den Islam" engagieren. 1981
wollte die JO durch eine exemplarische Gewalttat, das Attentat auf Präsident
Sadat, einen Aufstand auslösen.
Diese Eskalationsstrategie und die JO-Ideologie wurden zur
Grundlage der al-Qaida-Politik, vertreten vom ehemaligen JO-Führungsmitglied
Ayman al-Zawahiri, der der eigentliche Führer von al-Qaida sein dürfte. Der
saudische Multimillionär Ussama bin Laden, Sohn einer der reichsten Familien
des Landes mit engen Verbindungen zum Königshaus, brachte die extrem
intolerante puritanische Staatsideologie, den Wahhabismus, in das
islamistische Bündnis ein,
Während der klassische Islamismus die Notwendigkeit einer
sozialen Umverteilung erkannt hat, weil jede Entwicklungspolitik ohne Bildung
und Brot für die Armen und ohne Zugriff auf die Ressourcen der Oligarchie
unmöglich ist, setzt al-Qaida auf exemplarische Gewalt. Das Beispiel des
"Märtyrers" und die bewusst provozierte Repression und Militärgewalt sollen
die zögernden Muslime dazu zwingen, Partei zu ergreifen. Zugleich sollen sie
in den betroffenen Staaten Angst erzeugen und die Öffentlichkeit gegen
Militärinterventionen in der islamischen Welt einnehmen.
Der 11. September und die folgenden Attentate halten sich
an dieses Muster. Sie propagieren aber auch eine ideologische Botschaft, denn
fast alle richten sich gegen Symbole "jüdischer Zersetzung" und "westlicher
Dekadenz": Gegen das World Trade Center, wo Menschen unterschiedlicher
Religion aus 82 Staaten arbeiteten und das den Islamisten als Zentrum des
"jüdischen Finanzkapitals" galt, gegen Nachtclubs in Bali als Zentren
"unislamischer" Vergnügungen", oder schlicht gegen eine Synagoge im
tunesischen Djerba.
Soziale Befreiung gegen Terror und Krieg
Ihre reaktionäre Ideologie, ihr Antisemitismus und ihre
Angriffe auf die internationale Arbeiterklasse machen al-Qaida zum Todfeind
der Linken und jeder emanzipatorischen Bewegung. Wie bei anderen
rechtsextremen Bewegungen ist eine Verfolgung ihrer Verbrechen nach den Regeln
des bürgerlichen Rechtsstaats legitim und notwendig. Doch der "Krieg gegen den
Terror" hat nicht nur mindest-ens 5000 afghanische ZivilistInnen das Leben
gekostet und zu einer beispiellosen Einschränkung demokratischer Rechte
geführt, sondern sich auch als gänzlich ineffektiv erwiesen.
"Das Taliban- und al-Qaida-Phänomen", so eine Erklärung der
Revolutionären Vereinigung der Frauen Afghanistans (RAWA) zum Jahrestag des
11. September, "hätte nur durch einen Aufstand der Bevölkerung, durch die
Stärkung und Machtübernahme säkular-demokratischer Kräfte entwurzelt werden
können." Die westlichen Staaten aber kungeln lieber mit den islamistischen
Warlords. Sie fürchten jede unkontrollierbare Mobilisierung, obwohl die
Opposition in islamischen Ländern heute zumeist "westlichen" Ideologien folgt.
Auch die StudentInnen, die im Iran für Demokratie und Säkularismus auf die
Straße gehen, finden wenig Unterstützung.
Hinter den "bürgerlichen" Forderungen steht die Sehnsucht
nach einem besseren Leben, nach einem Ende der Unterdrückung durch den Staat,
aber auch durch Väter und Ehemänner. Deshalb sind Rawa und iranische
StudentInnenenbewegung radikaler als die nationalistische und stalinistische
Linke der Vergangenheit, die "private" Unterdrückung ignorierte und
Unterordnung und Verzicht im Namen der Staatsziele forderte. Ihre Politik
führte meist zu Bündnissen mit reaktionären Kräften, einer Identifikation
kapitalistischer Ausbeutung allein mit den USA, nicht selten auch zu
antisemitischem Ressentiment. Bewegungen, die für gesellschaftliche
Emanzipation kämpfen, werden spätestens nach den ersten Siegen über Warlords
und Diktatoren gezwungen sein, auch die soziale Frage aufzugreifen. Nur sie
werden die Befreiung der islam-ischen Welt erkämpfen können.