Anfang November räumte die Polizei unter Federführung von
Innensenator Ronald Schill den im innenstadtnahen Karolinenviertel gelegenen
Bauwagen-platz Bambule. Ein Polizeiaufgebot mit zehn Hundertschaften
und Wasserwerfern sperrte das Viertel mit der gesamten Umgebung weiträumig ab.
Die BewohnerInnen der Bambule sollten aus der gesamten Stadt vertrieben
werden. Einige der Behausungen wurden beschlagnahmt, einige BewohnerInnen
zwecks Zwangsvorführung auf dem Wohnungsamt in Gewahrsam genommen.
Orchestriert wurde das Ganze von einem reaktionären Trommelfeuer fast der
gesamten Hamburger Tagespresse, welche die BauwagenbewohnerInnen und ihre
UnterstützerInnen als Krawallmacher und TerroristInnen abstempelte.
Warum geräumt wird
Das gewaltförmige Vorgehen des Senats verfolgt zwei Linien.
Zum einen sollen die innenstadtnahen Viertel "sauber" und "vorzeigbar" werden.
Angeblich würden dadurch Investitionen angezogen und die Olympiabewerbung
Hamburgs für 2012 befördert. Die Räumung von Bambule steht aber auch
noch mit der direkten Erweiterung des Messegeländes in Zusammenhang, welche
Teile des Karolinenviertels umstrukturieren würde.
Zum anderen erfüllt die Benachteiligung und Drangsalierung
von offensichtlich von der gesellschaftlichen Norm abweichenden Menschen (ob
geplant oder nicht) die Funktion, die schwächelnde Basis des Senats wieder
stärker an diesen zu binden. Vielen "kleinen Leuten", welche von Beust,
Schill & Konsorten gewählt haben, geht es objektiv nach über einem Jahr
des neuen Senats nicht besser. Mensch kann sich aber besser fühlen, wenn es
denjenigen, welche unter einem stehen, noch mieser geht. Wenn Schwarze durch
die zwangsweise Einnahme von Brechmitteln gequält oder Bunthaarige aus ihren
Behausungen vertrieben werden, trifft es nach den reaktionären Projektionen
der SpießerInnen diejenigen, welche für die eigene Misere verantwortlich sind.
Halluzinationen des Innensenators
Seit Anfang November gab es wegen der Räumung über 20
Demonstrationen, einige davon mit bis zu 10.000 TeilnehmerInnen. Entgegen
Lageberichten von Polizei und Verfassungsschutz halluzinierte Innensenator
Schill immense Gewaltpotentiale besonders bei den größeren Demos herbei, um
die Innenstadt absperren zu lassen. Böse Zungen behaupten, dass es hier vor
allem um ein unbeeinträchtigtes Weihnachtsgeschäft für den Einzelhandel ging.
Gewalt ging in aller Regel nur von der Polizei aus, welche bei mehreren Demos
massiv provozierte. So griff sie eine Spontandemo nach einem Heimspiel des FC
St. Pauli bei Minusgraden mit Wasserwerfern an, kesselte mehrere hundert
Beteiligte und PassantInnen stundenlang ein und nahm sie dann in Gewahrsam. In
der Zeitung konnte mensch am nächsten Tag dann lesen, die Polizei sei massiv
gegen "gewalttätige Chaoten" vorgegangen. Nicht nur bei dieser Demo fragten
sich viele, ob sie nicht auf einer anderen Veranstaltung waren als auf der,
über welche berichtet wurde.
Bambule als Symbol
Die Räumung der Bambule entwickelte sich zum Symbol,
an welchem sich bisher vereinzelte Widerstände gegen die reaktionäre und
repressive Politik des Senats sammelten. Der sich seit zehn Jahren in einer
Krise befindlichen autonomen und alternativen Szene Hamburgs gelangen erstmals
seit Mitte der 1990er Jahre wieder größere Mobilisierungserfolge. Die ASten
mehrerer Hochschulen und die in der Sozialpolitischen Opposition
zusammengeschlossenen Initiativen und Träger der Sozialarbeit brachten sich
intensiv in die Proteste ein. Die Aktivitäten bekamen schnell die über den
unmittelbaren Anlass hinausgehende Stoßrichtung: "Schill muss weg" und "Senat
stürzen". Den meisten ist klar, dass mensch mit SPD/GAL auch in Zukunft nicht
besser fahren würde und radikalere Veränderungen notwendig sind.
Gewerkschaften zurückhaltend
Die Gewerkschaften hielten sich bis auf die GEW mit der
Solidarität zurück. Bei einer von DGB und Ver.Di angesetzten Großdemo gegen
die Spar- und Privatisierungspolitik des Senats am 5. Dezember kamen
Oberbürokraten wie DGB-Häuptling/SPD-MdBü Pumm und der neue Shooting-Star von
Ver.Di, Rose, ins Schlingern. Sie wollten lieber mit den KollegInnen von der
Polizeigewerkschaft GdP demonstrieren, als mit unkontrollier-baren Kräften.
Doch die GdP hatte einen Tag vorher ihre Teilnahme zurückgezogen. Auf der Demo
selbst stellten die offiziellen Gewerkschaftsblöcke nicht einmal ein Drittel
der knapp 10.000 TeilnehmerInnen. Viele GewerkschafterInnen etwa von der GEW
oder der Ver.Di-Fachgruppe Medien gingen bewusst nicht im Gewerkschaftsblock
sondern bei den "ChaotInnen" mit.
Entscheidend wird die Verstetigung der weiteren Proteste
gegen den Senat über Demos hinaus sein, um den Normalzustand in der Stadt zu
beeinträchtigen. Dafür bedarf es des Aufbaus handlungsfähiger Basisstruk-turen
in Stadtteilen, Betrieben, Schulen und Unis. Und noch mehr als bisher müssen
SchülerInnen und GewerkschafterInnen in die Proteste einbezogen werden.